Ein Foto ist keine Meinung. Oder doch? Für Evelyn Richter heißt fotografieren, Menschen, Dinge und Zusammenhänge zu sehen. Das Foto sagt schließlich, dass man da gewesen ist, also gibt es nicht bloß das Abziehbild wieder, sondern auch eine Meinung. Diese Meinung prägt das Foto, das sie 1977 in Moskau von der greisen Dolores Ibarurri machen konnte - nicht auf offiziellem Weg, sondern durch Hintertüren, nur mit Hilfe einer privaten Telefonnummer, die ihr den Zugang zur legendären, aber im Exil einsamen "La Passionara" verschaffte. Evelyn Richters Meinung steckt in den Porträts der verlebten Majakowski-Muse Lilja Brik, aufgenommen in Moskau 1978, in den Porträts von berühmten Musikern wie von müden Arbeitern in der Straßenbahn. Ihre Meinung war es auch, ein Foto nicht zu schießen, wiewohl sie es gern getan hätte, damals, am 8. Mai 1977 in Sagorsk. Ein Besoffener hing am Staketenzaun wie eine El-Greco-Figur. Am Straßenrand Männer mit Hüten und langen Mänteln. "Mein politisch schon belasteter russischer Begleiter wäre gefährdet gewesen, hätte ich fotografiert. Also steckte ich die Kamera weg."Zwei Wochen lang ist sie mit kaputtem Hüftgelenk um Mattheuers antioptimistisches Bild "Die Ausgezeichnete" in der achten Dresdner DDR-Kunstausstellung herumgehumpelt, bis sie es im Kasten hatte, ihr Gleichnis für Kunst und Leben. Sie fotografierte eine Besucherin vor dem Bild, dem könnte diese viel jüngere Frau entstiegen sein: Ihr Gesicht wie das der Frau im Gemälde ist müde, abgearbeitet, illusionslos leer. Damals habe ein "guter Genosse" die Besucher gegen Mattheuers Bild aufgehetzt, so sähen "unsere Menschen nicht aus", erinnert sich Evelyn Richter. Jetzt hängt ihr vielsagendes Foto in der Neuen Nationalgalerie, in der Ausstellung "Kunst aus der DDR". Es erzählt von Fotografie in einem abgeschotteten Biotop. Und wenn Evelyn Richter heute sagen soll, was das so andere an der DDR-Fotografie gewesen ist, fällt ihr nur ein: "Die Kraft der Bilder kam aus dem eigenen Auftrag, aus tiefem Erleben, sie war nicht raffiniert und nicht gefällig, sie schielte nicht nach Sensationen. Wenn man im Auftrag arbeitet, gut verdienen will, muss man attraktive Bilder bringen, keine deprimierenden."Sie fotografiert seit Jahrzehnten aus einer Sicht, die man eine östliche nennen darf und die merkwürdig verstört. Es ist darin etwas schwer Verdauliches, irgendwie anarchisch Melancholisches. Das mag am Schwarzweiß der Aufnahmen liegen. Vor allem aber ist es die Art, wie die Kamera die Linien der Gesichter, die Mimik, die Gestik nachzeichnet: schmerzhaft zärtlich gnadenlos. "Ich will im Porträt zeigen, wie der Mensch zu sich findet. Ich suche den Augenblick der Konzentration, nicht das Extreme. Der Modebegriff Momentfotografie ist für mich ein einziges Missverständnis. Es gibt Tabus, aber ein Foto, etwa das von Brassaii, wo Picasso gierig in einen Fisch beißt, denunziert nicht, das zeigt den Lebenshunger dieses Malers. Ich hab die Palucca fotografiert, wie sie Figuren demonstrierte; die jungen Elevinnen neben dieser schwerelosen alten Tänzerin wirkten auf einmal wie Trampel."Anfang der Achtziger fotografierte Evelyn Richter für die Frauenzeitung "Für Dich" sächsische Kammgarnspinnerinnen bei ihrer harten Arbeit, einer ihrer ganz seltenen Presseaufträge. Die Reportage kam nur entstellt ins Heft. Die harten Arbeitsfotos erschienen mit einer Kleeblattbordüre. Das war die Verlogenheit im sozialistischen Realismus. "Ein gutes Bild", sagt