Banda Aceh - Die junge Frau hockt in einem schneeweißen Bußgewand auf dem Podest. Unter dem tief in die Stirn gezogenen Hijab, dem im islamischen Indonesien üblichen Kopftuch, schimmern Tränen auf den Wangen. Die Frau hält ihre Hände gefaltet, während über ihr ein teuflisch anmutender Mann mit schwarzem Gewand und weißer Augenmaske den rechten Arm zum Schlag mit einer biegsamen Rute erhebt.

Sie wird in aller Öffentlichkeit verprügelt, weil sie angeblich gegen das in der indonesischen Provinz Aceh herrschende und angewandte islamische Scharia-Gesetz verstoßen hat.

Ein Mann liest den Namen der Frau, ihrer Eltern und die genaue Anschrift der Familie so laut vor, dass sie von den letzten Fanatikern in der schaulustigen Menge gehört werden können. Von religiösem Eifer aufgepeitscht, brüllen aufgewühlte Zuschauer der jungen Frau unflätige Beschimpfungen ins Gesicht, als der Stock auf den Rücken des wattierten weißen Bußhemds der jungen Frau niederfährt. „Hure“, klingt es aus der Menge, „Schlampe“, brüllen andere. Während der öffentlichen Züchtigung sind Schimpfwörter erlaubt, die sonst in Aceh verpönt sind.

Geldmangel stoppt die Eiferer

Zwei Drittel der Verurteilten, die in Aceh bislang die öffentliche Strafe über sich ergehen lassen mussten, waren Männer. Einige von ihnen bemächtigten sich im Zorn der Stöcke, mit den sie verprügelt werden sollten und attackierten den schwarz gekleideten Mann.

Aber keiner wird so sehr gedemütigt wie die Frauen. „Die körperlichen Verletzungen sind nicht so schlimm wie die soziale Ächtung“, klagt die Frauenrechtlerin Samsidra (Name geändert) von der Vereinigung „Legale Hilfe für Frauen“ (APIK) in Banda Aceh, „sie werden von ihren Familien verstoßen, die Kinder werden aus der Schule geekelt, die Männer lassen sich scheiden.“

Die 48-jährige Agrarwissenschaftlerin berichtet vom Selbstmord eines Mädchens, das von einem Mitglied der Scharia-Polizei zu Unrecht angeklagt wurde. Als der Mann von den Eltern wegen falscher Beschuldigungen angezeigt wurde, entfesselte der Moralwächter eine Medien- und Hetzkampagne. „Wir werden bedroht, immer wieder versucht man, uns einzuschüchtern“, sagt die Anwältin Azriana Rambe Manalu, 45, die vor einigen Jahren in die Frauenkommission von Indonesiens Regierung tätig war.

Wie ihre Kollegin Samsidra trägt die Anwältin ein Kopftuch. „So wie wir gekleidet sind, würden wir von der Scharia-Polizei normalerweise sofort gestoppt.“ Denn Kopfbedeckung und loser Umhang reichen nur bis zu den Hüften. Die Sittenwächter des Islams bestehen aber darauf, dass Frauen den ganzen Körper unter einen sackähnlichen Gewand stecken. „Frauen in engen Kleidern fordern Vergewaltigungen heraus“, sagt eine Scharia-Polizistin, „wenn Männer nichts sehen, wacht in ihnen auch keine Lust. Wenn Männer die Kurven der Frauen erkennen, können sie sich nicht beherrschen.“

Aber seit ein paar Wochen gibt es keine Moralrazzien. Der Tugendpolizei ging ein halbes Jahr vor dem nächsten Haushaltsjahr das Geld aus. „Öffentliche Auspeitschungen sind teuer“, sagt Frauenrechtlerin Samsidra. In ihrem religiösen Eifer vergaß die Religionspolizei offenbar das Rechnen.

Die Frauenrechtlerinnen in Aceh berichten, dass zwischen 2009 und 2014 in dem überwiegend von Muslimen bewohnten Indonesien insgesamt 300 Gesetze und Regeln erlassen worden seien, die Frauen diskriminieren. Mal gelten die Vorschriften in Landkreisen oder einzelnen Orten. Nur in Aceh gelten sie in der ganzen Provinz. Neben dem Verbot enger Kleider ist es unverheirateten Frauen außerdem untersagt, als Beisitzer auf ein Moped zu steigen. Nur in öffentlichen Räumen dürfen sie sich gemeinsam mit Männern aufhalten.

