DRESDEN. Pokerst du? Diese Frage ist wohl jedem Schachmeister schon gestellt worden. Anders als auf dem Brett, wo nur etwa ein Dutzend Spieler mehr als 100 000 Euro im Jahr verdienen, haben im Poker dank des Onlinebooms schon mittelprächtige Profis ein Auskommen. Relativ viele von ihnen waren früher Schachspieler oder sind es noch. Selbst während der Schacholympiade zocken einige Teilnehmer nächtens an den virtuellen Pokertischen.Der norwegische Jungstar Magnus Carlsen tut es, damit die Gedanken nicht der zuvor gespielten Partie nachhängen - so kann er unbelastet einschlafen. Der niederländische Spitzenspieler Loek van Wely pokert, weil es im Schach bei ihm zuletzt miserabel lief. Und Etienne Bacrot, der für Frankreich am ersten Brett sitzt, zockt einfach zum Spaß.Auf Einladung eines MilliardärsAls ambitioniert gilt Alexander Grischtschuk. Vor ein paar Jahren qualifizierte er sich der Russe für eine Endrunde der World Series of Poker und brauchte ein Visum vom US-Konsulat in Moskau. Als der Beamte einen libyschen Stempel in seinem Pass entdeckte, wurde er misstrauisch: Was hatte er in Libyen zu suchen? Grischtschuk erklärte wahrheitsgemäß, dass er dort an der Schach-Welmeisterschaft teilgenommen hatte. Und nun wollen Sie zur Poker-WM nach Las Vegas? Guter Mann, das können Sie jemand anderem erzählen!Zum Finale der European Poker Tour in Monte Carlo hat Grischtschuk es aber geschafft. Schachkollegen, die dort auf Einladung eines Milliardärs spielten, staunten nicht schlecht, als er unerwartet als Zuschauer beim Schachturnier auftauchte und erklärte, was er selbst in Monte Carlo vorhatte.Als Russland in Dresden am Montag im Spitzenspiel auf Deutschland traf, wäre Grischtschuk auf Jan Gustafsson getroffen, hätte er nicht ausnahmsweise am zweiten Brett oder der Hamburger Großmeister nicht am dritten Brett gesessen. Gustafsson schätzt am Pokern, dass er damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Das sei wunderbar für sein Schach. So müsse er nicht jedes Wochenende eine Ligapartie spielen, sondern nur jene Turniere bestreiten, zu denen er Lust hat. "Im Pokern ist mehr zu holen", sagt er.Sogar ein Pokerlehrbuch hat Gustafsson verfasst. Aber mehr Spaß macht ihm Schach. Dass er von Schachspielern ständig auf seinen anderen Job angesprochen wird, nervt ihn. Wäre er Versicherungsvertreter, interessierte das keine Sau, sagt er. Zum Glück gibt es in der Schachszene genug andere, die den Wissensdurst in Sachen Poker befriedigen können. Denn Wechsel vom Schach zum Poker gab es schon früher. Pokerlegende Dan Harrington war einmal Schachmeister von Massachusetts. Walter Browne, nach Bobby Fischers Rückzug von der Bildfläche der führende Amerikaner, lebt seit langem von den Karten ebenso wie Josef Klinger, das einst größte Schachtalent Österreichs.Als der Pokerboom vor vier Jahren einsetzte, hat ein anderer Hamburger Großmeister, Matthias Wahls, das Schachspielen aufgehört. Er gründete die Onlineschule PokerStrategy und überzeugte seinen früheren Nationalmannschaftskollegen Rustem Dautow zur Mitarbeit. Einige Zeit warb Wahls in Schachzeitschriften und erwähnte dabei reihenweise prominente Großmeister, die bei ihm Poker lernten.Schachspieler sind es gewohnt, die Theorie des Spiels zu studieren und anzuwenden. Sie verstehen es auch, das Verhalten ihrer Gegner zu analysieren und daraus Schlüsse für ihre eigenen Spielzüge zu ziehen. Die meisten von ihnen stehen nicht auf Kriegsfuß mit Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Laut Sune Berg Hansen, der für die dänische Tageszeitung Politiken sowohl über Schach als auch über Poker schreibt, scheuen sich Schachspieler auch nicht, im Onlinespiel Software als Hilfsmittel einzusetzen, etwa aus Datenbanken Informationen über das Spiel ihrer Gegner abzufragen.Eines allerdings, weiß Jan Gustafsson zu berichten, macht Schachgrößen beim Pokern zu schaffen. Sie sind es nicht gewohnt zu verlieren, sondern dass gutes Spiel sofort Resultate bringt. Schließlich gibt es einen auf den 64 Feldern nicht vorhandenen Faktor: Kartenglück.------------------------------Foto: Gesichtsmassage: Pokerlegende Dan Harrington lockert sein Pokerface.

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