Lachen hält wirklich gesund: Der Wiener Kabarettist Georg Kreisler ist 87 Jahre alt, aber ungebrochen witzig, geistig rege und ohne jede Altersmilde. Der Kurfürstendamm habe gegen ihn im Lauf der Jahre sehr abgebaut, sagt er, und schlägt als Treffpunkt für das Gespräch trotzdem ein Lokal im Europacenter vor.Herr Kreisler, der Wiener Schriftsteller Hans Weigel bezeichnete Sie einmal als "Dichterkomponistchansonnierpianist".Na schön, aber da hat er ein paar Sachen vergessen! Regisseur zum Beispiel. Oder Schriftsteller. Das ist es dann so ziemlich.Als was würden Sie sich selbst bezeichnen?Ich glaube, schon als Schriftsteller, der ein bissel verzweigt tätig ist und auch Lieder schreibt.Aber Sie haben eigentlich 2001 mit dem Singen und Klavierspielen auf der Bühne aufgehört?Ja, ich habe dann jedoch noch einen Leseabend mit meiner Frau Barbara Peters gemacht. Wir planen sogar wieder einen, aber ich weiß nicht, ob er zustande kommen wird, wir werden sehen.Die Zuschauer haben Sie immer geliebt. Warum haben Sie mit Ihren Chansonabenden aufgehört?Ich finde es nicht gut, wenn ein alter Mann wie ich auf der Bühne sitzt und am Klavier beim Singen Grimassen schneidet. Das schickt sich nicht! Die Leute applaudieren dann zwar, denken sich jedoch im Stillen: Na, den hätte man früher sehen sollen, als er noch gut war.Der Pianist Alfred Brendel ist, wie er erzählte, von der Bühne abgetreten, als seine Finger nicht mehr so schnell waren, wie sie sein müssten.Das kann ich mir vorstellen, aber ich habe nicht die Probleme eines Konzertpianisten. Dessen Geläufigkeit braucht man für meine Lieder nicht.Sie wirken mit Ihren bald neunzig Jahren ohnedies wie ein biologisches Wunder.Es geht mir ganz gut. Alles macht mit, bis auf meine Beine, die sind schlecht. Ansonsten bin ich gesund, ich höre gut, ich sehe gut, ich kann Auto fahren - unlängst eigenhändig sogar von Rostock bis nach Salzburg.In Ihrer Autobiografie "Letzte Lieder" gehen Sie ziemlich streng mit allerlei Menschen und Dingen ins Gericht. Ich habe mich nach der Lektüre kaum getraut, Sie zu interviewen .Wirklich? Warum denn? Nennen Sie doch ein Beispiel.Na, dass Journalisten oft faul und schlecht informiert sind etwa .Aber das ist doch eine Tatsache! Bedenken Sie, wie oft ich von der Presse auf mein "Taubenvergiften"- Lied aus dem Jahr 1955 angesprochen werde, dabei habe ich seitdem so viele andere Sachen gemacht .Ist dieses Lied vom "Taubenvergiften im Park" nicht zu Ihrer persönlichen Hymne geworden, zu Ihrer unvergänglichen musikalischen Erkennungsmelodie?Aber das ist ja nicht meine Schuld, sondern die der Journalisten! Lächerlich - ein Lied, das ich in einer halben Stunden vor vielen Jahren geschrieben habe, weil das Thema aktuell war, weil in jeder Zeitung etwas über vergiftete Tauben stand und der Tierschutzverein dagegen war und man in Wien über so etwas wie die Antibabypille für diese Vögel diskutiert hat. Das war schnell abgefasst im Wiener Dialekt, das Deutsch ist nicht sehr gut - aber die Journalisten haben sich daran festgekrallt und deswegen ist es jetzt mein Markenzeichen. Ich wehre mich ja gar nicht dagegen! Ich finde es nur blöd. Das Publikum identifiziert mich auch damit, weil es einfach die Dinge wiederholt, die es in der Zeitung liest. Es gibt immer wieder Leute, die sich an diesen alten Liedern erfreuen, meist weil sie sie schon als Kinder gehört haben. Ich zitiere ja auch Wilhelm Busch und kann Franz Karl Ginzkeys "Hatschi Bratschis Luftballon" und solche Sachen seit meiner Kinderzeit auswendig - aber das ist für mich kein Gütesiegel.Sie sehen sich in einer literarischen Tradition von Johann Nestroy, Christian Morgenstern, Erich Kästner. Welcher musikalischen Tradition fühlen Sie sich verpflichtet?Da habe ich auch wieder viele Ahnväter, von den moderneren Komponisten würde ich sagen Bartók und Strawinsky, bis zu einem gewissen Grad auch