Meine erste Begegnung mit einem Film von Klaus Lemke liegt knapp dreißig Jahre zurück. Damals sah ich im Fernsehen "Sweethearts" (1976), und ich war begeistert. Ich fasste die Handlung in meinem privaten Filmtagebuch zusammen: "Die Verkäuferin Cleo, von allen immer ein bisschen abschätzig behandelt, trifft sich mit ihren drei Freundinnen. Dabei hat die Journalistin Fatima eine Idee: Sie will eine Popgruppe gründen, die 'Sweethearts', die bei der Vernissage eines jungen Malers mit Liedern aus den Fünfzigern auftreten soll. Cleo besorgt einen Pianisten, die Proben sind saukomisch, der Auftritt schräg, aber gerade das begeistert den Mitarbeiter einer Plattenfirma. Doch sein Chef will nichts davon wissen. Nachdem die vier, ohne sich Illusionen gemacht zu haben, in der Firma vorsangen, gehen sie wieder an ihre alten Plätze zurück. - Ein wunderbar frischer Film, voller Witz und Charme! Wie gut Lemkes Methode funktioniert, seine autodidaktischen Darsteller in eine vorgegebene Situation zu versetzen und sie munter drauflos improvisieren zu lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes dem Volk aufs Maul geschaut. Köstlich!"Ich wusste noch nicht, dass Klaus Lemke da schon eine Reihe von Arbeiten und auch von Angriffen hinter sich hatte. Immerhin gehörte der am 13. Oktober 1940 in Landsberg an der Warthe geborene Regisseur einer Gruppe junger Münchner an, die sich Mitte der 1960er Jahre vehement von den gleichaltrigen Unterzeichnern des "Oberhausener Manifests" und deren Filmen distanzierten. "Es fing damit an", sagte Klaus Lemke in einem Interview der Zeitschrift "Filmkritik", "dass uns die Kamera bei verschiedenen 'jungen Filmen' nicht gefallen hat, die Handkamera, die für unser Empfinden viel zu bewegte Kamera und der ganze Manierismus, den das mit sich bringt. Das Entscheidende muss vor der Kamera passieren, man darf keine Artistik der Kamera merken." Gemeinsam mit Rudolf Thome, Max Zihlmann und Eckhart Schmidt setzte er auf "antiintellektuelle" Filme, auf attraktive Geschichten über junge Leute, die "Musik hören, saufen, flirten, ins Kino gehen und endlos über Kino reden". Das war in einer Zeit, als der Aufbruch des (west-)deutschen Films von ernsten Themen begleitet war, ein Sakrileg.Schon in den frühen Kurzfilmen ab 1965 wurden Lemkes Vorbilder evident: Godard, Hawks, die Amerikaner. In "Kleine Front" (1965) kommen drei Burschen aus dem Kino und beschließen, in die Berge zu fahren, um Zuchtforellen zu stehlen. Weil der Teich leer ist, gehen sie ins Kino zurück: Dort sind die Abenteuer real, während die realen Ereignisse etwas Irreales haben. "Lemke stellt die Traumfabrik vom Kopf auf die Füße: statt Kinowelt als Wirklichkeit zu zeigen, zeigt er die Wirklichkeit als Kinowelt, nämlich als eine Welt, in der Menschen leben, die ins Kino gehen" (Enno Patalas). 1967 drehte Lemke zwei Langfilme: die mit dem einsamen Tod des Helden endende Gangstersaga "48 Stunden bis Acapulco" und den ähnlichen gelagerten "Negresco". Danach folgten Fernsehfilme, auch umstrittene wie "Brandstifter" (1969), in der er den Anschlag des RAF-Mitbegründers Andreas Baader auf ein Frankfurter Kaufhaus nachzeichnete. "Rocker" (1971) beeindruckte durch das authentische Bild eines Rotlichtbezirks. Ein ähnlich starker Film gelang erst wieder dreißig Jahre später: Dominik Grafs "Hotte im Paradies" mag auch eine Verbeugung vor Lemke gewesen sein. Demnächst wird der Regisseur, der zwischenzeitlich laut eigener Auskunft als Korrespondent einer Presseagentur in Bangkok gearbeitet hat, 65. Das Arsenal widmet ihm eine Retro seiner frühen Filme. Auch die späteren ergäben eine schöne Reihe.Klaus Lemke Kino Arsenal bis 16.10.