Besonders gesund sieht der junge amerikanische Autor Daniel Grey Marshall auf dem Foto hinten im Klappentext nicht aus, und seine Kurzbiographie erklärt auch warum: "Sehr früh konsumierte er Drogen verschiedener Art und lebte auf der Straße." Sprachlich verrät "No Exit" von dieser frühen Zerrüttung des Autors wenig, die Geschichte eines Jugendlichen aus schwierigem Elternhaus wird souverän, fast konventionell erzählt. Der Roman ist ein Konstrukt, dessen Hauptkomponenten - die Trunksucht des Vaters, das dunkle Geheimnis der geliebten älteren Schwester, der Abstieg des Protagonisten in Rausch und Kriminalität - sich auch aus einer Überdosis Kino- und Fernsehfilmen zusammenstückeln ließen. Unmittelbar getroffen wird der Leser dagegen von Schilderungen der Wut und Hilflosigkeit der jugendlichen Helden, denen ihr Leben früh schon als ausweglose Sackgasse erscheint. Um diese Wirkung zu erreichen, muss ein Autor solche Existenzen nicht zwangsläufig selbst gelebt haben. Er muss nur wissen, wie man ihren emotionalen Output als Faustschlag in die Magengrube von Lesern weiterleitet. Marshall schafft das in einer Weise, die vermuten lässt, dass vielleicht nicht der Pulitzer-Preis, aber doch zumindest Hollywood demnächst an seine Tür klopfen wird.Daniel Grey Marshall, No Exit. Aus dem Amerikanischen von Friederike Levin, Reclam 2003, 346 S., 18,90 Euro.