BERLIN, 8. August. In Kiel und in Cottbus, in Schwerin und Berlin ist am Montag in vielen Familien der Ausnahmezustand zu Ende gegangen. Nach sechs Wochen Schulferien, nach sechs glücklichen Wochen des Ausschlafens gehen die Kinder wieder zur Schule und müssen früh aufstehen: um 7 Uhr, wenn die Schule um die Ecke ist, um 6 Uhr, wenn man einen längeren Anfahrtsweg hat - ob auf dem Land oder in der Stadt, etwa zum Gymnasium. Das bedeutet nicht nur eine Umstellung nach den Ferien. Es ist schlicht und einfach zu früh.Man lernt im SchlafDarüber sind sich die Schlafforscher in Deutschland einig mit den Chronobiologen, jenen Wissenschaftlern also, die sich mit dem Einfluss der biologischen Rhythmen auf Lebewesen befassen. Göran Hajak zum Beispiel, Professor für Neurologie an der Universität Regensburg und auf Schlafforschung spezialisiert, erklärt, dass man den Biorhythmus zwar beeinflussen kann, aber nur in einem gewissen Maße. "Es ist ganz normal, dass man in den Ferien länger schläft als in der Arbeits- oder Schulzeit und dann Umstellungsprobleme hat", sagt Hajak. "Das sehen Sie auch am Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit. Nicht selten brauchen Menschen bis zu drei Wochen, bis sie sich an die Zeitumstellung gewöhnt haben." Aber auch danach klingelt der Wecker für die meisten Kinder noch zu früh.Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg weist in einem gerade im Informationsdienst Wissenschaft veröffentlichten Beitrag darauf hin, dass sehr viele Prozesse im Körper zyklisch ablaufen, etwa die Entwicklung der Körpertemperatur oder die Ausschüttung bestimmter Hormone. "Beim Menschen verlaufen diese Zyklen meist synchron zum Tag-Nacht-Wechsel", so Ronneberg. Das macht die "innere Uhr" aus. In der Frage des Schulbeginns richtet seinen Roenneberg seinen Rat vor allem an die Lehrer. Sie sollten in der ersten Unterrichtsstunde die Ansprüche an die Kinder noch nicht zu hoch schrauben, da sich die Leistungsfähigkeit des Menschen in Bezug auf Sprachfähigkeit, Koordination und Gleichgewichtssinn erst ab 8 Uhr langsam aufbaue.Bei Pubertierenden kann das dramatisch sein. Nachweislich verschiebt sich bei ihnen die Ausschüttung des Hormons Melatonin in den Morgen hinein. Melatonin ist nicht nur für das Wachstum zuständig, es hat auch eine schlaffördernde Wirkung. In den USA wurde jetzt eine Studie mit 60 High-School-Schülern veröffentlicht, der zufolge die Jugendlichen bei Tests nach 11 Uhr wesentlich besser abschnitten als bei anderen, die gegen 8 Uhr absolviert wurden. Eine ständige Verkürzung des Schlafs wirkt sich zudem, wie wir aus der Hirnforschung wissen, negativ auf das Gedächtnis aus. Wird das Gelernte im Schlaf gefestigt, passiert dies normalerweise kurz vorm Aufwachen.In Italien, Frankreich und Großbritannien klingelt die Schulglocke um 9 Uhr zur ersten Stunde. Der frühe Schulbeginn hier zu Lande hat seinen Ursprung in der alten, industriell geprägten Arbeitswelt. Traditionell war es üblich, dass in den Fabriken um 6, 7 Uhr mit der Arbeit begonnen wurde. Doch mit einer Verlagerung eines Großteils der Arbeitsplätze in den nicht produzierenden Bereich verändern sich auch die Abläufe in den Familien. Oftmals müssen die Schulkinder als erste das Haus verlassen - was nur die Betreuungsprobleme nach Schulschluss verstärkt.Der Schlafforscher Göran Hajak weist darauf hin, dass man nicht nur den Tag-Nacht-Wechsel, sondern auch die "sozialen Reize" berücksichtigen sollte. Gerade Teenager seien daran interessiert, den Haupt-Fernsehfilm am Abend zu sehen, und der beginne nun mal um 20.15 Uhr. "Die folgende Schlafenszeit reicht dann nicht aus." Schulkinder benötigen im Durchschnitt neun bis zehn Stunden Schlaf. Göran Hajak empfiehlt Eltern, auf eine Ruhezeit ab etwa 21 Uhr zu drängen und dafür die morgendliche Anlaufzeit nicht zu knapp zu bemessen. Wer keine Super-Nanny zu Hause hat, weiß, wie schwierig das ist.Eine halbe Stunde reicht schonIn Deutschland wird der Schulbeginn von den Ländern geregelt. Die meisten geben da zwar nur einen Zeitrahmen vor, der zwischen 7.30 Uhr und 8.30 Uhr liegt und von der Gesamtkonferenz an der Schule präzisiert werden kann. Der Beginn zwischen 7.50 Uhr und 8.15 Uhr hat sich über Jahrzehnte eingebürgert. Eine Verschiebung um eine halbe bis ganze Stunde würde den Betroffenen schon helfen, so Hajak. In ländlichen Regionen muss dabei das Verkehrsnetz berücksichtigt werden. In der Stadt bleibt die Frage nach dem Schulschluss und dem Mittagessen. Doch je mehr Ganztagsschulen es gibt, je mehr Nachmittagsbetreuung also selbstverständlich wird, desto sinnvoller kann man über eine solche Verschiebung diskutieren.------------------------------Von Lerchen und EulenGenetisch erwiesen ist, dass es unterschiedliche Typen von Schläfern gibt. Die als Lerchen bezeichneten Frühaufsteher kommen morgens ohne Not aus den Federn und erreichen ihr erstes Leistungshoch mindestens eine Stunde vor dem statistisch ermittelten Zeitpunkt von 11 Uhr.Die Langschläfer, auch Eulen genannt, werden abends später müde und haben dafür Schwierigkeiten beim Aufstehen. Nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung kann man eindeutig zu den Frühaufstehern rechnen. Unter den Pubertierenden ist die Gruppe der Morgenmuffel besonders hoch.------------------------------Foto: Auch Pippi Langstrumpfs innere Uhr tickt morgens noch nicht so schnell wie mittags.