Schönberg. Als junger Mensch habe ich ausgiebig das Werk Alban Bergs studiert, die Opern "Wozzeck" und "Lulu" und seine anderen Kompositionen.Sie haben in Ihren Liedern oft sehr witzig die tradierten musikalischen Formen benutzt, seien es der Walzer, die Polka oder der Tango. Lässt sich darauf besonders gut texten?Nein, nein, diese Formen und auch viele Schlager liebe ich noch aus meiner Kindheit, die habe ich da auch schon gespielt. Ich war neulich mit der Tochter von Werner Richard Heymann zusammen, der große Schlager geschrieben hat wie "Das gibt's nur einmal" oder "Ein Freund, ein guter Freund". Die kann ich immer noch auswendig. Meine Chansons sind ja auch keine moderne Musik, sondern eher in dieser Machart entstanden.Ihre Lieder haben meist viele Strophen, sind also sehr wortlastig. Hilft die Melodie, sich die Texte besser zu merken?Nein, das sind für mich zwei voneinander ganz unabhängige Ebenen. Aber als Schauspieler ist man gewöhnt, sich viel zu merken. Man muss es ja auch!Dabei sind Sie doch eigentlich kein Schauspieler, oder?Bis zu einem gewissen Grad schon, denn ich bin im Exil in Hollywood etwa ein Jahr lang auf die Schauspielschule gegangen. Fechten allerdings habe ich dort nicht gelernt, dazu war die Zeit zu kurz, aber ich habe Sprechkurse mitgemacht und Regisseuren zugeschaut und so. Um die Chansons wirkungsvoll vorzutragen, muss man schon auch schauspielern.Sie stammen aus einer jüdischen Wiener Familie und sind vor den Nationalsozialisten mit Ihren Eltern 1938 in die USA emigriert.Ich hatte sehr liebe Eltern, ich kann mich über nichts beschweren. Ich bin natürlich sehr streng erzogen worden, weil das damals üblich war. Meine Mutter ist leider schon 1942 in Amerika gestorben, ein paar Jahre nach unserer Ankunft. Mein Vater hat lange gelebt und ist später noch zu mir nach Wien gekommen.In Hollywood arbeiteten Sie unter anderem bei Charlie Chaplin. Wie war das, wie war er?Chaplin war ein sehr sozial denkender und generöser Mensch. Einmal zum Beispiel fiel ein Scheinwerfer auf ihn und die Produktion musste wegen seiner Verletzung vier Wochen unterbrochen werden. In dieser Zeit hat er alle Leute weiterbezahlt, was er damals nicht hätte tun müssen, da waren die Gewerkschaftsregeln noch nicht so streng. Man konnte die Leute ohne Kündigungsfrist sofort hinauswerfen. Er aber hat alle - Bühnenarbeiter, Techniker, selbst kleine Assistenten - vier Wochen weiterbezahlt, ohne dass sie gearbeitet haben, auch mich.Kamen Sie denn manchmal näher mit ihm ins Gespräch?Ach was, wir haben kaum miteinander gesprochen. Man darf nicht vergessen, ich war ein ziemlich grüner Junge, als ich die amerikanische Prominenz und die deutschen Flüchtlinge kennenlernte. Die haben sich mit mir nicht sehr befasst. Ich war sechzehn Jahre alt, als wir Wien verließen. Wenn heute ein paar prominente ältere Leute zusammenkommen und es stößt ein junger Bursch dazu, den sie nicht kennen, sagen die zwar "Guten Tag", aber lange Gespräche finden da nicht statt.Auch der deutsche Exilant Hanns Eisler hat nicht mit Ihnen geredet?Nein, Hanns Eisler besonders nicht! Ich musste ihm mehrere Male frisches Notenmaterial vom Set in sein Haus in Malibu bringen, damit er die Melodien, die Chaplin mir vorgepfiffen und die ich notiert hatte, bearbeiten und orchestrieren konnte. Er hat die Noten an der Tür entgegengenommen und ich durfte wieder gehen. Ein einziges Mal hat er mich hin-eingebeten, weil er etwas nicht verstanden hatte, und ich sollte ihm die entsprechende Passage vorspielen.Sie fingen schon damals an, Chansons zu komponieren. Schubert hat etwa 600 Lieder geschrieben, wie viele mögen es wohl bei Ihnen sein?Alles in allem werden es zwischen 300 und 500 sein, und das schließt schon die Lieder ein, die in meinen Stücken enthalten sind. Ich bin ja kein Schubert!Dann wären Sie auch schon tot .Ha, ha, richtig !Welches ist Ihr liebstes