Über die höfische Opernpraxis des frühen 18. Jahrhunderts mit ihren starren Schemata der Opera seria und etwas weniger starr der Opera buffa hat die spätere Musikwelt gern die Nase gerümpft. Außer Händel und Gluck landeten fast alle Komponisten mitsamt ihren Opern in den Archiven. Denn wozu brauchte man noch deren Werke mit ihren typisierten Handlungen, ewig gleichen Personagen, Verkleidungen, ihren wie per Knopfdruck vorgeführten Affekten und den Koloraturarien für stolze Diven, wenn man an "echten" Charakteren und Konflikten größeren Gefallen fand? Viele Musikgeschichten beteuern, daß es sangesmächtig, aber doch öde zuging damals in der italienischen Oper.Einer der Komponisten, der noch zu Lebzeiten seinen Ruhm schwinden sah, war Johann Adolf Hasse. Schon als junger Mann rückte er im gelobten Opernland Italien an die Spitze der Verehrung die italienischste Musik stamme aus seiner Feder, glaubte das Publikum. Später, als Kapellmeister am Dresdener Hof, setzte er das einfach fort. Durchgreifende Stiländerungen hat Hasse nie unternommen. Gerade diese statische Kompositionsweise machte sich die "Berliner Lauttencompagney" unter Leitung des Lautenisten Wolfgang Katschner zunutze, als sie unlängst zu Hasses 300. Geburtstag "L Amor prigioniero" inszenierte.Ungerührt fügt die "Compagney" dabei zwei Zeiten und Werke Hasses zusammen: eben die arglose "L Amor"-Kantate von 1761, worin Amor die gestrenge Jagdgöttin und Jungfrau Diana zur Anerkenntnis der Liebeskraft bringt; dazu kam Hasses Opernintermezzo "Larinda und Vanesio" von 1726, das auch nicht verhehlt, nur vergnüglicher Pausenfüller einer Opera seria gewesen zu sein: Larinda, Dienerin des eitlen Vanesio, verschafft sich ihren sozialen Aufstieg, in dem sie dem Vanesio vorgaukelt, eine reiche Baronesse zu s ein und ihn zur Heirat verführt. Vanesio, der auch gern aufgestiegen wäre, ist ob des Betrugs erbost. Aber weil beider Liebe doch schon kräftig ist, endet schnell alles bestens. Am Mittwoch hat die "Lauttencompagney" ihr ganz in der Tradition der zusammengestoppelten Opernabende des Barock stehendes Mischwerk im Hebbel-Theater vorgestellt. Das Experiment ist in vielem gelungen. Entstanden ist ein heiteres Spieltheater, in dem die Kantate auf Italienisch, das Intermezzo auf Deutsch erklingen und trotzdem nicht das Gefühl entsteht, hier sei zusammengepreßt worden, was nicht zusammenpaßt.Der Regietrick von Kornelia Repschläger, Larinda und Vanesio zum Liebes-Vorbild für Diana zu machen, die ihre Weiblichkeit entdeckt, belebt die Szene, ebenso die Idee, dem Liebespaar mit Amor einen ständigen, stumm kommentierenden Helfer beizugeben. Valerie Schill-Suty gab die Rolle der Diana dabei stimmlich wie spielerisch lange allzu verhalten. Doerthe-Maria Sandmann gab den Amor dagegen darstellerisch wie stimmlich äußerst vielfältig und bezaubernd.Vor allem aber reagiert die Inszenierung auf Details der Musik und findet dafür Bilder und Gesten. Die gröbsten, wenn Vanesio (souverän Jörg Gottschick) fast slapstickartig Manieren lernt. Feiner etwa, wenn Larinda (spielerisch stark, aber sängerisch zu unflexibel: Alessandra Catteruccia) zu Beginn ihrer da-capo-Arie fröhlich Geld herumwirft, im trübseligen B-Teil aber wie zufällig auf den schlafenden Vanesio blickt es ist doch nicht das Glück, sagen Musik und Szene. Mit wenigen Kästen und ein paar drehbaren Wandteilen ist die Bühne spärlich eingerichtet. Ein Federbett wird mit Erfindungsgeist genutzt. Ein nur halber Reifrock der Baronesse und ein teils gemalter, teils realer Sessel zeigen, wie fassadenhaft die ganze Geschichte ist. Als Diana ein Wildschwein fängt und sich am Schluß alle ein dickes Liebesherz zuwerfen, fällt das ästhetische Niveau aber jäh zusammen.Indes beweist Hasses Musik, daß die starren Formen eine Möglichkeit für erstaunlich vielfältige Musik sein können. Dabei nutzt er jede Gelegenheit zur Lautmalerei. Die Worte "Schön wie das Morgenland" werden von süßem Gitarren- klingeln begleitet, "auf und ab" heißt es im Text die Melodie folgt ihm auf dem Fuß. Dem Spiel der "Lauttencompagney" hätte mehr letzte Sorgfalt und Spannung nicht geschadet. Dennoch: Das Ensemble spielt wach und mit Gefühl für Artikulation, sein Hasse bereitet Vergnügen.