Die Gastausstellung des Museum of Modern Art in Berlin kann schon jetzt als Erfolg gefeiert werden: Die Schlangen vor der Neuen Nationalgalerie reißen kaum ab. Dem großen Publikum weit weniger bekannt ist, dass das MoMA nicht nur Gemälde, Grafiken und Skulpturen sammelt, sondern auch Film- und Videokunst. Spätestens ab dem kommenden Wochenende dürfte sich das aber auch in Berlin herumsprechen. Denn am Sonntag eröffnen Arsenal und Filmmuseum eine zweimonatige, einzigartige Retrospektive mit Schätzen aus dem Filmarchiv des New Yorker Hauses.Dieses Archiv, gegründet 1935, hatte sich die Aufgabe gestellt, "alle Arten von Film zu sammeln, zu katalogisieren, zu archivieren, vorzuführen und an Museen und Schulen auszuleihen". Film wurde damit offiziell als Kunst anerkannt; übrigens gerade rechtzeitig, um die nicht mehr ganz jungen Pioniere des Kinos noch bewegen zu können, ihre Negative und Kopien an das Museum zu geben. Iris Barry, die erste Kuratorin der MoMA-Filmabteilung, schützte so zum Beispiel das Frühwerk von David Wark Griffith vor dem Verlust: Der innovativste Regisseur des US-Stummfilms, der einst mit "Geburt einer Nation" (1915) oder "Eine Blüte gebrochen" (1918) Furore gemacht hatte, war inzwischen von Misserfolg und Alkohol gezeichnet und drohte vergessen zu werden. Heute besitzt das MoMA rund zwanzigtausend Filme und vier Millionen Standfotos. Auf ihrer Internetseite nennt die Filmabteilung als ihre Highlights unter anderem Lumières "Repas de bébé" (1895) und Chaplins "Goldrausch" (1925), Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" (1925) und Fellinis "Achteinhalb" (1963), aber auch Scorseses "Raging Bull" (1980) und Clint Eastwoods "Unforgiven" (1992). Ein Schatz, aus dem das Arsenal nur 21 Programme vorführen kann: Man entschied sich vor allem für selten gezeigte US-amerikanische Klassiker.So geben sie sich denn ein munteres Stelldichein: der erste Western der Filmgeschichte, "The Great Train Robbery" (1903), und ein frühes Popeye-Cartoon, "Popeye der Seemann trifft Ali Babas vierzig Räuber" (1937), das Griffithsche Melodram "Waisen im Sturm" (1922) über zwei Mädchen im Strudel der Französischen Revolution, und William Dieterles Musikkomödie "Adorable" (1933) über eine Prinzessin, die sich als Maniküre unters Volk mischt. Sergej Eisenstein ist mit dem Kurzfilm "El Desastre en Oaxaca" (1931) vertreten, einem Report über ein Erdbeben in Mexiko. Immer wieder rückt die Stadt New York ins Bild, unter anderem in Jay Leydas Studie "A Bronx Morning" (1931) oder in dem surrealen "N.Y., N.Y." (1957). Daneben wurden einige Filme ausgewählt, die das MoMA selbst zur Eigenpräsentation in Auftrag gab: wie Jean-Luc Godards und Anne-Marie Miévilles experimentelle Weltbetrachtung "The Old Place" (1999).Nicht zuletzt wird mit einer Schau von Kurzfilmen aus den späten 1960er-Jahren an ein Ereignis erinnert, das das MoMA im Frühjahr 1970 mit beiden Teilen Berlins verband. Damals präsentierte ein Abgesandter aus New York das Programm "American Independent Films". In West-Berlin, wo die Veranstaltung im Amerika-Haus angesetzt war, drohten Vietnamkriegsgegner mit einem Boykott. Ist Ost-Berlin nahm sich das Staatliche Filmarchiv der avantgardistischen Arbeiten an und stellte sie vor ausgewähltem Publikum vor.Übrigens zeigt das MoMA in seinem Stammhaus auch deutsches Kino. Derzeit laufen die Vorbereitungen für eine Retrospektive mit Defa-Klassikern, die dem New Yorker Publikum im kommenden März offeriert werden sollen.Schätze aus dem Filmarchiv des MoMA Arsenal, ab So 19 Uhr.