Dass das Schaufenster einmal als Vermittler von gutem Geschmack und moderner Kunst eingesetzt wurde, ist heute kaum mehr vorstellbar. Wenn um Weihnachten die Auslagen in Spielzeuggeschäften mit den sich bewegenden Plüschtieren so viele Menschen anziehen, dann ist das die Ausnahme von der Regel, nicht (mehr) Alltagsgeschehen. Eigene Ideen und Raffinesse werden nur Schaufenstergestaltern kleiner, edler Geschäfte zugestanden. Jede deutsche Großstadt hat etwa zehn solcher Anziehungspunkte und sie sind meist nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt.Dem Schaufenster liegt die einleuchtende Idee zugrunde, dass sich attraktiv präsentierte Waren besser verkaufen lassen. So hielt man es in der Antike, so war es seit jeher in Basaren und so begriffen es die neuen Warenhausbesitzer im 19. Jahrhundert. Emile Zola beschrieb, wie die Pariser Warenhäuser mit aufwändigen Innenausstattungen die Menschen anlockten, aber auch, wie die beleuchteten Ladenfronten mit ihrer "liebenswürdigen Verführungskunst" den Ruin des nicht auf seine Fensterauslagen bedachten Einzelhändlers herbeiführten. Gleiches bewirkten die Schaufenster in den Passagen, einer Bauform, die Innen und Außen im städtischen Gefüge verkehrte und der Walter Benjamin mit seinem "Passagenwerk" ein Denkmal gesetzt hat. Der 1907 gegründete deutsche Werkbund setzte früh seine Kräfte daran, das Schaufenster als "Kulturfaktor" wirksam zu nutzen. Alfred Lichtwark, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, sprach gar von einem "beständigen öffentlichen Lehrkursus". Das Warenhaus Wertheim stellte 1904 mit Elisabeth Stephani-Hahn ausdrücklich eine Schaufensterkünstlerin ein.Nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Schaufenster in das Visier anderer Interessen. In Mannheim führte der Psychologe Edmund Lysinski Experimente mit Schaufenstern durch, in denen die Wirkung der Gestaltung auf die Passanten ermittelt werden sollte. Das Werbepotenzial von Schaufenstern wurde wissenschaftlich erforscht. Ab den späten zwanziger Jahren setzte man Schaufenster auch zu politischen Zwecken ein, etwa um einen kulturell-nationalistischen Führungsanspruch zu untermauern. Hitler selbst hatte zunächst Schaufenster als unmoralisch verurteilt und den großen Warenhäusern (jüdischer Eigner) den Kampf angesagt, beides, Konzerne und Schaufenster, schließlich doch für seine Propaganda genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Schaufenster die Aushängeschilder des Wirtschaftswunders. In den späten sechziger und siebziger Jahren erregten sie vorerst zum letzten Mal Aufsehen als Orte für Künstler-Happenings und Performances. Die wechselhafte Geschichte des Schaufensters lässt hoffen, dass wir bald wiederentdecken, was Charles Baudelaire bereits 1863 erkannt hatte: "In diesem schwarzen oder lichterfüllten Loch lebt das Leben, träumt das Leben, leidet das Leben."Zum Thema ist von Nina Schleif das Buch "SchaufensterKunst" (Böhlau Verlag, Köln Weimar 2004, 342 S., 39,90 Euro) erschienen. Unsere Autorin zeigt darin, wie das Schaufenster die Straßenzüge prägte und zu einem ästhetischen Faktor im Bild der modernen Großstadt wurde. Das Buch bietet an Beispielen aus Berlin und New York einen interessanten Einblick in ein zeitgenössisches Kultursegment zwischen Kunst und Kommerz vom Deutschen Werkbund bis zur Pop-Art.