HAMBURG, 10. Mai. Nachdem Andreas Brehme, der gebürtige Hamburger, in Kaiserslauterns Diensten und die vom Hamburger SV abwandernden Uwe Jähnig, Hasan Salihamidzic und Sven Kmetsch verabschiedet waren, wäre eigentlich das Idol drangewesen. Uwe Seeler, 61 und Ikone des Hamburger und in den sechziger Jahren auch des bundesdeutschen Fußballs, scheidet ab sofort aus als Präsident des HSV, dem er zweieinhalb Jahre vorstand.Uwe Seeler, das war mal das Wirtschaftswunder in Person, strebsam, solide, brav und bodenständig. Als italienische Einkäufer den Mittelstürmer 1961 mit für damalige Verhältnisse unvorstellbaren 900 000 Mark Handgeld und 1,5 Millionen Mark Ablöse zu Inter Mailand ins Land der goldenen Zitronen locken wollten, schmetterte der seinerzeit einflußreiche Pater Leppich sein Veto von der Kanzel. Uwe blieb im Lande und nährte sich redlich. Danach wurde seine Unterschrift an der Autogrammbörse gegen vier Adenauers gehandelt. Und als er 1966 beim verlorenen Weltmeisterschaftsfinale tränenüberströmt von einem Bobby aus dem Wembleystadion geführt wurde, weinte auch die Republik, weil sie spürte, daß doch nicht alle Träume wahr werden.Seeler selbst hatte am Sonnabend auf eine Verabschiedung verzichtet, gefürchtet hatte er, eine ehrenvoll gemeinte öffentliche Danksagung würde Pfiffe im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion provozieren.Millionen verpulvertGrund genug gäb s.In Seelers Amtszeit wurde einer seiner präsidialen Freunde und Kollegen vom Staatsanwalt abgeholt (vorgeworfen wurde ihnen Amtsmißbrauch und Veruntreuung); ein zweiter entging den Verdächtigungen nur durch seinen schnellen Rücktritt; es wurden 22,8 Millionen Mark teilweise sinnlos in Spieler wie Antony Yeboah investiert, die nur in den Augen ihrer Berater oder der Erinnerung Fußballspieler sind; und der HSV durfte, als sei er der Kölsche Klüngel-Klub FC, der Vetternwirtschaft und der Filzokratie beschuldig t werden auf dem Gipfel der Krise hängten sprachbegabte Fans des Lokalkonkurrenten FC St. Pauli in Anlehnung an die alte "Uns Uwe"-Verehrung ein Laken ins Volksparkstadion: "Euch Uwe klaut!"Als das Spiel am Sonnabend zu Ende war und die Spieler weg und die Kaiserslauterer glückselig und die Arena leer, bekam Seeler doch noch seinen Abschied. Was für ein Abschied. Ein Reiseunternehmen, Sponsor des HSV, hatte ihn zur Repräsentationspflicht vor Reisebüroleitern und Tankstellenpächtern gebeten. "Es ist uns leider nicht gelungen, die Spieler herzubekommen", sagte der Conferencier, "die mußten zu den Fans, aber Uwe Seeler als Ersatz ist ja schließlich auch hochkarätig." Es war wohl gut gemeint.Und da stand "uns Uwe", ein albernes Käppi der Firma auf dem schütteren Haupt, eingezwängt hinter seiner mit doppeltem Windsorknoten geschlagenen Krawatte, und zog den Gewinner eines handsignierten HSV-Balles; auch den eines Essens in einem "Restaurant mit Bauchtanz", wie er sagte; und zuletzt den einer Reise aber da versagte Seeler das Entzifferungsvermögen. "Macht doch nichts, Uwe", sagte der Moderator, "den kriegen wir auch ohne dich raus."Als Uwe Seeler am 20. Februar 1965 im Frankfurter Waldstadion mit lautem Knall die Achillessehne riß, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" ehrfurchtsvoll trauernd: "Das Schußbein der Nation ab." Seeler kämpfte sich zurück in die Nationalmannschaft und weil er sich 1970 bei der Weltmeisterschaft in Mexiko nicht zu schade war, seinem Nachfolger Gerd Müller die Bälle ranzuschleppen, wurde er zum Mythos: der Uwe, der aussah wie jedermann und der so gut war, daß jedermann seine Wünsche in ihn projizieren konnte.Zeit seines Lebens war Seeler Fußballer, mit genau dem für diesen Job erforderlichen Intellekt. So wäre es geblieben, wäre der HSV nicht Mitte der Neunziger in eine Krise geschlittert und hätte die Bild-Zeitung Seeler nicht auflagengierig ins Präsidentenamt gedrängt. Er hat den Job nicht gewollt, und die Rolle als Heilsbringer schon mal gar nicht. Er sollte sein wie Franz Beckenbauer, der den FC Bayern München mit Ruhm und Ansehen führt. Aber Uwe Seeler, Sohn eines Schutenführers im Hamburger Hafen, ist kein Kaiser. Er war immer nur Idol, und jetzt machen sie ihn zum Werbe-Clown.Nachdem die Tankwarte ihren Spaß hatten an Uwe Seeler, schlich der Mann, zu dessen Abschiedsspiel am 1. Mai 1972 70 000 Menschen gekommen waren, aus dem Stadion. Keiner begleitete ihn.