eigenes Lied?Keines! Man liebt das Lied, das man gerade schreibt.Sie haben sich vor Ihrer Rückkehr nach Wien 1955 in einem New Yorker Hotel einige Jahre lang als Barpianist verdingt?Da stimmt nicht ganz. Natürlich habe ich manchmal zwischen meinen Liedern einfach ein bisschen nur herumgeklimpert. Aber ein richtiger Barpianist hat normalerweise ein riesiges Repertoire von allen möglichen Musikstücken, auch klassischen, wenn er gut ist, um die Zuhörerwünsche zu erfüllen. Dieses Spektrum habe ich nie abgedeckt. Ich habe nichts gegen diesen Beruf und den kann auch nicht jeder, aber mich hat er nicht interessiert. Ich habe schon in New York vor allem meine eigenen Lieder vorgetragen.Die Leute kamen auch Ihretwegen, oder einfach, um zu trinken?Die kamen, weil es zum Beispiel durch mich auch Unterhaltung gab und ein paar lustige Lieder gesungen wurden.Was war Ihr Lieblingsgetränk?Ich habe irgendwann bloß noch Bier getrunken, das man mir in verschlossenen Flaschen servierte. Einmal habe ich nämlich einen sogenannten Micky bekommen, das war ein Pferdeabführmittel und wurde mir von einem Barkeeper in meinen Drink geschüttet. Es gab Leute, die starben nach solchen schlechten Scherzen. Oder man lag wie ich zwei Tage und zwei Nächte in der Badewanne und ließ es aus sämtlichen Körperöffnungen herausrinnen.Der Barkeeper war nicht gerade Ihr Freund?Nein, er mochte mich nicht, weil ich mich darüber beschwert hatte, dass er weiterquatschte, während ich spielte. Der Spezialcocktail war seine Rache. Das Publikum hingegen war eigentlich immer ruhig und hörte zu. Weitergeredet haben die Leute nur, wenn sie das Unterhaltungsprogramm nicht interessierte.Sie sind sehr oft umgezogen, haben nach Ihren Jahren in den USA in Wien, München, Berlin, Basel, Salzburg gelebt. Wollten oder konnten Sie nirgendwo auf längere Zeit heimisch werden?Die Kunst ist meine Heimat. Ich habe an keinem Ort Heimatgefühle. Von dem Schweizer Schriftsteller Guido Bachmann gibt es zu diesem Thema den Satz: "Meine Heimat ist die Heimatlosigkeit, und nur dort finde ich mich." Das gefällt mir, es stimmt auch für mich. Jetzt wohne ich mit meiner Frau in der Nähe von Salzburg, es ist sehr schön da, wir haben viele Freunde, alles bestens. Aber Heimatgefühle? Nein.Sie tragen immer eine außergewöhnlich große Brille, warum?Das war schon immer so. Aber man kriegt sie heute nicht mehr so leicht. Vor Kurzem bin ich gestürzt und da ist die Brille zerbrochen. Meine Frau hat gesagt: "Das ist dein Markenzeichen, du musst dir wieder die gleiche besorgen." Zum Glück hat mir jemand von einem Brillenmacher in Hamburg erzählt, dem habe ich das zerbrochene Gestell geschickt, und er hat es nachgemacht. Man sieht keinen Unterschied, das ist wunderbar.Sie haben sich einmal selbst einen Idealisten genannt. Sind Sie das immer noch?Ich glaube schon. Obwohl mir klar ist, was Ideale sind und was Utopien sind und was alles nicht zustande kommt, strebt man natürlich nach einem Ideal von einer gerechten Gesellschaft, wenn Sie so wollen. Man erleidet immer wieder Rückschläge, weil die Gesellschaft nicht gerecht ist, und diejenigen, die es eigentlich besser wissen müssten, sind auch nicht gerecht, sobald ihnen die Chance gegeben wird, ungerecht zu sein. Wenn die Leute an die Macht kommen, üben sie die meistens in einer Art und Weise aus, die nicht schön ist."Keine Macht für niemand", sagen die Anarchisten, wohl nicht ohne Grund, oder?Genau so ist es. Ich bin ja Anarchist, und Anarchisten haben der Macht abgeschworen. Anarchie hat nichts mit Bombenwerfen zu tun, sondern ist eine Lebensform. Ich hoffe, dass die Menschheit ihr irgendwann einmal näherkommen wird als heute. Dann gäbe es nämlich Autorität statt Macht! Verstehen Sie: Mein Schneider hat Autorität über meinen Anzug, aber er hat keine Macht über mich. Das ist ein großer Unterschied. Einem Anwalt traue ich zu, mich vor Gericht zu