Kürzlich wurde das Sommerschloss von Königin Luise und Friedrich Wilhelm III. in Paretz wiederhergestellt und dem Publikum geöffnet. Damit setzte sich eine Erfolgsgeschichte fort, die 1993 mit der Neugründung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg begann. Seither wurden die Anlagen in Rheinsberg, Caputh, Königs Wusterhausen und Oranienburg, das Potsdamer Belvedere und der Normannenturm auf dem Potsdamer Pfingstberg restauriert und teilweise neu eingerichtet.Diese durchaus als spektakulär zu bezeichnende Entwicklung ist eng mit dem tatkräftigen Wirken Hans-Joachim Giersbergs verbunden, dem ersten Generaldirektor der Stiftung, der auf Anraten seiner Ärtze jetzt vorzeitig in den Ruhestand geht. Giersberg, der 1938 geboren wurde, gehört der Potsdamer Schlösserverwaltung seit Abschluss seines Studiums an der Berliner Humboldt-Universität an. 1975 promovierte er an dieser über die Baupolitik Friedrich des Großen. In jahrelanger praktischer Arbeit als Kustos erwarb er sich jene wissenschaftlichen und praktischen Voraussetzungen, die dazu führten, dass er zu DDR-Zeiten zum Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten von Potsdam-Sanssouci berufen wurde.Hier stand die wissenschaftliche Erschließung sowie die Pflege und Erhaltung der Kunstschätze im Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Das allein war für das vom Massentourismus schon damals stark in Anspruch genommene Schlösserensemble mit seinem wertvollen Innenausstattungen ein gerüttelt Maß an Arbeit. Vor allem aber forschte Giersbergs intensiv über die kulturellen Leistungen unter dem preußischen Herrscherhaus der Hohenzollern. Dabei gelang ihm mancher Durchbruch in der lange von Preußenfeindlichkeit geprägten DDR-Kulturpolitik. So machte 1986 die Ausstellung zu Friedrich II. und der Kunst Furore, ebenso die zwei Jahre später gezeigte Ausstellung anlässlich des 300. Todestages des Großen Kurfürsten.Diese beiden Ausstellungen waren der Beginn eines langfristig angelegten Zyklus, der mit der Betrachtung weiterer preußischer Herrscherpersönlichkeiten und ihrer Beziehungen zu Kunst und Wissenschaft fortgesetzt wurde: 1990 folgte die Ausstellung über die Gemälde, die von Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig geschaffen worden waren. 1995 wurde der "Romantiker auf dem Thron", Friedrich Wilhelm IV., als Künstler wiederentdeckt, jüngst im bescheidneren Rahmen in Babelsberg die kulturelle Leistung der Royal Princess Victoria, genannt Kaiserin Friedrich, gefeiert. Mit dem Niedergang der DDR und dem Fall der innerdeutschen Grenzen im November 1989 ging auch für die beiden Schlösserverwaltungen in Potsdam und Berlin (West) die lange Zeit der Trennung zu Ende. Beide waren aus der 1926 gegründeten Staatlichen Schlösserverwaltung erwachsen, hatten sich auch nach der Trennung 1948 stets das Gefühl der Zusammengehörigkeit bewahrt. Dies fand seine Konsequenz in der 1993 erfolgten Neugründung der Preußischen Schlösserverwaltung. Mit ihr wird das preußische Erbe in Berlin und Brandenburg wieder gemeinsam verwaltet, gepflegt und für die Öffentlichkeit erschlossen.Auf Grund seiner in Ost wie auch in West anerkannten fachlichen Kompetenz, der politischen Integrität und der erwiesenen Führungsqualitäten wurde Hans-Joachim Giersberg 1995 von den Parlamenten Berlins und Brandenburgs zum Generaldirektor berufen. Eine personalpolitische Entscheidung, die in der Nachwendezeit für Persönlichkeiten mit Ostbiografie durchaus nicht üblich