Drei Themen hat das Popfeuilleton in den letzten Jahresendwochen unermüdlich umkreist: Kannibalismus, Kurt Cobain und J.R.R. Tolkien. Gemeinhin wurden diese drei Sachgebiete getrennt voneinander behandelt - obwohl es hier vor einigen Jahren bereits zu einer umfassenden Synthese gekommen ist: in der norwegischen Black-Metal-Szene.Deren bis heute beliebtester Musikerselbstmord ereignete sich im April 1991, runde drei Jahre vor Kurt Cobain. Auch in diesem Fall erschoss sich ein todessehnsüchtiger junger Mann mit einer Schrotflinte. Per Ohlin, zur Tatzeit 21 Jahre alt, hatte bis dahin unter dem vorausschauenden Pseudonym Dead bei der Black-Metal-Band Mayhem gesungen; zudem war er dafür zuständig, die bei Mayhem-Konzerten am Bühnenrand prangenden Schweinsköpfe zu pfählen. Bereits bei einem Konzert im Jahr 1990, bei dem er sich mit einer abgebrochenen Flasche tiefe Schnittwunden zufügte, hatte Dead publikumswirksam zu sterben versucht. Sein Schrotflintentod wurde dann, ganz in seinem Sinne, für die Nachwelt liebevoll dokumentiert. Deads Mitmusiker, die ihn als Erste fanden, fotografierten die Leiche sorgfältig von allen Seiten. Dann sammelten sie die zerstreuten Schädelknochensplitter ein, um daraus kleine Halskettchen zu basteln, und kochten sich aus den herumliegenden Hirnstücken ein Gulasch. Erst nach der Black-Metal-gerechten Verwertung der Leiche wurde schlussendlich die Polizei gerufen."Lords of Chaos": Unter diesem Titel verschafft uns der US-amerikanische Autor und Musiker Michael Moynihan jetzt einen ausführlichen Einblick in die norwegische Black-Metal-Szene, ihre besondere Ästhetik und Psychopathologie. Von den ersten Bandgründungen Ende der achtziger Jahre bis zur Ausbildung eines mit eigenen Schallplattenlabels, -vertrieben und -läden voll funktionsfähigen Musikermilieus erzählt Moynihan die gesamte Geschichte des Genres. Das heißt aber auch: die gesamte Geschichte von den ersten musikbegleitend vollzogenen Selbstverstümmelungen und Selbstmorden bis zu jener norwegenweit wogenden Welle von Kirchenbränden, mit denen die Black-Metal-Gemeinde ihr bis dahin nur ästhetisch propagiertes Antichristentum konsequent weiterführte.Die wichtigsten Protagonisten der Szene, die sich heute zumeist im Gefängnis befinden, porträtiert Moynihan mittels langer Gespräche - wie etwa Kristian Vikernes alias Grishnackh, der mit seiner Ein-Mann-Band Burzum bis heute zu den bekanntesten Black- Metallern gehört. Vikernes war es nicht nur, der Mayhem-Sänger Dead mit der Selbstmord-notwendigen Munition versorgte (er hatte sie ihm kurz zuvor zu Weihnachten geschenkt). Zwei Jahre später ermordete er auch noch den Gitarristen der Band, Øystein Aarseth alias Euronymous, mit einem Messerhieb in den Kopf. Weiterhin werden ihm - wenngleich hier ein letzter Beweis nicht geführt werden konnte - einige der ersten Kirchenbrandstiftungen in Norwegen zur Last gelegt. Seit 1993 verbüßt er eine 21-jährige Haftstrafe.In seinen jungen Jahren war Vikernes nach eigener Auskunft begeisterter Satanist. Im Gefängnis hat er sich von diesem Glauben gelöst - und hängt nun stattdessen einem archaisierenden Neuheidentum an. Wie man bei der "Lords of Chaos"-Lektüre erfährt, spielt die Teufelsverehrung im Black Metal gegenwärtig eine geringere Rolle als gemeinhin geglaubt. Mittlerweile wird der Satanismus hier bloß noch als Spiegelbild des insgesamt abzulehnenden Christentums angesehen; dieses wollen die Black Metaller umfassend durch die Wiedererweckung einheimischer heidnischer Götter ersetzen. Darum sind die beliebtesten Black-Metal-Helden auch Odin und Thor. Gelegentlich kommen noch Adolf Hitler und aus dem All eingeflogene arische Aliens hinzu