Da schlug der Blitz ein in das Deutsche Theater und brachte die Lichtanlage zum Erliegen. Der vierkantige Strahl, der vorher Einar Schleef beleuchtete, war weg, Saal- und Arbeitslicht - beides hängt am Notstromaggregat - gingen stattdessen an. Schleef in der Bühnenmitte trug unbeirrt weiter vor, schickte bloß ein schüchternes "Licht?" in den Himmel. Es war erst der zweite Abschnitt eines langen Abends, kurz nach acht Uhr. Nach bereits zwanzig Minuten hatte es eine Pause gegeben, in der man auf dem Theatervorplatz die Wolken sich zusammenbrauen sehen konnte, danach kam also Schleef im guten Anzug auf die Bühne und trug in freier Rede, das Manuskript ohne hinzusehen umblätternd, aus Friedrich Nietzsches "Ecce homo" vor. Man hörte es donnern, während es ihm "unerlässlich" war "zu sagen, wer ich bin", während Nietzsche/Schleef die "Größe meiner Aufgabe" umriss, er, der "Jünger des Dionysos" und "Satyr". Und wie also Schleef diese euphorische Abrechnung vortrug, seine rechte Hand in heftiger Bewegung, die Finger mal zur Pistole, mal zur Kralle geformt, wie er da die Christen verfluchte, Papst, Luther und Kaiser, da also griff der Himmel zu diesem kleinen Streich. Mag die Vorstellung, dass Gott etwas mitteilen will durch Blitz und Donner, aus der Mode gekommen sein (woran Nietzsche nicht unschuldig ist), so war man doch an diesem Premierenabend nicht dazu aufgelegt, an Zufälle zu glauben.Nietzsche - erkrankt Bevor es begann, konnte man an jeder Ecke ein Gerücht hören. Es hieß, dass es bis zur Premiere keinen einzigen Durchlauf gegeben hätte. Jemand sagte, Schleef und sein ihm stets loyal ergebener Chor, seine Geisel quasi, seien noch am Diskutieren, ob sie überhaupt auftreten würden. Es schien jederzeit möglich, dass Schleef angespurtet kommt, in seine Trillerpfeife stößt und mit hoch rotem Kopf einen weiteren Erpressungsversuch unternimmt. Kurz bevor die Premiere vor drei Wochen zum ersten Mal hätte stattfinden sollen, war der Regisseur plötzlich davongeradelt. Man hatte vielleicht noch präsent Schleefs Bruch mit dem Autor Lothar Trolle, dessen Döblin-Bearbeitung er ursprünglich hätte inszenieren sollen, bevor er sich an eine eigene machte . durch all diesen Tratsch war der Eingang ins Deutsche Theater verbarrikadiert so wie einst das Berliner Zeitungsviertel von den Spartakisten.Dennoch wurden diese Barrieren gerade durch Schleefs überraschenden Bühnenauftritt übersprungen (das Rollenverzeichnis hatte nur so viel verraten: "Nietzsche - erkrankt"). Denn der Regisseur, Bühnenbildner und Montagist des Abends stellte sich zwar selbst ins Zentrum, wie einer theaterinternen Pointe wegen, aber das Besondere war, dass dadurch die Aufführung trotzdem nicht privat wirkte. Im Gegenteil. In Nietzsches Selbstadoration - "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit" - stellt sich tatsächlich ein Individuum vor, das jeden kollektiven Gedanken ins Absurde treibt.Schleef trug seine Nietzsche-Strichfassung sehr persönlich geformt vor, als schreiende Anklage, als Brief an den deutschen Kaiser (auch er laut Programmzettel erkrankt) oder an den deutschen Theaterintendanten. "Ecce homo" ist ihm Anleitung, den Nachkriegs-Sirup zu verweigern, den die Mutter ihm einlöffelt, und