------------------------------SEHENSWERTHUMPERT&SUDENEin kahler Baum, geschmückt mit glitzernden Swarovski-Steinen, der Boden darunter mit Heu bedeckt. Äste, über denen ein hauchzartes Netz von Spinnweben liegt, werfen lange Schatten an lilafarbene Wände. "Wir wollen mit unserer Schaufenstergestaltung Kunst erlebbar machen und gleichzeitig die Sinne anregen," sagen die Geschäftsführer des Lifestyle- und Blumenladens in der Pariser Straße, Niels Humpert und Sascha Suden. Alle ausgestellten Produkte dürfen in die Hand genommen, das Schaufenster kann betreten werden. Gewürze im Heu verbreiten einen angenehmen Duft. Und stimulieren vielleicht auch die Kauflust. Alles kann erworben werden - inklusive Baum und Steinen. So viel Kreativität wird belohnt: Humpert&Suden wurde 2004 von einem französischen Magazin zum schönsten neuen Laden Europas gewählt.Pariser Str. 21, Wilmersdorf,Mo bis Fr 10 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 16 Uhr, Tel. 88 91 45 55.www.humpertundsuden.deSCHÖNHAUSERRetro ist in. Das wissen auch Sabine Anweiler und Martin Furtner, die Besitzer von Schönhauser, einem Möbel und Accessoires Laden in Berlin-Mitte. Deshalb steht in einem ihrer beiden Schaufenster auch bloß ein einzelner Stuhl. Das 60er-Jahre-Relikt aus weißem Plastik mit grüner Sitzfläche ist durch ein beleuchtetes Plateau erhoben und zieht den Blick der vorübergehenden Passanten sofort auf sich. Erst ein Fenster weiter leuchtet es kunterbunt. "Secondhand Lampen und witzige Geschenkartikel stimmen bei trübem Wetter heiter und laden zum Verweilen ein," erklärt Martin Furtner sein Schaufensterkonzept. Recht hat er!Neue Schönhauser Straße 18, Mitte, Mo bis Fr 12 bis 20 Uhr, Sa 11 bis 17 Uhr, Tel. 28 11 704. www.schoenhauser-design.deFRED PERRYIst das jetzt ein Café? Oder ist es ein Modegeschäft? Im ersten Moment fühlt man sich durch den niedrigen Tisch im Schaufenster, um den ordentlich Klappstühle gestellt wurden, irritiert. Zumal keine Tassen und Teller darauf stehen, sondern verschiedene Paar Schuhe. Verspiegelte Wände reflektieren bunte Kleidung, die im Inneren des Ladens auf der Stange hängt. Das englische Modelabel setzt auf reduzierte Eleganz. Bewusst wird der ganze Laden dem Blick des Passanten freigegeben - viel zu gucken gibt es allemal.Neue Schönhauser Straße 10, Mitte, Mo bis Sa 11 bis 20 Uhr, Tel. 28 09 42 03.www.fredperry.comMOBILIENLustige Plüschtiere (Ugly Dolls), die auf einer Couch sitzen, ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum und warme Beleuchtung im Fenster sorgen für eine anheimelnde Stimmung. André Eid und Rob Houst gelingt es, mit ihrer Schaufensterdekoration eine weihnachtliche Atmosphäre zu schaffen, die sich - trotz Baum und Spielzeug - von anderen vorweihnachtlichen Schaufenstergestaltungen unterscheidet. Die Passanten sollen Spaß an diesem Schaufenster haben. Die scheinbar nur als Dekoration verwen- deten Elemente in diesem Laden für "Objekt und Design", zum Beispiel der gesamte Weihnachtsschmuck, können auch gekauft werden.Golzstraße 13b, Schöneberg, Mo bis Fr 11 bis 20 Uhr, Sa 10 bis 18 Uhr, Tel. 23 62 49 40.www.mobilien-berlin.de------------------------------Foto: Minimalistisch: Im Schaufenster steht nur ein einziger Stuhl.------------------------------Foto: Weit mehr als bloße Warenauslage: der Laden Humpert&Suden in der Pariser Straße.