Irgendwann an diesem dichten konzentrierten Abend, der nur zwei Stunden dauert, aber auf angenehme Art viel länger erscheint, möchte man dann auch zur Flasche greifen. Denn die vier Darsteller, die da beim Gastspiel des Schauspiel Frankfurt am Main im Berliner Ensemble ständig und gern und in strammen Portionen Whisky trinken, tun dies äußerst anregend und überzeugend. Der Frust über die globalen wie privaten Verhältnisse wird dabei ebenso energisch weggespült wie die Zukunftshoffnungen oder Visionen von harmonischer Zweisamkeit.Zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit bewegen sich alle Personen in dem Stück "Endstation Sehnsucht", mit dem Tennessee Williams 1947 ein Welterfolg gelang. Am wenigsten beherrscht die geforderte Balance zwischen den Zumutungen des Alltags und den Tröstungen der Fantasie die nicht mehr ganz junge Blanche DuBois. Die Lehrerin wurde wegen ihres unziemlichen Lebenswandels (Männer! Schnaps! Melancholie!) aus dem Dienst entlassen. Bei ihrer Schwester Stella findet die gerupfte höhere Tochter zwar Asyl, aber keine Ruhe, weil sie ihr grobschlächtiger Schwager Stanley - Abkömmling polnischer Einwanderer - wegen ihrer Allüren und Neurosen nicht leiden kann.Burkhard C. Kosminski, der 2002 an der Schaubühne am Lehniner Platz Tankred Dorsts "Merlin" versemmelte, inszeniert "Endstation Sehnsucht" geradezu als Exempel für eines der merkwürdigsten Gesetze im Theater: Wie ohne jegliche Idee, jedoch mit mindestens einem überragenden Schauspieler eine packende Aufführung gelingen kann. Hier ist es die großartige Susanne Lothar, die dem Regisseur die Kartoffeln aus der Halbgarküche seiner Nichteinfälle holt. Mit verschmiertem Lippenstift, einer schartig gebrochenen Stimme und mit beiden Füßen völlig haltlos auf dem Boden der Tatsachen, implodiert ihre Blanche als Bündel voll negativer Energien und destruktiver Sprengstoffe: Eine Fundamentalistin des Unglücks.Friederike Kammer als Stella ist das genaue Gegenteil: Geduldig, gefasst, das Mögliche dem Wahrscheinlichen vorziehend - eine Realistin des Glücks. Sie liebt ihren Mann, selbst wenn Stanley sich machohaft durch das schicke Loft, das Florian Etti über zwei Etagen entworfen hat, rüpelt. Bei Guntram Brattia lässt der glatzköpfige Rabauke die Jacke einfach in die gute Stube fallen wie den Rest von seinem Apfel, schläft mit Socken, schlägt seine Frau - und ist trotzdem deren ein und alles, zumal im Bett. Seinen besten Freund Mitch, der fast eine Affäre mit Blanche beginnt, gibt Felix von Manteuffel als tanzbärhaften Schluckspecht mit Benimm.Zwei Leinwände auf dem Dach der Etagenwohnung zeigen die Figuren immer wieder in schwarz-weißen Nahaufnahmen, dazu kühle nächtliche Stadtpanoramen. Auf solche Weise zitiert Kosminski, unterstützt durch Jörg Gollaschs Musikbuttercreme, das klassische Hollywood-Kino mit seiner industriellen Produktion von Pathos und Träumen. Eine Etage tiefer trägt sich die Tragödie der Leidenschaften eine Nummer kleiner und viel konkreter zu, obwohl Blanche verzweifelt ausruft: "Ich will keinen Realismus, ich will Zauber!" Sie verliert über diesem harschen Anspruch den Verstand und landet in einer Nervenklinik, während die anderen nicht so genau hinschauen und - hoch die Tassen - weitermachen wie bisher.Weitergekippt (der Whisky und die Bühne) wird ebenfalls und nun schon seit fünf Jahren an der Volksbühne, wo Frank Castorfs famose Inszenierung desselben Stücks, die aus Urheberrechtsgründen "Endstation Amerika" heißt, nun umbesetzt wurde: Wegen der Schwangerschaft von Kathrin Angerer übernimmt Birgit Minichmayr die Rolle der Stella. Silvia Rieger (Blanche), Henry Hübchen (Stanley) und Bernhard Schütz (Mitch) waren bereits zur Premiere bei den Salzburger Festspielen 2000 dabei.Endstation Sehnsucht noch bis Donnerstag, 20 Uhr im Berliner EnsembleEndstation Amerika 30. Juni, 7. Juli, 19.30 Uhr in der Volksbühne------------------------------Foto: Es geht ohne Regieeinfälle, dank der großartigen Susanne Lothar.