Sittenwächter als Vergewaltiger

Bei Ehebruch gibt es bis zu 100 Stockschläge – oder Schlimmeres. Eine fünfköpfige Gruppe von Scharia-Polizisten, darunter ein 13-jähriger Junge, stürmte kürzlich ein Zimmer, in dem sich ein Pärchen amüsierte, und vergewaltigte die Frau. Anschließend wurde das Paar mit Abflusswasser aus einer Toilette überschüttet und auf die Scharia-Wache geschleppt. Statt die öffentlichen Auspeitschung hinzunehmen, entschied sich die 25-jährige Frau für Selbstmord.

„Auf dem Papier darf die Scharia-Polizei nur ermahnen“, sagt die Frauenrechtlerin Samsidra. In der Praxis gerieren sich die dogmatischen Islamisten in Aceh längst als Staat im Staat. „Wenn bewiesen ist, dass jemand ein Dieb ist, sollte ihm die Hand abgehackt werden“, propagiert Kapitän Ibrahim Latif, der Chef von Acehs Religionspolizei die Strafen, die von Gruppen wie den radikalislamischen Talibanmilizen oder der Terrortruppe Islamischer Staat im Nahen Osten praktiziert werden.

Ursprünglich wurden die Scharia-Gesetze in Aceh unter Präsidentin Megawati Sukarnoputri in Aceh eingeführt, als dort noch der Konflikt zwischen Regierungstruppen und Separatistenorganisation GAM tobte. Nach dem verheerenden Tsunami im Jahr 2008 und dem anschließenden Friedensschluss in der Provinz forcierten die Provinzpolitiker die Islamisierung Acehs.

Dabei kennen sie den ökonomischen Schaden, den sie der Provinz zufügen. „Ich weiß, das Thema Religion schreckt viele Auslandsinvestoren ab“, sagt der stellvertretende Parlamentsvorsitzende Sulaiman Abda, der zugleich Provinzchef von Golkar, der ehemaligen Partei des 1998 gestürzten Diktators Suharto ist, aber man lebe nach dem Grundsatz „Meine Religion ist meine Religion, deine Religion ist deine“. Investoren brauchten keine Probleme zu fürchten.

Der Mann redet sich und seinen Besuchern die Tatsachen schön. Acehs Parlament hat mit großer Mehrheit ein Gesetz verabschiedet, laut dem zukünftig die Scharia für nicht nur muslimische Bürger der Provinz gelten sollen, sondern für auch für Bewohner, die anderen Religionen anhängen.

Die vierköpfige chinesisch-stämmige Familie, die im Restaurant ein paar Tische von den Frauenrechtlerinnen Samsidra und Azriana entfernt speist, wird sich dann nicht mehr so ungezwungen bewegen können. Die Mutter dürfte demnach künftig nur noch mit Kopftuch auf die Straße. Andererseits gibt das Gesetz praktisch Vergewaltigungen frei. „Das Opfer muss zukünftig mit Hilfe von vier Zeugen seine Unschuld beweisen“, sagt Frauenrechtlerin Samsidra.

Als Reicher im Bordell

„Wir hören, dass der Gouverneur das neue Gesetz bereits unterschrieben hat“, sagt ein Kenner der politischen Szene in der Stadt Banda Aceh, „aber es noch nicht öffentlich zugeben will.“ Vielleicht wartet er auch noch ab, welche Position der erst kürzlich gewählte Präsident Joko Widodo Position bezieht. „Wir glauben nicht, dass er hier eingreifen will“, sagt die Frauenrechtlerin Samsidra. „Im Friedensvertrag zwischen der GAM und der Zentralregierung wurde für Aceh Autonomie festgeschrieben, und in Jakarta herrscht die Furcht, dass eine Einmischung neue Probleme bringen könnte“, gibt er zu bedenken.

So müssen die Menschen in Aceh weiter in einer Wirklichkeit leben, die der 56-jährige Fischer Baharuddin mit knappen Worten beschreibt: „Wir haben nichts gegen die Scharia, sie gehört zu unserem Glauben. Aber in Aceh wird sie nur auf die Armen angewendet, die Reichen haben nichts zu fürchten.“

Es gibt sogar ein Beispiel. Ein einflussreicher Politiker Acehs wurde in flagranti in einem trotz allem noch existierenden Bordell erwischt. Der Fall wird nicht verfolgt, sondern totgeschwiegen.