die Fotografin, "muss auch ein Gleichnis sein, tief erlebt, emotional verdichtet." Und weil bei ihr Fotografie viel Emotion und weniger Technik ist, schwört sie auf die gute alte Leica. "Ich bin immer aufgeregt beim Fotografieren, da habe ich mit der schweren Spiegelreflexkamera oft verrissen, die Bilder gerieten unscharf, außerdem war dieser Apparat laut, ungeeignet für Konzertfotografie." Einmal hat sie die Kamera sogar in wattierten Stoff eingenäht, um das Geräusch zu dämmen.Ganz anders die leichte, leise Leica. Ihre erste wurde mit Hilfe eines Gewandhaus-Musikers bei einer Konzertreise in den Westen besorgt, getauscht gegen eine silberne Konzertflöte aus dem Vogtländischen Musikwinkel. Und wenn die Leica kaputt war? "Dann habe ich einen Kollegen in West-Berlin angerufen: ,Tante Lenchen ist krank! ", erzählt die Fotografin. Der kam dann und holte "Tante Lenchen", schaffte sie zur Leica-Niederlassung und brachte sie repariert zurück. "So haben wir die deutsche Einheit schon viel früher praktiziert!" Das war noch Künstlersolidarität. Bereits Ende der Fünfziger, kurz nachdem auch sie in West-Berlin Edward Steichens Weltausstellung "The Family of Man" hatte sehen können, entschied Evelyn Richter sich für die dokumentarische Fotografie. Sie legt aber größten Wert auf die Bildgestaltung: "Dass ein Foto faktisch Wirkung erzeugt, ist eigentlich ein Schrecken, aber die gute Form überlebt." Form allein aber genügt ihr nicht, es wäre Dekoration. Egon Erwin Kisch hat sie beeindruckt mit seinem Satz, nichts sei sensationeller als die Wahrheit. Sie übersetzt Wahrheit mit Realität. "Aber Realität ist manipulierbar", sagt sie. "Deshalb hat die Autorenschaft eine so große Bedeutung. Man bürgt mit seinem Namen für seine Arbeit." Der Betrachter sieht nur, was er weiß. Dass der Arbeiter in der Templiner Kleinbahn völlig erschöpft ist, ist nicht zu übersehen. Aber dass der Mann im Schlaf die schwieligen Hände wie Werkzeuge nach der Arbeit abgelegt hat, das sagt uns erst die Fotografin. Ihr besonderer Blick auf diese Werkzeug-Hände ist ihre Kunst. Von der Frau an der Linotype, die Evelyn Richter 1960 in der Berliner Druckerei des Neuen Deutschlands fotografierte, sieht man, dass sie jung ist und die Technik alt. Konzentriert das Gesicht, angespannt der Oberkörper. Die Maschine ist Herr über den Menschen - bis auf die Füße, die recken sich weg aus der Vereinnahmung.Sich dem Zwang so gut es geht zu entziehen, das hat Evelyn Richter, Jahrgang 1930, schon als Kind geübt. Ihre Eltern in Neukirch/Lausitz waren bürgerlich und christlich und lehnten die Nazis ab. Sie schickten das Mädchen auf die Schule der pietistischen Herrnhuter Brüdergemeinde, das ersparte die nationalsozialistischen Gesinnungsübungen. Die spartanische Erziehung dort war überdies keine schlechte Vorbereitung auf das spätere Leben. Da hieß es, mit Haltung zurechtzukommen, denn als "Bürgerliche" hatte Evelyn Richter in der frühen DDR keine Chance auf einen Studienplatz. "Durch Zufall", erzählt sie, "kam ich in Dresden ins Atelier von Pan Walther." Sie wurde - es war der schnellste Entschluss ihres Lebens - Lehrling des klassischen Lichtbildners. Im Künstlerquartier Loschwitz lernte sie die Dresdner Nachkriegskunstszene kennen, Hegenbart, Lachnit, Dix, Jüchser. Aber sie war schüchtern, hatte auch noch keine eigene Kamera, um die Maler zu fotografieren und die alte Plattenkamera des Meisters war nicht zu transportieren. Wie sie das heute bedauert!Dann, 