Es ist beinahe wie in einem Gruselfilm: Knarrend öffnet sich die kleine Pforte neben dem Burgtor. Ein hagerer Mann lässt uns ein, nach einem prüfenden Blick über den Rand seiner Brille. Schloss Taufers, erbaut im 12. Jahrhundert, ist eine mittelalterliche Burganlage wie aus dem Bilderbuch - mit einer hölzernen Zugbrücke und dem imposanten Bergfried. Leicht nachzuvollziehen, dass Star-Regisseur Roman Polanski vor vierzig Jahren gerade diesen historischen Ort als Schauplatz seiner Horror-Persiflage "Tanz der Vampire" wählte. Die langen Flure und Wehrgänge, auf denen der Vampir-Experte Professor Abronsius und sein täppischer Assistent Alfred - gespielt von Polanski selbst - vor den Blutsaugern flohen, sind hier live zu besichtigen. Besonders effektvoll ist eine Visite auf dem Schloss, wenn man wie wir, mit schaukelnden Laternen in der Hand, den Burgberg in einer klaren Winternacht hinaufsteigt.Kustos Richard Wehler leitet uns treppauf, treppab durch geheimnisvolle Gänge und Gemächer, in die wohl selbst bei Tag nur wenig Licht fällt. Viele der mehr als 60 Räume sind überreich mit prächtigen Holztäfelungen, Gotik- und Renaissancemöbeln und wertvollen Gemälden sowie verborgenen Tapetentüren ausgestattet. Cineasten meinen voll Entzücken in dem Bauwerk immer wieder Details aus Polanskis Gruselklassiker zu erkennen. Wehler, auf den etwas von der ehrwürdigen und düsteren Aura der Burg abgefärbt zu haben scheint, kommentiert gleichmütig: "Schloss Taufers hat schon oft als Filmkulisse gedient. " Zum Beispiel für die Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts Erzählung "Die Panne" und im Frühjahr 1997 für Francois Girards Spielfilm "Die rote Violine" mit Samuel Jackson. "Das Drehteam nahm damals fast die ganze Burg in Beschlag", erinnert sich der 63-Jährige nicht eben enthusiastisch. Die tiefe Stille, die das Gemäuer zumeist umfängt, gefällt ihm offenbar besser. Leben kommt auch so oft genug ins Haus bei den Schlossführungen und vor allem bei den Kindergeisterstunden im Sommer.In dieser Umgebung macht die Fantasie der Knirpse aus jedem Schatten ein Gespenst. "Einmal brachen einige Kinder geradezu in Panik aus, als sie sich im finsteren Burghof einem Paar funkelnder Augen gegenüber sahen", erzählt Wehler lächelnd. Das Monster entpuppte sich als Marder. Die Reaktion der Kleinen ist durchaus nachvollziehbar, selbst Erwachsenen schlägt es aufs Gemüt, wenn sie zum Beispiel die so genannte Blutrinne im einstigen Verlies besichtigen. Dort hinein soll der Überlieferung nach der Lebenssaft der Enthaupteten geflossen sein. Die Macht, die die Burgherren Jahrhunderte lang über die Region ausübten, dokumentiert auch der Gerichtssaal. An die mächtige Eichensäule in der Mitte wurden die Angeklagten während der Verhandlung gebunden. Kustos Wehler, ein wandelndes Geschichtslexikon, weiß allerlei Histörchen und Begebenheiten aus dem Mittelalter zu erzählen. So war es bei wichtigen Verhandlungen und Verträgen Brauch, dass die versammelten Herren grob ins Ohr gekniffen wurden. Der drastische Kunstgriff sollte den oft des Lesens Unkundigen helfen, den beschlossenen Text nie zu vergessen. Seltsamerweise erinnert in der Burg rein gar nichts an die Filmregisseure, die hier drehten. Nur die an der Decke des Schlafgemachs aufgehängte Fledermaus könnte eine Referenz an den "Tanz der Vampire" sein.In dem Film sausen die Vampirjäger am Ende in wilder Flucht im Schlitten den Berg hinab. Auch darin kann man ihnen nacheifern. An mehreren Plätzen des Tales ist nämlich Nachtrodeln auf beleuchteten Pisten möglich. Beson- (Fortsetzung auf Seite R2) (Fortsetzung von Seite R1) -ders in größeren Gruppen und nach einer Einkehr im Bergbauernhof wird eine solche nächtliche Rodelpartie zum besonderen Jux. 80 Prozent der Wintergäste reisen in erster Linie zum Skifahren an, berichtet der Chef des hiesigen Tourismusvereins, Stefan Auer. Sie können sich in den beiden vorzüglichen Skigebieten am Speikboden und Klausberg austoben. Doch die Zahl derer, die während der Skiwoche ein Alternativprogramm möchten, nimmt zu. