Selten genug ist das Dichten keine brotlose Kunst. In diesem Jahr wird der Lyrikerin Sarah Kirsch der mit 60 000 Mark dotierte Georg-Büchner-Preis verliehen. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt ehrt mit diesem wichtigsten deutschen Literaturpreis Autoren, die "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben". Zum ersten Mal seit 16 Jahren erhält wieder eine Frau den Büchnerpreis. Die Vorgängerin von Sarah Kirsch war 1980 ihre frühere Freundin Christa Wolf.Sarah Kirsch, die am Dienstag ihren 61. Geburtstag feierte, wuchs im Ostharz auf, arbeitete nach dem Abitur in einer Zuckerfabrik und studierte Biologie, bevor sie zum Institut für Literatur nach Leipzig überwechselte. Bereits ihren ersten, allein veröffentlichten Gedichtband nannte sie 1967 "Landaufenthalt" - ein programmatischer Titel bis zum heutigen Tag. Wie keine andere deutsche Dichterin reibt sich Sarah Kirsch in ihren Werken am Gegensatz zwischen scheinbar idyllischer Natur und moderner Zivilisation, fragt sie nach der verschwundenen Harmonie von Mensch und Umwelt.Das hieß keineswegs, daß sie nur in ihrer angestammten Heimat verharren konnte. 1977 übersiedelte sie nach ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns in den Westen. Seit über zehn Jahren lebt Sarah Kirsch in einem 200-Seelen-Dorf zwischen Deich und Heide in Schleswig-Holstein. Stets hat sich Sarah Kirsch gegen Vorwürfe, sie hätte sich dort von der modernen Welt zurückgezogen, gewehrt: "Ich bin keine Naturdichterin", stellte sie 1994 kategorisch fest. Vor wenigen Wochen erschien ihr neuester Lyrik-Band mit dem doppelsinnigen Titel "Bodenlos", in dem Sarah Kirsch wie schon in früheren Werken mit altertümlichen Sprach-Einsprengseln experimentiert und Märchen und Mythen beschwört. Deshalb ist die Dichterin auch die adäquat Berufene für die Gebrüder-Grimm-Professur an der Universität Kassel, wo sie in diesem Jahr über Themen wie "Haupt- und Nebendrachen" referiert. +++