ROSTOCK, 19. September. Grau dümpelt die Betonschute Capella im Wasser der Warnow. Aus eigener Kraft fahrtüchtig war sie nie: 1943 im pommerschen Swinemünde gebaut, wurde sie wegen der Kriegswirren nicht fertig ausgerüstet. Ihr fehlen Motor, Getriebe, Ruderpinnen, der hohe Maschinenraum gähnt leer, und auch die Brücke ist kahl. Die Haut des Schiffes wirkt durch die Maserung der Schal-Bretter befremdlich: ein totes Monster am Ende einer Sackgasse der technischen Evolution.Kieloben gegossenDabei war Beton schon mal ein gängiger Schiffsbaustoff. Schon 1854 baute der Franzose Lambot das erste Betonboot. Im 1. Weltkrieg orientierte man sich noch an der herkömmlichen Spantenbauweise, doch die Schiffe waren schlecht manövrierbar und zudem nicht bruchfest. Unter Einsatz der Schalenbauweise sollten derartige Schiffe ab etwa 1940 in Serie hergestellt werden. Vier Schiffstypen wurden entwickelt: ein Motortankschiff (3 770 t), ein Frachtdampfer (3 650 t), ein Küstenmotorschiff (300 t) sowie Leichter für die Binnenschifferei von 1 160 t Tragfähigkeit. Diese für den militärischen Einsatz gedachten Transporter konnten kostengünstig und schnell produziert werden, galten als haltbar und waren leicht zu reparieren. Ihr Betonrumpf bot zudem Schutz vor zielsuchenden Torpedos. Allerdings verfügten die Betonschiffe wegen ihres hohen Eigengewichtes über relativ geringe Ladekapazität, die ihren Einsatz zu Friedenszeiten unwirtschaftlich macht.Beton muss wie jedes andere Material, um schwimmen zu können, mindestens sein eigenes Gewicht an Wasser verdrängen. Damit der spröde Gussstoff Stabilität gewinnt, braucht er eine Armierung aus mehreren Lagen von Eisengittern. Mit speziell entwickeltem Leichtbeton versuchte man, das Eigengewicht der Schiffe zu reduzieren. Merkwürdigerweise wurden die Schiffe damals kieloben gegossen und so auch zu Wasser gelassen. Erst dann wurden sie aufgerichtet. Ob diese Manöver immer gelangen oder nicht doch mal ein Schiff schon beim Stapellauf voll lief und sank, ist nicht überliefert.Die Betonschute Capella hatte es jedenfalls geschafft. Sie diente der ostdeutschen "Bagger-, Bugsier- und Bergungsreederei" jahrzehntelang als Abraumzwischenlager, bevor sie im Rostocker Schifffahrtsmuseum in Schmarl landete. In Bremen liegt das Küstenmotorschiff "Treue" (Baujahr: 1943). Es transportierte fast zwei Jahrzehnte Holz in Ost- und Nordsee und wurde 1962 aus dem Schifffahrtsregister gelöscht. Dann diente es als Motorradwerkstatt und Lagerkahn im Hamburger Hafen und ist heute eine schwimmende Disco. Der Hamburger Bauunternehmer Arne Weber baute in den Achtzigern das Betonboot "Cementia I", mit dem er demonstrieren wollte, wie tragfähig die mit etwa drei Zentimetern sehr dünnen Betonschalen sind. Der Bastler Willi Hartung ließ 2002 nach 17-jähriger Bauzeit seine Betonjacht "Kranich VII" zu Wasser. Sie schwamm, doch über die Segeleigenschaften ist nichts bekannt. Und der Künstler Friedensreich Hundertwasser liebte seinen hundertjährigen Holzlastkahn "Regentag" so sehr, dass er ihn, als er zu verrotten drohte, mit einer Zementhaut überstrich, die Wasserlinie mit Hunderten farbiger Kachelscherben flieste und eine gemusterte Betondecke über die altersmorschen Planken goss.Kühne KonstruktionenHeute geben Professoren angehenden Bauingenieuren gerne die Semesteraufgabe, einmal ein Betonboot zu entwerfen und zu bauen. Auf den Webseiten der Universitäten und Fachhochschulen von Dresden, Heidelberg oder Regensburg sind kühne Konstruktionspläne sowie Fotos der Verschalungs-, Gieß- und Schmirgelarbeiten an den so entstandenen Kajaks zu sehen. Mittlerweile verwendet man statt der schweren Stahlbewehrung Glasfasergewebe zur Stabilisierung, die Wandstärken liegen nur noch zwischen zwei und fünf Millimetern. Damit wiegen die Zweisitzer mit so poetischen Namen wie "Zarte Gustel" und "Blaues Wunder" nur noch 50 bis 60 Kilogramm. Alle zwei Jahre finden Betonkanuregatten statt, an denen sich Studenten aus halb Europa beteiligen. Das bislang verrückteste Gefährt war 2002 das Beton-U-Boot "Gelber Oktober" eines Studententeams der TU Dresden, das mit zwei Besatzungsmitgliedern für den Tretantrieb sogar getaucht sein soll. Aufgetaucht ist es auch wieder. Vielleicht hat Beton im Schiffbau ja doch eine Chance.------------------------------Das verrückteste Gefährt war das Beton-U-Boot "Gelber Oktober", das mit Tretantrieb sogar getaucht sein soll.------------------------------Foto: Nicht gerade die Königin der Meere, dafür aber garantiert rostfrei: die Betonschute Capella (vorn) in Rostock.