"Essen, Schlafen, Fernsehen." Diese drei deutschen Vokabeln kommen John Ramos und Stephen Herdsman bereits recht flott über die Lippen. Aber die beiden US-Boys vom Spandauer BC kennen natürlich auch die Übersetzung des Wortes "Soccer", ist doch Fußballspielen seit Jahren ihre Hauptbeschäftigung.Und diese beherrschen beide mindestens ebenso gut wie das Hantieren mit der Fernbedienung oder mit Messer und Gabel. Oder mit Stäbchen, steht doch auf der "Genußskala" chinesisch Essen an erster Stelle. Zwei Amerikaner in der Berliner Verbandsliga, das ist ebenso ungewöhnlich, als würde der SBC den Sprung in den bezahlten Fußball schaffen. Genau da wollen Ramos und Herdsman allerdings auch hin, wenn auch nicht mit dem SBC. Vielmehr betrachten sie die Spiele am Ziegelhof als Bühne, auf der sie ihr Können präsentieren und sich für höhere Aufgaben empfehlen können. Die Verbandsliga als Sprungbrett. König der Lüfte Gute Noten erhalten sie Woche für Woche. Herdsman, der vor 20 Jahren auf der Karibikinsel Jamaika geboren wurde und im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern in den US-Bundesstaat Florida übersiedelte, besticht dabei mit seiner überragenden Schnelligkeit und einer Sprungkraft, die manchem NBA-Star zur Ehre gereichen würde. "Air Herdsman" sozusagen, in Abwandlung des Spitznamens des größten Basketballers aller Zeiten, Michael Jordan. Weitere Spezialität: Gewaltige Einwürfe, Marke Steffen Freund von Borussia Dortmund. Technik aus Peru Wo die fußballerischen Wurzeln von John Ramos liegen, läßt schon sein Name erahnen. John, der eigentlich Juan heißt, ist peruanischer Abstammung, und so spielt er auch. Eine hervorragende Technik, womit er seine Gegenspieler durchaus auch in der berühmten Telefonzelle abkochen kann, ein gutes Auge, aber bisweilen etwas ballverliebt, wie es sich für einen echten Südamerikaner gehört: Der 23jährige ist auf dem Platz jederzeit zu Spektakulärem gut.Diese Fähigkeiten bewogen SBC-Chef Gerd Achterberg, die dunkelhäutigen Kicker von Miami an den Ziegelhof zu lotsen. "Ich wollte hier für mehr internationales Flair sorgen", scherzt Achterberg, dem seine "USA-Connections" zugute kamen. Der Lüneburger Rüdiger Schult, der in Miami ein Fußball-Nachwuchscamp betreibt, hatte Achterberg angerufen, um im Rahmen einer Deutschlandtournee mit seinen Talenten auch ein Spiel gegen die Reinickendorfer Füchse auszutragen. Die Regionalliga-Kicker waren allerdings im Urlaub. Achterberg bot den SBC als "Ersatz" an, der 1:5 gegen die US-Boys unterlag. Achterberg gelang es, Herdsman und Ramos, die groß aufgespielt hatten, zum Wechsel zu überreden. Am 30. Juni holte der SBC-Chef die US-Boys am Hamburger Flughafen ab. Der SBC mietete eine 68-Quadratmeter-Wohnung mit Bad und Balkon in der Krowelstraße an und richtete sie für seine Neuerwerbungen ein. Sie liegt nur einen Steinwurf vom Ziegelhof entfernt. Auch wenn hin und wieder Heimweh nach dem "Sunshine State" aufkommt, fühlen sich die Amerikaner, die vom SBC ein Taschengeld erhalten und sich mit Zeitungsaustragen etwas dazuverdienen, wohl in Spandau. Nur die Kälte nervt "Nachbarn und Mannschaftskameraden sind sehr freundlich", sagt John Ramos, "wir wurden zwar von verschiedener Seite vor Rassismus in Deutschland gewarnt, haben aber selbst schlechte Erfahrungen nicht gemacht." Ein Problem sind allenfalls die niedrigen Temperaturen. Und Schnee hat Herdsman noch nie und Ramos erst einmal in seinem Leben in Arizona gesehen. Dem Winter in Deutschland würden sie wegen der zu erwartenden Kälte gern ganz den Rücken kehren. Dem aber schiebt Gerd Achterberg einen Riegel vor: "Mehr als drei Wochen Heimaturlaub über Weihnachten und Neujahr sind nicht drin." +++