es ist bekannt, dass mit Schleef kein Sozialismus zu machen war. 1976 machte er sich aus der DDR davon, mitsamt dem "Stolz seiner Instinkte" (Nietzsche)."Verratenes Volk" ist Sozialismusgeschichte aus dieser radikalen, persönlichen, vielleicht teuflischen Perspektive heraus. Der Abend, im Ganzen eigentlich erstaunlich sicher zusammengebaut, gibt sich nicht mit einem Kommentar zu Deutschland, zu deutscher Geschichte zufrieden. "Verratenes Volk" ist nichts weniger als eine Schöpfungsgeschichte: Von der Erschaffung der Welt bis nach dem Ersten Weltkrieg. Inge Keller fängt an, mit unverwechselbar strafendem Blick und tiefer, ungemütlicher Märchenstimme. Sie liest "Verlorenes Paradies" von John Milton (1663), dem Versuch, die Bibel als Versepos zu erzählen. Einar Schleef ist der Zweite, mit "Ecce homo" (1889), der Schrift, in der ein Mensch sich an Gottes Stelle setzt. Nach Schleef stürmt eine kleine Kompanie die Bühne, junge Männer in Militärmänteln. Sie sprechen Sätze aus "Die Armee hinter Stacheldraht" von Edwin Erich Dwinger (erschienen 1929), einem Tagebuch über die Kriegserlebnisse in einem russischen Gefangenenlager. Mit dem schwer verdaulichen Bild von der Vergewaltigung eines Fähnrichs durch seine Soldaten und von deren Scham danach gehen die Zuschauer in die zweite Pause. Dann erst beginnt der eigentliche Döblin-Teil.Wir waren ein Volk Das Stück am Deutschen Theater heißt "Verratenes Volk", mit vollem Untertitel "Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk". Das kann insofern zu Missverständnissen führen, als bei Alfred Döblins 2 000 Seiten starker Roman-Trilogie "November 1918" der Untertitel "Verratenes Volk" auf dem zweiten Band steht, Schleef aber fast ausschließlich den letzten Band verwendet, untertitelt mit "Karl und Rosa". Dieser handelt eben von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Und endlich, es ist nach Mitternacht, schließt sich der Teufels-Kreis. An ihrem letzten Tag, dem 15. Januar 1919, stehen Karl und Rosa zusammen (Jörg Gudzuhn spielt Liebknecht, Jutta Hoffmann Luxemburg). Sie halten "Vorwärts" und "Rote Fahne" mit eigenen Artikeln in der Hand (am DT halten sie "Die Welt" und "Die Zeit" fest). Sie haben Fluchtgedanken: Nach Wilmersdorf oder Neukölln? Karl zieht (nur im Roman, nicht auf der Bühne) ein Buch hervor: Miltons "Verlorenes Paradies". Karl schwärmt vom Satan, wie Milton ihn gezeichnet hat: "Wir können von ihm lernen, wie man sich in Niederlagen verhalten muss. " Karl und Rosa scherzen, ob sie sich nun nicht besser Satanisten als Spartakisten nennen sollten. Adam und Eva sind müde. Sie singen "Ein feste Burg ist unser Gott" von Luther, den Nietzsche als Helfershelfer der Katholiken schmäht, und irgendwie stürzen die ganzen fünfeinhalb Stunden Theater ganz wunderbar über einen herein. Die auf dem Programmzettel so genannte "Masse" - mit den Schauspielern sind 60 Leute auf der Bühne - stimmt laut ein "Dies irae, dies illa" an, man könnte vom Glauben abfallen, hätte man einen.Wie macht das der Satan? Liebknecht, der sich an seinem letzten Tag selber in der Pose des Satans gefällt, sagt, es sei das "Werk der Aufhellung des Menschen", das die Menschen dem Satan ähnlich macht. Ein wuchtiger Gedanke, und wenn man