1953, begann Evelyn Richter an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zu studieren. Sie beschäftigte sich mit Otto Steinerts "subjektiver fotografie" - und fand sich mitten in der absurden Formalismusdebatte, unter der die ganze DDR-Kunst stöhnte. Die sollte nur zeigen, was sein sollte, nicht was war. Die Antwort auf die Situation war, gerade an der Leipziger Schule, eine sozialdokumentarische Fotografie, ohne Pathos, ohne verlogene Romatik. Nicht lange danach wurde Evelyn Richter exmatrikuliert von der Hochschule, an der sie dann viel später, in den Achtzigern, zusammen mit Arno Fischer, erfolgreich gelehrt hat. Lange schlug sie sich mit Theater- und Messefotografie durch, im eigenen Auftrag fotografierte sie Frauen bei der Arbeit, harte Gegenbilder zum Aktivisten-Pathos in der offiziellen Auftragsfotografie. Zum Glück kamen damals die hoch empfindlichen 24-DIN-Filme auf den Markt, auf einmal wurden prozesshafte Vorgänge, wurde die Live-Fotografie möglich. Aber nach dem Bau der Mauer gab es kaum noch Fotogenehmigungen in der Industrie. Evelyn Richter verlegte sich auf Reisereportagen, Ausstellungsfotos und Musikerporträts. Zehn Jahre lang kämpfte sie um ihr Buch über den russisch-jüdischen Geiger und Dirigenten David Oistrach im Henschel Verlag. In dieser Bildfolge, angelegt nach arbeitspsychologischen Aspekten, gibt es nichts Zufälliges, nichts Flüchtiges mehr. Die Fotografin hat das Wesen des Musikers eingekreist, eine Symbiose aus Begabung, Charakter, Liebe. Diese Fotos sind ganz anders als die Starporträts von einst und jetzt. Das Buch wurde vom Markt genommen, weil im Kreise der Oistrach-Schüler jüdische Emigranten abgebildet sind. Später erfuhr Evelyn Richter, dass ein großer Teil der Fotos hinter ihrem Rücken bis nach Amerika verkauft worden waren, einzeln, nicht als Serien, wie es ihrer konzeptionellen Arbeit entspricht. Vieles sei Fragment geblieben, was sie gewollt habe, sagt sie, denn Kultur höre ja nicht beim Geigenspiel auf. Noch vor der Wende hat sie mit einem Entwicklungspsychologen das Urania-Buch "Entwicklungswunder Mensch" gemacht, dafür über Jahre in Kinderkrippen fotografiert, den Band trotz aller Schwierigkeiten herausgebracht. Vernetzt mit der Sozialwissenschaft hätte sie gerne noch mehr solche komplexen Projekte verwirklicht. Das sei heute "eine große Aufgabe und Chance der Fotografie". Vor etlichen Jahren, nach ihrem Abschied von der Leipziger Hochschule, ist sie zurückgekehrt nach Neukirch nahe Bautzen. Hier lebt sie allein mit ihrem Bildarchiv, mit den guten und schlechten Erinnerungen. Sie hat sich einen Garten angelegt, da leben Igel, Frösche und Katzen. Sie fotografiert die Landschaft, setzt sich kritisch mit Farbfotografie auseinander, arbeitet ihr uvre auf. Und sie bereitet Ausstellungen vor, die letzte war in New York. Neukirch hat zwei winzige Bahnhöfe, Neukirch Ost und Neukirch West. Vom Bahnhof West unternimmt sie ihre Reisen, nach Dresden, und von da nach Leipzig, Berlin und weiter weg. Keine Spur von Ruhestand, viel zu viel geht ihr durch den Kopf: Alles wird auf Zetteln notiert, manchmal durchzieht eine Zettelspur das ganze Haus. "Ich verkehre schriftlich mit mir selber", sagt sie selbstironisch, aber auch versöhnlich.EVELYN RICHTER (2), JÖRG MÖLLER An der Linotype, Druckerei Neues Deutschland, Berlin, 1960.Nach der Arbeit, Kleinbahn bei Templin, Mark Brandenburg, 1970.Evelyn Richter, fotografiert von ihrem einstigen Schüler Jörg Möller.