Berlin - Der Menschenrechtsexperte von Amnesty International, Carsten Jürgensen, spricht mit Thomas Schmid über Foltermethoden im Libyen-Konflikt.

Herr Jürgensen, beide Kriegsparteien haben in Libyen Menschenrechtsverletzungen begangen. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International im neuesten Bericht. Hatten Sie Zugang zu beiden Seiten?

Zu Gebieten unter Gaddafis Kontrolle wurde uns nie Zugang gewährt. Wir haben in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten Ost-Libyens recherchiert und nach dem Rückzug von Gaddafis Truppen aus Tripolis waren wir auch in der Hauptstadt und ihrer Umgebung. Zwei Kolleginnen sind noch vor Ort, zwei weitere sind hinzugestoßen. Ich kam am Wochenende aus Libyen zurück.





Gab es Orte, zu denen die Rebellen den Zugang verweigerten?

Wir durften überall hin. Der Militärrat und das Justizministerium des Nationales Übergangsrats haben die Verantwortlichen angewiesen, uns uneingeschränkt Zugang zu gewähren. Auch die Rebellen haben dutzende Gefangene misshandelt, gefoltert und getötet. Allerdings bei weitem nicht im selben Ausmaß wie Gaddafis Sicherheitskräfte, weshalb der Schwerpunkt des Berichts denn auch auf den Verbrechen des Regimes liegt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Östlich von Tripolis sind wir auf Gefangene gestoßen, die in der sommerlichen Hitze in verschlossenen Containern festgehalten worden waren. Von 29 überlebten nur zehn.

Mit wie vielen Gefangenen der Rebellen haben Sie gesprochen?

Mit mehr als 200. Wir konnten unbeaufsichtigt mit ihnen sprechen. Ab und zu gab es allerdings Einschränkungen. Man begrenzte den Zeitraum unserer Gespräche. Einmal haben wir in einem Raum eines Verwaltungsgebäudes, das sich innerhalb der Gefängnismauern befand, einen Holzstock mit einer Schlinge gefunden. Nicht weit davon lag ein stabiler Plastikschlauch, etwa 50 Zentimeter lang. Inhaftierte hatten uns gesagt, dass sie mit derartigen Schläuchen geschlagen worden seien. Einer der Rebellen sagte dann freimütig: "Wir haben das gestern gebraucht, um einen Gefangenen in die Falaka-Position zu bringen."

Dabei werden die Beine festgebunden, und es wird auf die nackten Füße geschlagen. Es wurde zwar behauptet, dem Gefangenen seien Schläge nur angedroht worden. Viele Gefangene beschrieben aber physische Misshandlungen. Wir sahen auch Verletzungen, starke Prellungen, die von Schlägen mit Gewehrkolben herrührten. Ein anderes Mal gab ein Rebell zu, einen Gefangenen geschlagen zu haben, weil der das Versteck seiner Waffe nicht habe verraten wollen. Danach habe ihn sein Vorgesetzter zwar gerügt. Aber er bewacht noch immer Gefangene.

Geht der Nationale Übergangsrat gegen Übergriffe aus den eigenen Reihen vor?

Er hat klare Anweisungen gegeben, Gefangene korrekt zu behandeln. Aber vor Ort werden diese Anweisungen oft ignoriert, und von Sanktionen ist uns nichts bekannt.

Sind es vor allem schwarze Gefangene?

In Tripolis haben wir zwei Gefängnisse mit insgesamt mehr als 1 000 Gefangenen mehrfach besucht. In der Mehrheit waren es Schwarze - Libyer aus dem Süden des Landes oder Immigranten aus den Staaten südlich der Sahara.

Und Söldner?

Die schwarzen Migranten sagten, sie seien wegen der Arbeit hergekommen.

Wie viele Schwarze, schätzen Sie, sind von Rebellen hingerichtet oder gelyncht worden?

Es ist sehr schwer, verlässliche Zahlen zu bekommen. Im Frühjahr sind im Osten des Landes einige angebliche "afrikanische Söldner" getötet worden. Viele schwarze Gefangene, die zunächst bezichtigt worden waren, Söldner zu seien, wurden freigelassen, nachdem sich ihre Arbeitgeber für sie verbürgt hatten.



Berliner Zeitung, 14.09.2011