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Angeboten - vom Schlittschuh- und Schneeschuhlaufen über Skilanglauf bis zum Eisklettern.Letzteres wollen wir im Reintal ausprobieren, das für sine imposanten Wasserfälle berühmt ist. Wenn diese im Winter unter dem Frost zu bizarren Gebilden erstarren, werden sie zu einem grandiosen Dorado für Eiskletterer. In Bergsteigerschulen kann man die Sportart unter fachlicher Anleitung von der Pieke auf lernen. Auch ein Schnupperkurs ist möglich - im Dorf Rein gibt es einen künstlichen Eisturm, der 18 Meter misst. Er ist freilich ein Winzling gegen natürliche Aufstiege wie den 130 Meter hohen Furtheisfall, den Rastentalfall (180 Meter) und den Franziskus-Eisfall (120 Meter), von denen Profis schwärmen. Doch für uns ist die in der Dunkelheit blau schimmernde Säule Herausforderung genug. So testen wir uns - angeseilt, Steigeisen an den Füßen und Eispickel in jeder Hand - erst einmal an der Außenwölbung eines höchstens sechs Meter hohen Eistunnels. . .Die meisten Anfänger versuchen, um schnell voranzukommen, sich hektisch an den Armen emporzuziehen - mit dem Effekt, dass ihnen bald die Puste ausgeht. "Auf die Kraft kommt es nicht an", mahnt Konrad Auer. "Die Pickel sollten nicht zu fest ins Eis geschlagen, sondern gefühlvoll gesetzt werden, damit nicht zu viel Eis abspringt", rät der 35-jährige Bergführer. Je kälter es ist, desto spröder gibt sich das Eis und splittert in tausend Stücke. "Man muss das Körpergewicht auf den Steigeisen halten und mit den Füßen klettern", zeigt Konrad. Er hat die Anlage mit den Brüdern Walter und Philipp Unteregensbacher aus einem Baukran und einem Tunnelgerüst gebaut. Alles wurde dann mit Wasser besprüht, der krachende Frost in dem Hochtal übernahm den Rest der Arbeit. Erst im vorletzten November wurde der Turm eingeweiht.Das Schlimmste für den Neuling ist der allererste Augenblick, in dem er den Boden verlässt und die Steigeisen in die Eiswand stemmt. Jetzt heißt es Nerven behalten, sich nicht auf das Seil verlassen, sondern nur auf die eigenen Extremitäten. Die Augen suchen nach der nächsten günstigen Stelle im Eis. Leicht, aus dem Handgelenk geschlagen, muss der Pickel eindringen. Die Arme sichern; jetzt hebt sich der Fuß, sucht festen Halt, das Bein streckt sich, der andere Fuß folgt. Ein Rhythmus ist gefunden, von nun an läuft alles wie in Trance. Der künstliche Hügel lässt sich schnell bezwingen; gewiss, ein Witz gegen die Bauwerke der Natur, an denen sich die Sportkletterer abarbeiten, für uns ist es dennoch ein kleiner Triumph. Wie muss es erst sein, Stunde um Stunde eine Eiswand hinaufzusteigen, zumeist senkrecht, zum Teil mit Überhängen und oft ungesichert?Früher, erzählt Konrad, sei das Eisklettern Training für Bergsteiger gewesen, die sich für gefährliche Eiswände wie die Ortler-Nordwand präparieren wollten. "Das Reizvolle ist, dass sich Eis im Gegensatz zum Fels ständig verändert", versucht Konrad das Faszinosum zu erklären. Daran, wie das Wasser rinnt, sieht man, ob der Eisfall unterspült ist. Auch die Farbe verrät dem Kundigen einiges über Härte oder Brüchigkeit. Und doch gibt es keine Garantie. Erst im vorigen Winter sind zwei Eiskletterer im Reintal umgekommen. Doch Konrad Auer hält das Unglück nicht davon ab, wie in jedem Winter, neue Routen ins Eis zu schlagen, die dann in der Frühjahrssonne vergehen. . .SERVICE // Das Tauferer Ahrntal, ein Nebental des Pustertales, gehört mit einer noch intakten Landwirtschaft zu den ruhigeren Tourismusgebieten Südtirols. Das Arntal beginnt hinter Schloss Taufers und erstreckt sich - begrenzt von den Zillertaler Alpen und den Hohen Tauern - 30 Kilometer entlang des Flüsschen Ahr.Anreise: Brenner-Autobahn bis Anschlussstelle Brixen, Pustertal, über Bruneck nach Sand in Taufers. In Bruneck gibt es auch eine Bahnstation.Schloss Taufers: Die Burg gilt als eine der schönsten und mächtigsten in ganz Südtirol. Abendliche Burgführungen finden im Winter jeden Freitag um 20 Uhr statt; für Gruppen ab 30 Personen auf Vorbestellung auch an anderen Tagen. Die "Kindergeisterstunden" finden ab Mitte Juni jeden Mittwoch ab 21 Uhr statt. Hierfür ist eine Anmeldung im Tourismusbüro in Sand in Taufers, Tel. : 0039/04 74 67 80 notwendig.Eisklettern: Am Eisturm in Rein ist das Klettern im Winter mittwochs ab 19 Uhr und sonnabends ab 16 Uhr möglich. Ausrüstung wird gestellt; Preis 10 Euro.Auskünfte: Ferienregion Tauferer Ahrntal, Ahrnerstr. 95, I - 39030 Steinhaus, Tel. : 0039/0474652081, E-Mail: tauferer@ahrntal. com Im Internet: www. tauferer. ahrntal. com.THOMAS KUNZE (2) Mit 18 Metern Höhe ist der künstliche Eisturm im Dorf Rein ein Winzling gegen natürliche Aufstiege im Reintal wie den 130 Meter hohen Furtheisfall. Nicht den Körper, aber die Nerven strapaziert dagegen ein Besuch von Schloss Taufers. BLZ/MARKUS KLUGER