Sárszentlörinc - „Integration?“ Jenö Setét schiebt den Körper nach vorn, der Tisch wackelt unter seinen Ellbogen. „In der Slowakei werden Roma eingezäunt, aus Frankreich werden sie abgeschoben, in Ungarn werden Siedlungen niedergemacht. Was zwischen 2005 und 2015 vonstatten ging, war eine erfolgreiche Desintegration!“ Setét reißt die Arme in die Höhe und bohrt sich die Zeigefinger in die Schläfen: „Fachleute sind sich in zwei Sachen einig: Die Roma sind die größten Verlierer der Wende, und die Roma wollen nicht arbeiten. Das ist doch widersinnig! Zigeuner sollen arbeiten, aber man stellt sie nicht ein. Zigeuner sollen in die Schule gehen, werden dort aber von den anderen getrennt.“ Der massige Oberkörper schnellt nach vorn, der Zeigefinger zeigt spitz zur Decke: „Was wir brauchen, ist eine Roma-Bewegung, die eine eigene Aufgabe hat, die schlagkräftig und durchsetzungsfähig ist!“

Die Roma-Bevölkerung in Ungarn wird auf 550.000 bis 700.000 Menschen geschätzt, was einem Anteil von etwa 5,5 bis 6 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Mehr als zwei Drittel von ihnen leben in Armut. Die ungarische Regierung hat während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft 2011 die von den europäischen Partnern umfassend gelobte Strategie für die Integration der Roma ausgearbeitet und will angeblich mit gutem Beispiel vorangehen. Doch die Nachrichten aus Ungarn vermittelten ein völlig anderes Bild. Da ist die Mordserie der Jahre 2008/09, bei der sechs Roma von einer sogenannten Todesbrigade getötet wurden, da sind die Aufmärsche der paramilitärischen „Ungarischen Garde“ und die Evakuierung ganzer Ortschaften sowie der Einsatz zur „Gemeinschaftsarbeit“, die von der Regierung als beispielhaftes Beschäftigungsprogramm für Massen von benachteiligten Arbeitslosen gepriesen wird.

Reden kostet nichts

Der Sozialarbeiter und Menschenrechtsaktivist Jenö Setét pflückt solche Erfolgsmeldungen gern auseinander. So handele es sich bei der Gemeinschaftsarbeit um keine richtige Arbeit, denn sie werde deutlich schlechter bezahlt und überhaupt nur, wenn man in der richtigen Partei sei. „Niemandem ist es bislang gelungen, für die Roma etwas Nachhaltiges aufzubauen“, sagt er. Es gebe keine Roma-Zeitung, kein Roma-Theater. Es werde nur geredet, aber Reden koste auch kein Geld. Von allen Geldern, die in den letzten zwei Jahrzehnten Roma-Projekten zugute kommen sollten, sei allenfalls ein Zehntel bei den Roma angekommen. In den Dörfern mit weniger als 500 Einwohnern sei die Lage am schlimmsten. Und je schlechter die Lage, desto schlechter die gesellschaftliche Stimmung.

Es gibt sie, diese Ortschaften, in denen die Angst herrscht vor den Roma, in denen nicht nur Armut zu finden ist, sondern blankes Elend. Aber es gibt auch Orte wie Sárszentlörinc. Sárszentlörinc, zwei Stunden Autofahrt von Budapest entfernt, ist Durchschnitt: ein Kirchturm, ein paar Straßen, ein paar kleine Läden. Ein Ort, der auf den ersten Blick Langeweile und Ereignislosigkeit ausstrahlt. Etwa 300 der circa 900 Bewohner sind Roma: Oláh-Zigeuner, Beás-Zigeuner und ein Romungro. Eine der Roma-Frauen ist Mári Szabó, die sich Lambada nennt. „Wie der Tanz“, sagt sie lachend und gibt den Blick auf eine zahnlose Mundreihe frei. Von mehreren Ehemännern habe sie auch mehrere Nachnamen mitbekommen. Aber die alle aufzuzählen, wäre zu kompliziert, wie sie meint. Die 53-Jährige ist viel herumgekommen in Ungarn, bevor sie sich vor 30 Jahren in Sárszentlörinc niedergelassen hat. Arbeit hat Lambada keine. Für die Mehrzahl der Roma im Land ist das seit der politischen Wende vor 25 Jahren ein Dauerzustand.

