PHNOM PENH. Als wir neulich mit dem Tuktuk unterwegs waren, wurde unser Fahrer nach einer Ampelkreuzung von einem Polizisten an den Straßenrand gewinkt. Die beiden zogen sich auf den Gehweg zurück. Dort standen noch andere Beamte, auf einem kleinen Holztisch lag ein aufgeschlagener Quittungsblock. Wir konnten sehen, dass der Polizist dem jungen Mann einen Vortrag hielt. Am Ende wechselte ein Geldschein den Besitzer. Er verschwand in der Tasche des Polizisten. Eine Quittung wurde nicht ausgestellt. Auf unsere Nachfrage sagte der Tuktukfahrer, er sei angehalten worden, weil er die Haltelinie überfahren hatte, als die Ampel noch auf Rot stand. Das kostet 10000 Riel, zweieinhalb US-Dollar.Wir waren Zeuge der alltäglichen Korruption geworden. Sie ist in Kambodscha so selbstverständlich, dass sich keiner darum schert, dass es Zeugen gibt, und dass die Kollegen etwas mitbekommen. Die machen es ja genauso. Unsere Haushaltshilfe gibt ihren drei Kindern jeden Tag 1000 Riel mit in die Schule - eine Art Schmiergeld, das jeder Lehrer von seinen Schülern erwartet.Einer Bekannten, die gerade ein Kind geboren hat, verlangten die Sachbearbeiter in der Stadtverwaltung Geld für die Geburtsurkunde ab, obwohl sie die kostenlos ausstellen müssten. Und Hochzeitseinladungen sind in Kambodscha nicht unbedingt ein Grund zur Freude und Aussicht auf ein schönes Fest. Wer etwa von seinem Chef zu dem feierlichen Anlass gebeten wird, tut gut daran, ein großzügiges Geldgeschenk mitzubringen, um sicherzustellen, dass das Verhältnis auch weiterhin ungetrübt bleibt.Über 84 Prozent der Kambodschaner haben in den vergangenen zwölf Monaten Bestechungsgeld gezahlt. Das geht aus einem Bericht hervor, den die deutsche Organisation Transparency International kürzlich veröffentlicht hat. Er untersuchte die Verhältnisse in 86 Ländern und stellt fest, dass Kambodscha in Sachen Korruption weltweit zu den führenden Ländern gehört. Die Regierung hat vor Kurzem eine Anti-Korruptionsbehörde eingerichtet. Vergangene Woche gab es die erste Festnahme in ihrem Namen - ein Staatsanwalt in der Provinz Pursat, dem Korruption, Erpressung und eine unrechtmäßige Verhaftung vorgeworfen werden. Immerhin.Als ich unsere Haushaltshilfe fragte, was passieren würde, wenn sie ihren Kindern einfach kein Geld mehr für den Lehrer mitgäbe, schaute sie mich verständnislos an. Das scheint undenkbar zu sein. Die Anti-Korruptionsbehörde hat einen langen Weg vor sich.