s recht bedenkt, hat man in "Verratenes Volk" genau das gesehen: eine Aufhellung. Der Abend beginnt ganz in Weiß, Inge Keller sitzt im weißen Kleid vor nichts als einem weißen Boden, einer weißen Decke, einem weißen Rundhorizont, Weißraum pur, aber nach der Vertreibung aus dem Paradies wird es finster.Auf Schleef, auf die Kompanie, später dann auf Rosa Luxemburg auf der Badewannenkante (der Döblin-Teil beginnt mit einer langen Rückblende auf ihre Zeit im Gefängnis), fällt nur der erwähnte Strahl. Indem Licht nur von oben herein durch einen Schacht fällt, verwandelt sich der Bühnenraum in einen Kerker. Dann, als zwei Gegenspielerinnen der Luxemburg wichtig werden, Nina Hoss als --- Satanische Spartakisten Fortsetzung von Seite 13 ---Tanja, die Kalfaktor und Margit Bendokat als Marja Spiridonowna, ist die einzige Lichtquelle eine Tragelampe. In dieser Phase des Stücks nimmt man allerdings auch sehr stark, ja dankbar die Notlichter wahr, ebenso den Strahl der Lüster aus den Foyers, wann immer ein Zuschauer flüchtet.Nach vier Stunden zum ersten Mal Farbe: Rot! Die kalte Nina Hoss hat einen Mann wie einen Schatten an sich gedrückt, die Drehscheibe beginnt sich zu bewegen, plötzlich, nach dieser Vereinigung, ist blitzartig alles aufgehellt. Männer in roten Gewändern mit roten Fahnen, mehr Spartaner als Spartakisten, tanzen oder marschieren auf. Luxemburg, von Jutta Hoffmann mit einem Hang ins Zickige auffallend psychologisch durchgearbeitet, war in ihrer Zelle schon Projektionsfigur für Gretchenträume. Von der Decke fällt - diesmal ohne Hilfe von oben - eine rote Fahne wie ein Blitz. Die riesige Stange mit plastisch gearbeitetem Segel spießt sich in den Boden, Rosa hält sich an ihr fest. Sie wird, mit viel zu großem Schwert, zur Jeanne d Arc umgerüstet.Schleef zitiert viel. Das sozialistische Liedgut und Sprücherepertoire kriegt bei ihm eine letzte Chance: eine ästhetische. Die mitwirkenden Studenten der Berliner Hochschule der Künste und der Chor saugen aus den Parolen so viel Kraft als möglich, manches sprechen, singen sie erst zur Parole um. Sie verteidigen nicht und denunzieren nicht. Ob das von ihnen repräsentierte Volk ein "verratenes" ist - Schleef lässt das offen. Er wirbt nicht sichtbar für irgendeine vergebene Chance, man merkt keine aufmarschmäßige Trauer. Wenn überhaupt, dann hält es Schleef mit Döblins Spott gegen alle, auch gegen sich selbst.Um 0. 30 Uhr, wenn alle Mitwirkenden glückstrahlend, gleichsam aufgehellt in höfischen Bewegungen auf der Bühne tanzen, ist der satanische Streich vollendet. Wie Döblin seinen Liebknecht über Milton sagen lässt: "Es ist nicht mehr Paradies, aber es ist auch nicht Hölle. Es ist menschliches Dasein. " Dann fällt Liebknecht hin und alle stellen sich an die Wand.DEUTSCHES THEATER Verratenes Volk // von Einar Schleef nach Texten von Milton, Nietzsche, Dwinger, Döblin Darsteller: Jutta Hoffmann, Nina Hoss, Margit Bendokat, Inge Keller, Constanze Baruschke, Bettina Hoppe, Stephanie Petrowitz, Ursula Renneke, Stefanie Frauwallner, Jörg Gudzuhn, Horst Lebinsky, Einar Schleef u. a.Vorstellungen: 31. Mai, 1. , 23. Juni DRAMA/IKO FREESE "Verratenes Volk": Vom Satan lernen heißt lernen, wie man sich in Niederlagen verhalten muss.