war.Zunächst galt es, die beiden jahrzehntelang getrennten, in unterschiedlichem gesellschaftlichen Umfeld gewachsenen Institutionen und Mitarbeiter verwaltungstechnisch zusammenzuführen. Hierzu gehörte auch die lang anstehende Rückführung und Wiedereingliederung von im Krieg verlagerten Kunstwerken und Bibliotheken in ihre historischen Zusammenhänge. Wie kompliziert gerade diese Problematik war und noch ist, zeigt der heftige Bilderstreit zwischen der Schlösserstiftung und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über den Verbleib von drei bedeutenden Werken Caspar David Friedrichs. Vor wenigen Tagen wurde entschlossen, zwei der Gemälde an die Nationalgalerie abzugeben und eines weiterhin in den Schlössern auszustellen. Die Regelung soll in einem Jahr überprüft werden. Ein anderer Schwerpunkt bestand darin, die unter den wirtschaftlichen Bedingungen der DDR entstandenen baulichen Defizite an den Potsdamer Gebäuden zu beheben. Giersberg stand aber auch vor der Aufgabe, die ehemals zur Schlösserverwaltung gehörenden und in der Nachkriegszeit fremd genutzten und größtenteils heruntergewirtschafteten Schlösser wie zum Beispiel Caputh, Königs Wusterhausen und Paretz für die Stiftung zurückzugewinnen. Es gelang ihm in den Zeiten allseits knapper Kassen, nicht nur die Politiker in Bund und Ländern, sondern auch private Sponsoren davon zu überzeugen, in das preußische Erbe zu investieren. Mäzene wie der Versandhausgründer Werner Otto oder die Cornelsenstiftung konnten gewonnen werden.Gleichzeitig hatte sich der "General", wie ihn seine Mitarbeiter oft nennen, auch gegen den Anspruch von Behörden, Institutionen und Persönlichkeiten durchzusetzen, die Schlösser als Ambiente für Empfänge und Feste bereitzustellen. Diese reichten von der ständigen Nutzung der kostbaren Eichengalerie im Charlottenburger Schloss durch den Senat von Berlin bis hin zu dem Wunsch eines Modeimperiums, eine neue Parfümmarke in Sanssouci zu präsentieren. Nur von Helmut Kohl ließ Giersberg sich überzeugen, in Sanssouci ein Staatsdinner für Bill Clinton zuzulassen. "Ich ehre lieber tote Könige", wurde sein Kommentar kolportiert.Meist aber hat sich Giersberg als standhaft erwiesen und so die Veranstaltungen in den Schlössern auf ein konservatorisch erträgliches Maß reduzieren können. Gleichzeitig öffnete er aber die einst behäbige Institution für den Anspruch der Politiker, sie müsse sich auch selbst finanzieren: Inzwischen gibt es ein breites Katalog- und Souvenirangebot, viele Führungen, die fulminanten Schlössernächte wurden zu einem Publikumserfolg, der sich inzwischen selbst zu lähmen droht.Als ein Mann mit Mut hat er sich auch stets in den kulturpolitischen Debatten seiner Heimatstadt Potsdam erwiesen. So zum Beispiel, als es um den Bau des gigantisch angelegten Potsdam-Centers rund um den Bahnhof ging, das mit seiner Baumasse die historischen Sichtachsen in der Stadtlandschaft empfindlich gestört hätte. Hier immerhin konnte er eine Reduktion der Höhe erreichen. Nur im Streit um die brutale Bebauung des Glienicker Horns gegenüber der Schlösser Babelsberg und Glienicke scheiterte er. Immerhin wurde dieser Makel zu einem Trauma für die provinziellen Baupolitiker Potsdams. Heute hören sie lieber auf den Rat des Mannes, der die Potsdamer Schlösser 1990 in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco führte. Günter Schade ist der ehemalige Direktor der Staatlichen Museen zu Berlin (Ost).Giersberg prägte das neue Preußenbild der DDR.