Der Mann mit dem Bart legt sich zur Abwechslung selbst auf die Couch. Wo seine Patienten sonst ihr Innerstes nach außen kehren, grübelt nun der Vater der Psychoanalyse. Es ist das Jahr 1938. Sigmund Freud ist 82-jährig nach London emigriert und blickt im Exil auf sein Leben zurück.Plötzlich taucht eine junge Frau auf, tanzt durch seine Praxis, entkleidet sich fast auf seinem Schreibtisch und bricht hysterisch in Tränen aus. Ganz klar ein Fall für die Couch. Freud kann die junge Frau zum Ablegen überreden, und schließlich beginnt sie zu erzählen. Von ihrer Mutter. Auf Türkisch."Histeri" ist der Titel des Stückes, das derzeit an Berlins einzigem türkischen Theater läuft - dem Tiyatrom in der Alten Jakobstraße 12 in Kreuzberg. Inszeniert hat das Stück die Schauspielerin Idil Üner. Bekannt geworden ist die 1971 in Berlin geborene und in Steglitz aufgewachsene Tochter türkischer Eltern durch Kinofilme wie "Kurz und Schmerzlos", "Im Juli" oder "Bella Martha". 2001 arbeitete sie zum ersten Mal als Regisseurin.Das erste Mal auf der BühneMit dem Filmemacher Fatih Akin als Darsteller drehte sie den Kurzfilm "Die Liebenden vom Hotel von Osman", der mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet wurde."Histeri" ist Üners erste Theaterregie. Für ihr Debüt hat sich die 31-Jährige keinen einfachen Stoff ausgesucht. "Es ist eine Farce", sagt Üner über "Histeri", das auf dem Stück "Hysteria" des Briten Terry Johnson von 1993 basiert. Verhandelt wird die Psychoanalyse mit ernsten Dialogen und Slapstick-Elementen. Dem alternden Freud begegnen nacheinander die junge Frau, Tochter einer Ex-Patientin, die nach der Therapie Selbstmord beging, der Künstler Salvador Dalí und Freuds Freund Yahuda. Der möchte mit dem Arzt und Erfinder der Psychoanalyse über einen religionskritischen Aufsatz Freuds sprechen."Für die Besucher des Tiyatroms ist das eine Herausforderung, denn dort werden eher Komödien gespielt", sagt Idil Üner über ihr Stück, demonstriert aber Selbstbewusstsein: "Ich fordere einfach, dass sich die türkischen Zuschauer auch mit so einem Thema beschäftigen." Ein anspruchsvoller Stoff wie "Histeri" sei auch ein Anreiz, das eigene Türkisch zu verbessern, sagt Üner und grinst. Für die Übersetzung habe sie selbst ihr türkisches Vokabular auffrischen müssen.Die Zuschauer sind begeistert von "Histeri". Bei den ersten Aufführungen sei das Theater mit 99 Plätzen stets ausverkauft gewesen, sagt Yekta Arman, Leiter des Tiyatroms. Ihn hat der Erfolg nicht überrascht: "Unser Publikum erwartet von uns, dass wir von Zeit zu Zeit ein anspruchsvolleres Stück bringen." Arman hat auch viele Deutsche im Publikum von "Histeri" entdeckt. "Das waren oft gemischte Ehepaare, bei denen der deutsche Teil zumindest ein wenig Türkisch spricht." Aber auch die Deutschen ohne Sprachkenntnisse hätten bis zum Ende durchgehalten, sagt der Theaterdirektor - wohl ein sehr verstecktes Lob für Idil Üner.Nächste Vorstellung von "Histeri" am 4. April, 20 Uhr. Karten unter Telefon 615 20 20.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Bitte auf die Couch: Idil Üner wurde durch Kinofilme bekannt. Das Stück "Histeri" hat sie zum Theater gebracht.