und, nicht zu vergessen, J.R.R. Tolkien. Wie Vikernes, der sein Pseudonym Grishnackh bei einem bösen Orkhäuptling entlehnt hat, sind nicht wenige Black Metaller vom "Herrn der Ringe" inspiriert. Anders als die Mehrheit der Tolkien-Leser sympathisieren sie freilich nicht mit den Hobbits ("dämliche kleine Zwerge!") oder den "irgendwie jüdischen" Elben - sondern vielmehr mit dem "mythologisch viel interessanteren" Sauron und seinen abgrundtief bösen Kreaturen.Ob Sauron, Satan, Odin oder Hitler der beliebteste Stichwortgeber fürs Black-Metal-typische Musizieren, Morden und Brandstiften ist und inwieweit sich die Black Metaller selbst als Nazis begreifen: Diese Fragen hat Michael Moynihan durchweg mit großer Akribie recherchiert. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass Moynihan selber Nazi ist. Mit seiner Band Blood Axis (benannt nach der deutsch-italienischen Achse während des Zweiten Weltkriegs) vertonte er unter anderem die Gedichte des SS-Mystikers Karl Maria Willigut; kürzlich hat er die Schriften des italienischen Faschisten Julius Evola in einer Neuausgabe verlegt.Derlei biografische Details werden im Klappentext seines Buches vornehm verschwiegen; hier firmiert Moynihan etwas mysteriös als "umstrittene Person". Nun ändert die politische Orientierung des Autors nichts daran, dass "Lords of Chaos" eine aufschlussreiche Lektüre darbietet. Man liest die ausführliche Dokumentation der Black-Metal-Ideologie aber doch mit anderen Augen, wenn man weiß, dass Moynihan schon seit langem an der sparten- und stilübergreifenden Verbindung rechtsorientierter Jugendkulturen arbeitet.Insofern bietet der Band "Ästhetische Mobilmachung", den Andreas Speit jetzt in dem kleinen antifaschistischen Unrast-Verlag herausgegeben hat, eine gute Ergänzung zur "Lords of Chaos"-Lektüre. Speits Autoren untersuchen ausführlich die Verflechtungen zwischen der Dark-Wave-Szene und den neueren völkisch-nationalistischen und neonazistischen Milieus: von Moynihans gesungenen Runengedichten über den schwer zu entziffernden Kryptofaschismus seines Freundes Douglas Pearce (Death In June) - bis zu den bisher zumeist gescheiterten Versuchen rechtsradikaler "Intellektueller", Dark Waver und Grufties in größerem Rahmen für ihre Ziele zu agitieren.Doch anders als die Schwarzmetaller - so jedenfalls das Resümee dieses Bandes - waren die Schwarzkittel bisher weitgehend resistent gegen rechte Parolen. Bei allen Affinitäten, die ihr Todeskult zur Nazi-typischen Theatralik besitzt, sind sie zum richtigen Nazi-sein letztlich wohl zu introvertiert. Von den Black Metallern werden die Dark Waver dann auch folgerichtig als "zu schwul" abgelehnt. Bis die Einheitsfront steht, von der Leute wie Moynihan träumen, ist es noch ein weiter Weg.Black Metal - Dark Wave - RechtsRock // Michael Moynihan/Didrik Søderlind: Lords of Chaos. Satanischer Metal: Der blutige Aufstieg aus dem Untergrund. Prophecy Productions/ Pro Media Verlag, Zeltingen-Rachtig 2002. 416 S. , 19,95 Euro.Dazu ist auch eine Doppel-CD mit Hörbeispielen erschienen: Lords of Chaos. Die Geschichte der okkulten Musik (u. a. mit Mayhem, Bathory, Abruptum, Black Sabbath und Mick Jagger) - Prophecy Rec. /Pro Media Andreas Speit (Hg. ): Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungfeld rechter Ideologien. Unrast Verlag, Münster 2002. 282 S. , 16 Euro Ein Kapitel über Dark Wave und Black Metal findet sich auch in dem empfehlenswerten Sammelband: C. Dornbusch/J. Raabe (Hg. ): RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien. Unrast Verlag, Münster 2002. 544 S. , 24 Euro.AUS DEM BESPROCHENEN BAND "LORDS OF CHAOS" Beliebtes Bild bei Black Metallern: brennende Kirche in Norwegen.