Gerhard Schlotter steht auf festen Bohlen in 5,50 Meter Höhe, zur linken Seite hat er den steinernen Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, rechts die Alu-/Kunststoffplatten der Gerüstverkleidung. Die Kirchenruine am Breitscheidplatz in Charlottenburg muss saniert werden, Nässe und Verwitterung haben ihr zugesetzt. Mit einer aufwendigen Plattenverkleidung wird sie verhüllt, bald wird nicht einmal mehr die Spitze dieses berühmten Berliner Wahrzeichens zu sehen sein.Mehrmals pro Woche schaut Schlotter, Inhaber des Berliner Büros BASD-Architekten, nach dem Rechten. Die eigentliche Sanierung beginnt zwar erst im Frühsommer 2011, aber es gibt schon jetzt viel zu tun. Nicht nur die Kirche muss eingepackt werden - "ein Schutz, um künftig bei jeder Witterung arbeiten zu können", die Gerüstbauer von der Berliner Firma Tisch müssen auch im Innern noch Rohre ziehen, Platten verlegen und Netze spannen. Das Gerüst hat die Firma, die in Berlin unter anderem am Brandenburger Tor und an der Siegessäule arbeitete, für die Gedächtniskirche maßgeschneidert.Schlotter steht auf einem etwa 600 Quadratmeter großen Podest hinter der Kunststoffhülle. Die Plattform kann tonnenschwere Lasten tragen. Dort wird Material gelagert, es gibt Toiletten und Aufenthaltsräume für die Bauarbeiter und das Baubüro, in dem Schlotters Mitarbeiter Raphael Abrell sitzt. Der42-Jährige wird das Baugeschehen in den nächsten zwei Jahren leiten.Unten dudelt Musik, es riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Noch bis zum 2.Januar findet der Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche statt. Dass die Buden auch während der Sanierungsarbeiten ungefährdet dort stehen können, war eine der ersten Herausforderungen für die Architekten. Auf dem Breitscheidplatz soll das Leben möglichst so weitergehen wie bisher - ohne Baustelleneinrichtungen und Absperrzäune. "Da ist die Idee mit der Plattform auf 5,50 Meter Höhe entstanden", sagt Schlotter. Marktbuden können darunter aufgebaut werden, auch noch in den nächsten zwei Jahren. Denn die Sanierung soll zwar Ende 2012 abgeschlossen sein, der Abbau der Rüstung wird aber erst im Frühjahr 2013 beendet.Wenn alles klappt, sagt Pfarrer Martin Germer. 4,2 Millionen Euro hat die Gemeinde für die Sanierung zusammen. Geld aus Spenden, von Stiftungen und den Fugenpaten. Noch ist längst nicht klar, ob das reicht. Die 71 Meter hohe Kirche wurde zwar schon von Industriekletterern in Augenschein genommen und mittels eines Speziallasers dreidimensional gescannt. Das gesamte Kartenmaterial, auf dem die Schäden vermerkt sind, steckt nun im Computer. "Wenn das Gerüst endgültig fertig ist, beginnt die detaillierte Bauwerksanalytik vor Ort", sagt Schlotter. Dann würden Untersuchungen gemeinsam mit Experten der Bundesanstalt für Materialprüfung gemacht. "Hoffentlich erleben wir dabei keine bösen Überraschungen."Die Kirche war bereits in den 1980er-Jahren saniert worden. Doch wie beim Charlottenburger Tor und den Königskolonnaden im Schöneberger Kleistpark rächte sich die damals übliche Behandlung mit Chemikalien. Statt Wasser abzuweisen nahm der Stein es auf, insbesondere an den Fugen. Im Winter fror es, das Gestein quoll und es wurden immer wieder Teile abgesprengt.Schlotter setzt nicht auf Chemie, sondern auf Handwerk. So hat es der 57-Jährige immer gehalten, bei der Generalinstandsetzung des Schlosses Köpenick oder bei der denkmalgerechten Sanierung der Grunewaldkirche an der Bismarckallee. Kaputte Stellen werden ausgemeißelt und wenn nötig, durch neue Steine ersetzt. Die Einschusslöcher, die die Gedächtniskirche im Zweiten Weltkrieg erhielt, werden aber bleiben.------------------------------Der alte TurmDas Gotteshaus am Breitscheidplatz, 1895 eröffnet, wurde nach Plänen von Franz Schwechten gebaut. Die Kirche im neoromanischen Stil hatte fünf Türme. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört. Die Ruine des Hauptturms wurde als Mahnmal gegen den Krieg Bestandteil des neuen Kirchen-Ensembles nach Plänen von Egon Eiermann. Am 17.Dezember 1961 wurde es eingeweiht.Regen, Schnee und Wind setzten dem alten Turm zu. Zahlreiche Fugen sind schadhaft, Steine bröckeln. 4,2 Millionen Euro wurden für die Sanierung veranschlagt. Mehr als 1100 Fugenpaten gibt es inzwischen. Sie spendeten zwischen 100 und 5000 Euro. Die Namen der besten Spender (Platinum-Paten) werden künftig auf einer Metalltafel an der Kirche zu lesen sein. www.fugenpate.de.Während der Bauphase soll es Führungen geben. Über Treppen kommt man ins Gerüst. Beginn ist im Frühjahr. Der Eintritt soll kostenlos sein, um Spenden wird aber gebeten. Werbung kommt nicht an die Gerüstplatten, nur die Namen der Großsponsoren soll man künftig dort lesen.------------------------------Foto: Gerhard Schlotter ist der Architekt bei der Sanierung der Gedächtniskirche.