In Berlin verlassen knapp 15 Prozent der Migrantenkinder die Schule ohne Abschluss. Wieso hat's bei Ihnen geklappt, Frau Chebli?In der Grundschule in Moabit, wo ich eingeschult wurde, war ich eine von drei Ausländern in der Klasse. Ich war also gezwungen, schnell Deutsch zu lernen, um vor allem Freunde zu gewinnen. Zu Hause haben wir nur Arabisch geredet, darauf hat mein Vater bestanden. Ich komme aus einer großen, sozial schwachen Familie mit zwölf Geschwistern, aber trotzdem war es ein glückliches Elternhaus. Meinen Vater würde ich als liberal bezeichnen. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Meine Brüder mussten im Haushalt mithelfen.Haben sich Ihre Eltern für Ihre Schule interessiert?Solange ich gute Noten nach Hause gebracht habe, war alles okay. Trotzdem waren meine Eltern während der Schulzeit fast nie beim Elternabend. Das hat aber nichts mit Desinteresse zu tun. Sie haben sich nicht getraut. Mein Vater hat großen Wert darauf gelegt, dass ich gute Leistungen mit nach Hause bringe. Meine Mutter ist etwas traditioneller, für sie wäre das schöner gewesen, wenn ich nach der Schule geheiratet und Kinder bekommen hätte. Aber heute ist auch sie sehr stolz auf mich.Haben Sie Vorbilder?Meinen ältesten Bruder, der ist in Schweden Imam und berät die Behörden dort zu den Themen Islam und Integration.Bekamen Sie von den deutschen Lehrern Unterstützung?Als ich an meinem ersten Gymnasium war, haben viele Lehrer mir das Gefühl gegeben, ich sei dort fehl am Platz. Ich kann mich erinnern, dass ich beim Diktat in Deutsch einmal eine Eins Minus geschrieben habe. Sonst hatte ich in dem Fach schlechtere Zensuren. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, war der Kommentar des Lehrers.Das war hart.Ich bin dann auch in der achten Klasse sitzen geblieben. Erst als ich an eine Schule gewechselt habe, wo die Lehrer jünger, weniger konservativ und offen für Migrantenkinder waren, haben sich meine Noten verbessert. Ich war dann schnell Klassenbeste.Fällt es Töchtern von Migranten leichter zu lernen?Nicht nur bei Migranten sind Mädchen meist besser als Jungs in der Schule. Aber bei Mädchen aus Migrantenfamilien kommt etwas Wesentliches hinzu. Sie sind oft strebsamer und ehrgeiziger, weil Bildung für sie ein Weg ist, sich von der Familie zu befreien.Was müsste man machen, um die Lage an den Schulen zu verbessern?Nach meiner persönlichen Erfahrung könnten Lehrer zum Beispiel mehr interkulturelle Kompetenz gebrauchen. Dazu müsste es an den Schulen mehr Fortbildungen geben.Was ist interkulturelle Kompetenz?Die Fähigkeit, Andersartigkeit nicht gleich als Problem zu sehen und mehr miteinander zu reden. Wenn ein türkischstämmiger Junge einer Lehrerin sagt, er nehme sie nicht ernst, weil sie eine Frau ist, sollte die Lehrerin ihn nicht mit einem Tadel rausschicken. Sie müsste das Gespräch mit ihm suchen und herausfinden, was diesen Jungen treibt, so etwas zu sagen.Weil er ein kleiner, unverstandener Türke ist?Nein, weil Bestrafungen allein uns hier nicht weiterbringen. Die Lehrerin muss natürlich eine Autorität repräsentieren. Sie darf keine Angst vor kulturellen Differenzen haben und das auch aussprechen. Man sollte auch stärker mit Vorbildern arbeiten, diese in die Schulen schicken, Migranten, die es geschafft haben. Und wenn es um islamische Jugendliche geht, könnte man Imame einladen, denn diese repräsentieren eine Autorität, ihr Wort gilt etwas.Die Muslime