Am Abend ihres größten Triumphs gab sich Marion Jones als fürsorgliche Ehefrau zu erkennen. "Ich habe C. J. letzte Nacht ganz schön genervt", offenbarte sie der versammelten Weltpresse, "das tut mir Leid. " Jones hat aber nicht etwa das Intimste ausgeplaudert über die Nacht mit ihrem Gemahl C. J. Hunter, einem drei Zentner schweren Kugelstoßer, sie erinnerte bloß daran, dass sie sich stundenlang im Bett gewälzt und Hunter damit die Ruhe geraubt hatte. "Mach endlich die Augen zu", brummte der Gefährte. "Meine Augen sind schon lange zu", antwortete Jones, "aber ich schlafe nicht ein. " Am heutigen Montag wird die Familie Jones-Hunter der Weltpresse in Sydney wieder etwas erklären müssen, doch ob sie darüber ebenso freigiebig Auskunft geben wird, darf bezweifelt werden. Denn jetzt, nachdem Zeitungen in Australien und Norwegen vermeldeten, dass C. J. Hunter bei den Spielen fehlt, weil er beim Dopen erwischt worden sein soll, erscheint zwangsläufig auch die Leistung seiner Gattin in einem anderen Licht. Marion Jones war, trotz wenig Schlafs, am Sonnabend ihren Kontrahentinnen im 100-m-Finale scheinbar mühelos enteilt. Mit 37 Hundertstel Sekunden Vorsprung lag sie vorne - so weit wie nie eine zuvor bei Olympia.Auf der Pressetribüne, knapp fünfzig Meter Luftlinie vom Ziel entfernt, stieß C. J. Hunter einen kurzen Schrei der Erleichterung aus, dann schnappte er sich seinen Kumpel Charlie Wells, den Manager seiner Frau, und drückte den kleinen Mann rabiat an seine Brust.Man hat Hunter, der offiziell wegen einer Verletzung in Sydney(Fortsetzung Seite 2) Jones, Fortsetzung von Seite 1 ---nicht in den Kugelstoßring gestiegen ist, schon lauter und ausgiebiger feiern sehen. "C. J. muss sich seine Kräfte einteilen", erklärte Jones, denn der 100-m-Lauf war nur als erste Etappe ihrer Expedition geplant. Bis Sonnabend will Marion Jones vier weitere Goldmedaillen holen: über 200 Meter, im Weitsprung und mit den Staffeln der USA. Es wäre eine sporthistorische Tat, denn so ein Goldener Fünfer ist noch keinem Leichtathleten bei nur einer Olympia-Veranstaltung gelungen. Jesse Owens (USA/1936), Fanny Blankers-Koen (Holland/1948) und Carl Lewis (USA/1984) erreichten je vier Siege.Alles schien für die Marion-Jones-Spiele bereitet zu sein. Der olympische Zeitplan wurde ihren Bedürfnissen angepasst. Die US-Trainer sicherten ihr zu, dass sie keine Vorläufe, sondern nur die Staffelfinals bestreiten muss, um Kräfte zu sparen. Auch ihr Hauptsponsor, der Sportartikelkonzern Nike, stimmte alles auf diese eine Woche ab. Die Werbekampagne ist längst gestartet, Nike-Manager Dave Mingey sagte: "Sie kann locker mit Nelson Mandela plaudern, und zehn Minuten später quatscht sie mit einem kleinen Mädchen über Puppen. Wir finden nicht sehr viele Athleten, die dazu in der Lage sind. " "Make-up them doubt", heißt einer der Slogans, mit denen die Nike-Werber die Welt überziehen. "Bring sie zum Zweifeln. " Das ist Marion Jones gelungen. Denn so einen Vorsprung hatte nicht einmal ihre Landsfrau Florence Griffith-Joyner, als sie 1988 in Seoul gewann. Schon der Vergleich mit Griffith-Joyner, die in jenem Jahr monströse Weltrekorde aufstellte, konnte für Jones nicht angenehm sein. Dass Griffith-Joyner, die 1998 im Alter von 38 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls starb, einst mit verbotenen Medikamenten nachgeholfen hatte, ist unter kritischen Geistern unumstritten, wenngleich nie positive Dopingproben öffentlich wurden.Die Erinnerung an Griffith-Joyner ist einerseits legitim, weil die USA traditionell nicht zu den Vorreitern im Dopingkampf zählen. So hat sich Marion Jones etwa 1999 lediglich einmal einer Trainingskontrolle unterziehen müssen. Der Vergleich mit Griffith-Joyner trifft Jones andererseits aber auch zu Unrecht, weil sie mit ihren körperlichen Voraussetzungen und ihrem großartigen Talent in einer ganz anderen Liga angesiedelt werden muss als die mysteriöse Sprinterin "Flo-Jo", die bis zu ihren Wunderläufen allein durch ellenlange, kunterbunte Fingernägel aufgefallen war. Jones dagegen hätte in vielen Sportarten Karriere machen können.Doping? Marion-Jones wirkt so, als hätte sie es gar nicht nötig. Vielleicht kannte ja auch nur C. J. Hunter den Weg zur nächsten Apotheke. Vielleicht hat er ihr nichts davon erzählt. Nicht einmal im Schlaf.