Es sind vor allem lokale Initiativen von Kirchen, Stiftungen oder Privatpersonen, mit denen die Lebensumstände der Roma zumindest in Ansätzen verbessert werden. In Sárszentlörinc betreibt die Evangelische Kirche eine Roma-Mission. Sie unterstützt die Menschen und hilft ihnen aus der Klemme, wenn sie in die Schulden rutschen. Sofern Lambada nicht ein wenig durch Gelegenheitsarbeiten verdient, lebt sie von umgerechnet zwei Euro am Tag. Da ist die Gefahr groß abzurutschen. Lambada zuckt die Schultern. „Ich hungere nicht, ich friere nicht, was will ich mehr? Ich weiß, dass ich niemals ins Ausland reisen werde. Das ist unmöglich. Ich wünsche mir einfach, dass die jungen Leute Arbeit finden und nicht auf der Straße landen.“

Péter Bakay ist seit seiner Kindheit mit der Roma-Problematik vertraut, mit der Armut und der Kriminalität, die daraus erwächst. Bakay stammt aus der Kleinstadt Kecskemét, wo sein Vater als Richter arbeitete. Vor neun Jahren kam er nach Sárszentlörinc, um die Roma-Mission zu leiten, in deren Zentrum die Seelsorge steht. Es gebe keine Patentlösungen, um die gesellschaftlichen Probleme zu lösen, aber liberale Slogans wie „Keine Segregation“ würden auch nicht helfen. „Man könnte ja auch sagen, dass die Roma die Ungarn ausgrenzen und nicht andersherum“, sagt er. Es sei immer gegenseitig. Es gebe viele Probleme, jedoch auch zahlreiche Orte, an denen das Zusammenleben funktioniert.

In Sárszentlörinc zogen Roma in die leerstehenden Häuser, nachdem etliche junge Familien wegen der Wirtschaftskrise aus dem Ort weggegangen waren. Ein Elendsviertel am Rande der Siedlung, wie es sonst oft zu sehen ist, konnte so gar nicht erst entstehen. Durch Freundschaften und Hochzeiten verschwanden die Vorurteile. „Letztendlich ist doch nicht wichtig, ob jemand Roma ist oder nicht“, sagt Bakay, der sich selbst als Konservativen bezeichnet und die Roma-Politik der Regierung ausdrücklich lobt. Er macht eine simple Rechnung auf: Wenn der Roma-Anteil in einer Ortschaft weniger als 20 Prozent betrage, funktioniere das Zusammenleben. „Die Spannungen zwischen Roma und Ungarn sind oft auch nicht so groß wie unter den Roma selbst“, sagt er. Und Lambada stimmt ihm in dieser Sache letztlich zu: „Der Zigeuner erträgt den Zigeuner nicht.“

Einige Straßenzüge weiter hat Annus Varga den Tisch mit Plätzchen geschmückt. Die Beás-Zigeunerin war vor der Wende Gelegenheitsarbeiterin, dann arbeitslos, nun ist sie Frührentnerin. Das Herz und die Nieren machen Probleme. Ihr Mann Feri hat Arbeit, auch die Söhne finden als Kfz-Mechaniker im Ort ihr Auskommen. Annus wurde vor 54 Jahren acht Kilometer entfernt in einer Roma-Siedlung geboren. „Wir wurden als Arme behandelt, aber nicht als Zigeuner“, sagt sie. Nur die Familie ihres ersten Mannes, Donauschwaben, sei gegen die Hochzeit gewesen. „Wir haben trotzdem geheiratet. Das hier ist ein friedliches Dorf, aber ich weiß, dass es andernorts auch anders aussieht.“ Von der Zukunft erwartet sie nichts Gutes. Vor allem die Aussichtslosigkeit mache ihr Angst. Sie selbst wolle nur in Ruhe und Frieden leben.

Vor allem in den Jahren nach 2005 hat sich in Ungarn eine gereizte Stimmung entwickelt, angeheizt von der rechtsradikalen Jobbik-Partei, die sich dem Kampf gegen die „Zigeuner-Kriminalität“ verschrieben hat. In den vergangenen fünf Jahren eskalierten Gewalttaten auf Roma, hält eine Studie der Harvard-Universität fest. Zwischen 2008 und 2012 seien etwa 61 Fälle von sogenannter Hasskriminalität gemeldet worden.

Es gibt aber auch die andere Seite. Nach Schätzungen sind mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassen in Ungarn Roma. Auch sitzen diese wesentlich längere Zeit im Gefängnis. Nicht aus Diskriminierung, sondern wegen der Brutalität der Taten, sagt Szilveszer Póczik. Jahrzehntelang hat der Wissenschaftler am Ungarischen Kriminologischen Institut zu den Roma geforscht und publiziert und noch heute beobachtet er die Entwicklungen aufmerksam. „In den kleinen Siedlungen Ostungarns, in denen die Roma in der Mehrheit sind, fühlt sich der ungarische Teil bedroht“, sagt Póczik.

