Man hat es immer schon geahnt, befürchtet, gehofft: Dass die Entscheidung des singenden Müllerburschen, seinem Leben mittels Freitod ein Ende zu setzen, völlig in Ordnung ging. Für den müßigen Musikliebhaber verkörpert er vielleicht ein unerschütterliches Ideal der grenzen- wie hoffnungslosen Liebe, für die in Verzweiflung badende poetische Seele hält er womöglich den schäumenden Traumtrost bereit - aber eine junge, schöne Müllerin, die in unfreiwilliger Abgeschiedenheit auf ein bisschen Leben hofft, stellt sich unter einem Mann etwas anderes vor.Nichts gegen das Gesinge - das hört auch sie ganz gern. Aber sein Tick, sich mit den Blumen, den Sternen, der Mühle und vor allem mit diesem Bach zu unterhalten statt mit ihr, das geht ihr wahrscheinlich doch auf den Wecker. Und dann dieses peinliche Erlebnis unterm "Erlendach": Sie wäre ja durchaus bereit gewesen, sie sitzt ja nicht nur so am Bach herum. Wie wäre es mit einem Blick in die Augen? Nein, er sieht in den Spiegel des Baches, singt von Sternen und Mond, von Himmel und Wolken; gibt vor, das alles nicht zu sehen, sondern nur ihr Spiegelbild. Hallo, hier bin ich, denkt sie. Aber er beginnt zu weinen. Und wie! Das Wasser spritzt aus seinen Augen bis in den Bach. Betreten versucht das Mädchen, die Situation zu retten und sagt ihm (für den Fall, dass er sich beruhigt), wo er sie finden kann: "Es kommt ein Regen, Ade, ich geh nach Haus." Er scheint endlich verstanden zu haben, das nächste Lied verrät s: "Die geliebte Müllerin ist mein! Mein!" - so lange, bis der Jäger sich mal wieder blicken lässt.Der Christoph-Marthaler-Abend in der Zürcher Schiffbauhalle beginnt am Ende. Der Müllersbursche treibt schon im Wasser, die Jagdhornquinten tönen herab; der Bach, sein Freund, singt ein Wiegenlied dazu. Nein, tut er nicht, es ist, so Marthaler, der Müller, der sich das ausdenkt und es nun - in einem weiteren Wehklagelied - zum Besten gibt. Er lebt. Die Geschichte mit dem Jäger hat er weggesteckt.Marthaler macht den Schubert schen Liederzyklus nach den Gedichten von Wilhelm Müller zur Endlosschleife: die runde Müllerin (Bettina Stucky) tritt an die Rampe und singt zirka zehnmal hintereinander die erste Strophe des Wanderliedes, dass das Wandern des Müllers Lust sei, das Wandern; dass das ein schlechter Müller sein müsse, dem niemals das Wandern einfalle, das Wandern. Eine Aufforderung aus ihrem Mund: Mach dich weg! Oder beweg dich wenigstens ein bisschen. Die Finger des Pianisten 1 (Markus Hinterhäuser) werden steif, das heftig Getriebene der Klavierstimme gerät ins Stocken, Straucheln; Pianist 2 (Christoph Keller) blendet über ins weiche Sprudeln des Bächleins - und aus dem Federbettberg meldet sich der orangehaarige Tenor (Christoph Homberger). "Wohin?" heißt das Lied; und weil er sich nicht entscheiden kann, bleibt er erst einmal liegen. Alle sehnsüchtige Aufregung scheint lediglich einem Kreislaufproblem geschuldet zu sein, das er weghechelt und -quäkt. Er hat wohl wieder von Leidenschaft geträumt und etwas lange gelegen.Das dürfte alles etwas überkonkret ausgedeutet sein. Der Raum von Anna Viebrock, das leer geräumte Bühnenbild vom "Hotel der Angst" stellt mitnichten eine Mühle dar - vielleicht ein Landgasthaus. Am ehesten erinnert es aber an einen Veranstaltungssaal in der verlassenen Russenkaserne Jüterbog. Drei Klaviere und zwei Flügel wurden vergessen - und zwölf Leutchen, die alltäglich ihre Schubertiaden absolvieren, um sich die Ewigkeit zu vertreiben. Neben Tenor und Pianisten räkeln und fläzen sich sechs weitere Burschen (Müllers- oder Jägers-, s ist alles eins) auf der löchrigen Sperrholz-Bühne. Sie klemmen sich in die vier Durchreichen, schlafen in jeder Stellung ein, posen - wie aus der Erinnerung an die lange vergangen Balzsaison - in aufwändiger Schlappheit, wobei sie immer wieder gefährlich abstürzen, sich aber, weil sie so weich sind, nichts brechen. Dieweil melden die drei anwesenden Damen ihre Bedürfnisse auf das Offenkundigste an (singend oder indem sie, die Röcke geschürzt, mit den Gesäßen zittern). Zum Ersatz halten 1,4 Meter lange Jagdbüchsen her, die nach dem Tanz vorwurfsvoll zwischen den Beinen spicken.Der Tenor endet wieder im Bett (er war zwischendurch aufgestanden, um eine zu rauchen). Er liegt in den Federn begraben, sieht an die Decke und träumt sich tot. Das Licht verlischt ganz, ganz, ganz langsam, das Wiegenlied wiegt. Marthaler hat das Schöne, das Traurige, das Träumerische ohne viel Respekt ironisiert. Es wurde ein sehr schöner, trauriger und schlummriger Abend daraus - ein Marthaler-Abend.Besetzung // Regie Christoph Marthaler; Bühne, Kostüme Anna Viebrock; Musik Rosemary Hardy, Markus Hinterhäuser, Christoph Homberger, Christoph Keller (Arrangements) und Christoph Marthaler; Licht Herbert Cybulska; Dramaturgie Stefanie Carp und Arved Schulze; Darsteller Rosemary Hardy (Sopran), Altea Garrido, Bettina Stucky, Daniel Chait, Markus Hinterhäuser (Klavier und Celesta), Christoph Homberger (Tenor), Ueli Jäggi, Christoph Keller (Klavier), Stefan Kurt u. a.