sind an der Lage nicht unschuldig, sie igeln sich ein.Wenn ich mit Jugendlichen spreche, warne ich sie davor, sich in ihrer Opferrolle einzurichten. Islamfeindlichkeit gibt es durch alle Schichten hinweg. Da gibt es nichts schönzureden. Aber wenn man sich nur beschwert, ändert man nichts. Deshalb suche ich den Dialog, um zu erklären, was der Islam für mich und für die Mehrheit der hier lebenden Muslime ist, nämlich friedlich.Sie sind Grundsatzreferentin des Innensenators. Was ist der Reiz daran?Es macht Spaß, sich mit Themen zu beschäftigen, die mich persönlich betreffen: Islam, Migration, interreligiöser Dialog. Bei all diesen Fragen kochen immer gleich die Emotionen hoch, auf beiden Seiten. Es ist alles immer gleich schwarz oder weiß. Ich wünschte mir mehr Coolness in den Debatten. Der Reiz ist natürlich auch, direkt auf der Leitungsebene der Innenverwaltung zu arbeiten.Ist der Innensenator ein guter Chef?Ja, wenn es etwas zu besprechen gibt, steht seine Tür immer offen.Körting besucht sogar Gebetshäuser, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Ihre Idee?Der Senator hat sich lange vor meiner Zeit mit dem Thema Islam und dem Dialog mit Muslimen beschäftigt. Neben dem Verfassungsschutz wollte er eine andere Perspektive haben, wie der Islam in die Gesellschaft integriert werden kann. Diese andere Sicht bringe ich mit. Wir haben gemeinsam das Konzept entwickelt, auf Moscheenvereine, die keine Stimme in der Islamkonferenz haben, zuzugehen. Er hat sich viel Zeit genommen, er hat an Predigten und am Gebet teilgenommen und mit den Betenden lange Gespräche geführt.Sie waren auch in der als radikal geltenden Al-Nur-Moschee in Neukölln. Wie gehen die Männer dort mit ihnen um?Ich kann nicht sagen, dass ich nicht ernst genommen wurde, etwa weil ich kein Kopftuch trage. Es wurde geschätzt, dass der Senator jemanden wie mich eingestellt hat.Haben Sie das Kopftuchtragen mal erwogen?Ich komme aus einer sehr konservativen Familie, bis auf meine jüngste Schwester und mich tragen alle ein Kopftuch. Keine wurde gezwungen. Ich habe es für mich nicht in Erwägung gezogen, obwohl ich glaube, dass das Kopftuch eine religiöse Pflicht ist.Klingt widersprüchlich.Man kann ein guter Muslim sein, aber trotzdem kein Kopftuch tragen. Es ist wichtiger, im Herzen rein zu sein, zu beten, zu fasten und die anderen islamischen Gebote zu verfolgen. Ich wollte einen anderen Weg gehen, studieren, arbeiten, in der Politik mitmischen. Mit einem Kopftuch wäre das alles hier in Deutschland nicht möglich gewesen oder jedenfalls viel schwerer.Ist das Kopftuch für Verwaltungsmitarbeiter verboten?Nein. Aber als Richterin, Polizistin oder Lehrerin kann man kein Kopftuch tragen.Gibt's in der Innenverwaltung einen Gebetsraum?Ich brauche keinen. Es ist keine Pflicht, alle fünf Gebete zeitgenau zu verrichten. Ich bete abends die Gebete zusammen. Davon abgesehen habe ich ein eigenes Büro.Interview: Sabine Rennefanz------------------------------Zur PersonSawsan Chebli ist Politikwissenschaftlerin. Bevor sie als Grundsatzreferentin in der Senatsinnenverwaltung anfing, arbeitete sie für SPD-Abgeordnete im Bundestag. Als Verwaltungsmitarbeiterin darf sie sich zu bestimmten Fragen wie über ihre Parteizugehörigkeit nicht äußern.------------------------------Foto: Sawsan Chebli, 31 Jahre alt, gläubige Muslimin mit palästinensischen Wurzeln. Die gebürtige Berlinerin ist verheiratet und hat keine Kinder.