BERLIN, 26. November. Bundespräsident Roman Herzog wünschte sich in seiner Berliner Rede, es möge ein Ruck durch das Land gehen. Der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, hat diesen Ruck ausgemacht ­ beim Kampf um die Wiedereinführung des Buß- und Bettages. Ob der Ruck stark genug ist, muß sich am kommenden Sonntag in Schleswig-Holstein zeigen. In einem Volksentscheid sind die Bürger aufgerufen, für die Wiedereinführung dieses Tages als gesetzlichen Feiertag zu stimmen. Mindestens 530 000 Menschen, das sind 25 Prozent der Wahlberechtigten müssen mit "Ja" stimmen, damit das Begehren für die Nordelbische Kirche zum Erfolg wird. Keine leichte Aufgabe. Müssen doch dafür erst einmal die Hälfte aller Wahlberechtigten zu den Urnen gehen. Die Kirche hatte zuvor die Hürden Volksinitiative und Volksbegehren erfolgreich bewältigt. Spektakuläre AktionenUm die Nordlichter für den Volksentscheid zu begeistern, setzte die Kirche in den vergangenen Wochen ganz bewußt auf spektakuläre Aktionen. Fassadenkletterer befestigten meterlange lila Banner mit der Aufschrift "Ja, zum Bußtag" an Kirchtürmen. Pastoren verteilten in 40 Städten Flugblätter, Luftballons, Sticker, diskutierten mit den Bürgern und informierten die Medien. "Wir sind zwar optimistisch, aber alles könnte doch an zu geringer Wahlbeteiligung scheitern. Denn die Wahlaufforderungen wurden bereits vor einem halben Jahr verschickt", dämpft der Sprecher der Kirchenleitung Ocke Peters allzugroßen Optimismus.Rund 600 000 Mark gibt die Kirche für ihren Wahlkampf aus. Pro abgegebener Stimme zahlt das Land nach dem 30. November nur 50 Pfennig an die Initiatoren. Damit ist die Bußtagskampagne für die Kirche absehbar ein Minusgeschäft. Doch das ist für sie Nebensache. "Wenn der Entscheid erfolgreich ist, wächst der Druck auf Bonn, die Streichung des Feiertages bundesweit wieder rückgängig zu machen. Das ist unser Ziel", sagt Peters.Wie im Parteienwahlkampf meldeten sich Feiertags-Befürworter und -Gegner in den vergangenen Monaten zu Wort. Der Kieler CDU war die Hose näher als das Hemd. Sie unterstützte den Wahlkampf der Nordelbischen Kirche. Der Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Peter Kurt Würzbach stellte sich klar hinter die Kampagne. Er macht damit auch Front gegen die SPD. Diese hatte 1994 mit ihrer Ein-Stimmen-Mehrheit im schleswig-holsteinischen Landtag den Buß-und Bettag als gesetzlichen Feiertag abgeschafft. Jetzt hielten sich die Sozialdemokraten bedeckt.Einzig die Gewerkschaften widersprachen. Sie lehnten den Bußtag zwar nicht generell ab, wiesen aber mehrfach darauf hin, daß die Wiedereinführung des arbeitsfreien Tages ­ er war für die Finanzierung der Pflegeversicherung gestrichen worden ­ den Arbeitnehmer bei einem Bruttoeinkommen von 3 750 Mark rund 225 Mark kosten würde. Das wäre der volle Beitrag zur ersten Stufe der Pflegeversicherung. Ein Fakt, den auch der Lübecker Bischof Karl Ludwig Kohlwage eingestand. Er erwarte aber bei einem Erfolg des Entscheids, so Kohlwage, daß ein politischer Ruck durch ganz Deutschland geht ­ um den Buß-und Bettag bundesweit wiedereinzuführen.