Ágnes Farkas ist dieser Welt entkommen. Aus einer von Armut und Ausgrenzung geprägten Roma-Siedlung im Komitat Heves östlich von Budapest hat sie es aus eigener Kraft bis zur Journalistin von Népszabadság gebracht, der bedeutendsten linksliberalen Tageszeitung Ungarns. Die Überzeugung, dass man nur mit Lernen im Leben weiterkommt, hat sie an ihre eigenen Kinder weitergegeben. Es war keine leichte Kindheit, streng, ohne Partys, dafür mit vielen Hausaufgaben. Franciska Farkas ist ihrer Mutter, die mittlerweile in London lebt, dankbar dafür. 2013 hat es Franciska Farkas als Schauspielerin in dem Drama „Viktória – Der Zürich-Express“ über ungarische Roma-Sexarbeiterinnen ins Kino geschafft. Es ist ein Film, der nicht auf einer wahren Geschichte beruht. Er beruht auf Hunderten von wahren Geschichten. „Es war erschreckend, diese Frauen zu treffen“, sagt Franciska Farkas. „Nach drei Jahren sind sie völlig ausgebrannt.“

Franciska Farkas, 30 Jahre alt, ist eine selbstbewusste junge Frau. Ihre Roma-Herkunft ist für sie nichts, was sie verschweigen müsste. „Manche wollen nicht darüber reden, aber ich denke, man muss darüber reden. Wenn es viele erfolgreiche Roma geben würde, wäre die Herkunft keine Frage.“ In der Schule saß sie einst in der letzten Reihe. Als ein Junge als Strafe nach hinten gehen sollte, setzte er sich lieber auf den Boden als neben sie. „Das war sicher nicht die einzige Diskriminierung, aber ich habe auch schon viel verdrängt.“

Heute schauspielert sie nicht nur, sie modelt auch, und sie erhielt zahlreiche Stipendien, darunter vom Roma Education Fund, sie arbeitete als Journalistin sowie als Sozialarbeiterin bei der Stiftung Stiftung für informelle Bildung für Roma, UCCU. Dort gehen junge Roma in die Schulen, suchen den Dialog mit Nicht-Roma und wollen ihnen die Kultur und die Identität der Roma näherbringen.

Nach Hollywood

„Die Vorurteile bei den Jugendlichen sind oft dieselben wie bei den Erwachsenen“, sagt UCCU-Geschäftsführerin Flóra László. „Zigeuner wollen nicht arbeiten, sind kriminell und haben viele Kinder.“ In der Roma-Politik vermisst sie vor allem den Nachwuchs. „Es gibt wenig neue Gesichter.“ Dass Franciska Farkas heute zu den bekannteren Roma-Gesichtern gehört, ist auch Flóra László zu verdanken. Sie war mit der Regisseurin von „Viktória“ bekannt und empfahl die junge Frau für die Rolle.

Franciska Farkas indes denkt schon über ihren Abschied aus Ungarn nach. „In anderen Ländern gibt man jedem eine Chance, in Ungarn bekommt der eine Arbeit, der Bekannte hat. Da kann man sich abstrampeln, wie man will.“ Sie will weiter. „Denk daran, dass du in Hollywood sein kannst“, hatte die Mutter der schauspielernden Schülerin einst gesagt. Im vergangenen Jahr ist sie dort gewesen. Wenn alles gut geht, erzählt sie, soll es in ein paar Monaten wieder so weit sein. Diesmal wird ihre Agentin dabei sein.

Erfolgsgeschichten wie die von Franciska Farkas sind selten. Nur 16 Prozent der ungarischen Roma gehen einer Arbeit nach. 85 Prozent verfügen lediglich über eine elementare Schulbildung. Das Fazit zum Ende des Roma-Jahrzehnts ist nüchtern: „Laut derzeitigem Stand ist es in der Dekade nicht gelungen, Einfluss auf das tägliche Leben von einer Mehrheit der Roma zu nehmen“, heißt es in einem offiziellen Papier. Für den Wissenschaftler Szilveszter Póczik ist das keine Überraschung. Die Vorstellung, innerhalb von zehn Jahren die Lage der Roma in Europa spürbar zu verbessern, hält er für eine Illusion. „Zehn Jahre sind wie eine Minute, aber es braucht mehrere Jahrhunderte“, macht er klar. Bei den Roma handele es sich um eine Bevölkerung, die sich mit der Modernisierung darauf spezialisiert habe, in Randbereichen zu leben und sich nicht integrieren zu lassen, und in diesen sozialen Nischen haben sie überleben können. „Heute bringen die Roma durch die Auswanderung auch das soziale Gefüge in anderen Ländern ins Schwanken.“

Die Integration der Roma, so klingt es bei Szilveszter Póczik, ist eine Existenzfrage. Es gehe nicht um Identität, das interessiere keinen. 80 Prozent der Roma seien nicht integriert. Póczik nennt das Problem „eine tickende Zeitbombe“, auch in anderen Ländern, und wenn die nicht entschärft werde, entstehe in Europa eine Armut afrikanischen Stils, die Beruf, Gesundheit und Behausung gefährde. „Diese Leute müssen in die Gesellschaft rein – Krise hin oder her.“

Die Recherchen wurden durch ein Stipendium der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche unterstützt.