Jedes Gesicht hat seine Geschichte. Bei ihren Porträts und Zeichnungen macht sich Marina Prüfer immer auf die Suche nach dem Menschen hinter dem Gesicht. Doch die Bilder entstehen nicht nur im Atelier. Als 1992 die Prozesse gegen Honecker, Mielke und andere führende Politiker der DDR begannen, ließ sich die Schönebergerin als Gerichtszeichnerin im Kriminalgericht Moabit akkreditieren. Die Gerichtsverfahren spiegelten einen Teil ihrer persönlichen Geschichte: 1976 flüchtete sie als 21-Jährige im Kofferraum eines Opel Ascona aus der DDR. Der Arzttochter blieb dort der Weg zum Kunststudium versperrt, sie wurde stattdessen Bauzeichnerin. Im Gerichtssaal, sagt Marina Prüfer, kommt es auf den schnellen Strich an: Niemand sitzt still, manchmal bleiben nur wenige Minuten, um einen Angeklagten oder Zeugen aufs Papier zu bannen. Keine Zeit zum Nachdenken. Trotzdem veränderte sich Marina Prüfers Blick auf die DDR-Größen: "Man wird sich vertraut, wenn man sich so regelmäßig sieht. Der sogenannte Schuldige weicht auf. Was in meinen Augen von Mielke übrig blieb, war ein alter Mann vor dem Sterben", sagt sich die 47-Jährige. Ihre Zeichnungen und Collagen sind derzeit in der Polizeihistorischen Sammlung am Platz der Luftbrücke zu sehen. (uts.)Foto: PRIVAT