vertreten, aber er hat keine Macht über mich. Anarchisten sind auch für kleine Gesellschaften und nicht solche Riesenstaaten. Verwalten statt regieren! Und das Geld muss natürlich generell abgeschafft werden. Es ist ungeheuer, welche Bedeutung das Geld erlangt hat. In unserer westlichen Gesellschaft dreht sich alles nur um Geld. Die anderen Länder etwa in Asien oder Afrika wollen es nicht besser machen.Es ist wohl überflüssig zu fragen, ob es nach Ihrem Wissen im Kunstbetrieb andere Werte gibt?Es ist auch in der Kunst genau so und im Theater und in der Literatur . Ich kenne fabelhafte Künstler, die nicht mehr am öffentlichen Kunstleben teilnehmen wollen und sich zurückgezogen haben, um für sich zu arbeiten. Ich mache es ja nicht anders. Ich schreibe einfach, ohne Auftrag, ohne Verlag. Das tue ich gern. Aber ich will nicht ausgebeutet werden oder um Geld verhandeln. Meine erste Oper zum Beispiel, "Der Aufstand der Schmetterlinge", wurde im Jahr 2000 fünf Mal in Wien gespielt. Diese Uraufführung wurde mitgeschnitten und von dem Mann, der sie aufgenommen hatte, an sämtliche 97 Opernhäuser im deutschsprachigen Raum geschickt mit CDs, Kritiken, die sehr gut ausgefallen waren, und einem Brief von mir. Darauf haben sieben Intendanten geantwortet! Neunzig haben überhaupt nicht reagiert. Und die sieben haben aus irgendwelchen, ziemlich fadenscheinigen Gründen abgesagt. So ist das heute. Auf die Qualität kommt es überhaupt nicht mehr an, sondern nur auf diverse Verbindungen, auf die Publicity, auf Förderungen ... Es ist sinnlos geworden, Bücher, Stücke, Partituren zu verschicken - nichts davon wird gelesen!Wie bitter machen einen solche Erfahrungen?Überhaupt nicht! Ich gehe darüber total hinweg. Ich habe das zu oft erlebt, als dass es mich noch treffen könnte.Waren die Zustände im Kunstbetrieb früher wirklich anders?Aber ja, absolut. Früher sind Intendanten und Regisseure in die Provinz gefahren, um Schauspieler zu finden, Talente zu suchen. Man hat Manuskripte gelesen, die eingeschickt wurden, und hat den Autoren geantwortet. Ich kriege auch Manuskripte oder CDs zugeschickt, und ich antworte immer, selbst wenn es mir nicht gefällt, dann sage ich halt das.Würden Sie angesichts der von Ihnen beschriebenen Umstände Ihre Karriere heutzutage überhaupt machen können?Wahrscheinlich nicht. Oder vielleicht doch? Denn alles, was ich in meiner sogenannten Karriere erreicht habe, beruhte auf der Zuneigung des Publikums. Das Publikum ist mir immer treu geblieben. Ich habe fast immer volle Häuser gehabt, und jetzt noch kommen erstaunlicherweise viele junge Leute. Die Theater, in denen ich aufgetreten bin, haben an mir gut verdient.Sie sind 1975 nach Westberlin gezogen und haben hier bis kurz vor der Maueröffnung gelebt. Wie war es in diesem Brückenkopf des Kapitalismus für einen linken Intellektuellen wie Sie?Das muss man auch vom Standpunkt des Profits aus sehen. Ich bin zwischen den "Stachelschweinen" und den "Wühlmäusen" gependelt, obwohl sich die zwei Kabaretts nicht sehr wohl gesonnen waren. Da habe ich auch auf Beteiligungsbasis gearbeitet und beide haben mit mir ordentlich verdient, weshalb sie meine Auftritte bei der jeweiligen Konkurrenz geduldet haben und freundlich zu mir waren. Aber ein Staatstheater, das von den Einnahmen nicht abhängig gewesen wäre, oder ein subventioniertes kleineres Theater hat sich nie bei mir gemeldet. Ich habe in den rund zwölf Jahren in Berlin so gut wie nichts beim Funk, beim Fernsehen oder im Theater zu tun gehabt, nur bei den "Wühlmäusen" und "Stachelschweinen" war ich präsent.Warum haben Sie trotzdem Ihren Vorlass an das Archiv der Berliner Akademie der Künste gegeben?Es war das erste, das mich gefragt hat . Danach kamen die Wiener, aber es war schon zu spät.Führen Sie die Ablehnung seitens der Veranstalter auf Ihre Inhalte oder Ihre gewählten Formen oder Ihre politischen Ansichten zurück?Das ist sehr schwer zu sagen, darüber zerbreche ich mir auch manchmal den Kopf. Es ist wohl eine Mischung aus allem. Teilweise hat es bestimmt mit dem, was ich sage, zu tun, teilweise fürchtete man gewiss auch das, was ich außerdem noch sagen könnte, teilweise ist es sicher ganz gewöhnlicher Antisemitismus.Wie empfinden Sie das Klima in Österreich nach dem Tod des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider, der mit seiner rechtspopulistischen Politik enormen Erfolg hatte?Mit Haider fehlt die Integrationsfigur, aber die Kärntner sind Haider-Leute geblieben, das darf man nicht vergessen. In Deutschland sitzen ja auch NPD-Leute in einigen Landtagen. Sie sind noch nicht in den Bundestag vorgedrungen, doch das kann noch kommen. Die Österreicher sind andere Menschen als die Deutschen, obwohl viele Deutsche Öster-reich zu Deutschland zählen - aber kein Österreicher würde Deutschland zu Österreich zählen. Die Neonazis sind vorläufig zum Glück eine kleine Bewegung. Wenn freilich wirklich große Wirtschaftskrise ausbrechen sollte, ist es schon möglich, dass viele Leute zu den Rechten überlaufen werden.Könnte man sich in Österreich vorstellen, dass eine Frau Bundeskanzlerin ist, ein Schwuler Außenminister und ein Schwerbehinderter Finanzminister?Nun, in Österreich konnte man sich schon 1970 vorstellen, dass ein Jude Bundeskanzler wird, nämlich Bruno Kreisky, der zur prägenden Figur von Nachkriegsösterreich wurde.Was ist schwarzer Humor?Ich bin nicht gut in Definitionen . Sagen wir so: Man lacht über Dinge, über die man eigentlich traurig sein sollte. Wenn ich ein Lied über einen Frauenmörder singe, ist das erstmal nicht lustig. Aber wenn ich dazu lache und es komisch interpretiere, wird es zu schwarzem Humor. Der hat natürlich Grenzen. Es gibt Dinge, die sind so schlimm, dass man darüber nicht lachen kann, wie die Nazizeit und die KZs, wie Grausamkeit allgemein.Beobachten Sie die Comedyszene um Sie herum?Wenig, weil sie nicht gut ist. Ich finde die Witze im Allgemeinen platt, nicht intelligent, nicht originell. Vielleicht würde man ansonsten auch das Olympiastadion nicht vollkriegen. Alle Qualität hat gelitten, auf die kommt es eben nicht mehr an.In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: "Wenn man sich das Leben leicht macht, macht man sich das Leben schwer, hingegen macht Unzufriedenheit glücklich, das ist eine der wichtigsten Lektionen, die man von der Kunst empfängt."Ja, das ist einfach meine Erfahrung. Und wenn man sich die Kunst leicht macht, dann kriegt man ein schlechtes Gewissen, wie ich mit "Taubenvergiften" zum Beispiel.Zu Ihrer Beruhigung können Sie sich doch sagen, dass Sie das gar nicht als so großen Wurf angesehen haben, oder?Sicher, ja. Aber man soll es sich wirklich nicht leicht machen.Auch wenn es Ihnen nicht immer gedankt wurde, sind Sie dieser Devise treu geblieben?Unwillkürlich, nicht bewusst. Die Unzufriedenheit mit mir selbst ist mir geblieben.------------------------------Georg Kreisler ..... wurde am 18. Juli 1922 in Wien geboren. Mit seinen Eltern emigrierte er 1938 in die USA. Nach der Rückkehr 1955 begann seine Karriere als Kabarettist in Wien im legendären "namenlosen Ensemble" zusammen etwa mit Helmut Qualtinger, Carl Merz und Gerhard Bronner. Aus dem kritischen Unterhalter wurde bald ein politischer Kabarettist, der boykottiert, zensiert und aus dem Fernsehen verbannt wurde.. schuf mit seinen skurrilen, spöttischen Chansons voll schwarzem Humor eine Art singbares österreichisches Weltkulturerbe. Besonders bekannt sind "Taubenvergiften im Park", "Zwei alte Tanten tanzen Tango" oder "Der Musikkritiker". Neben Lieder- und Kabarettprogrammen entstanden etwa das sehr erfolgreiche Ein-Frau-Musical "Heute Abend: Lola Blau" (1971), Opern, Stücke und mehrere Bücher. Zuletzt erschien Kreislers Autobiografie "Letzte Lieder" im Arche-Verlag Hamburg.