Am letzten Dienstag wurde Friedrich Engels in einen soliden Stahlrahmen eingepasst und mit hoher Präzision geräuschlos vom Sockel gehoben. Im eisigen März 1986 hing die Figur schon einmal in der Luft, damals an zwei uralten Seilschlingen. Mit Krachen und Knirschen wurde Engels neben Marx zum Stehen gebracht, Bausoldaten halfen dabei. Die Fotografin Sibylle Bergemann, die damals die Entstehung des Denkmals dokumentierte, machte ihr berühmt gewordenes Bild vom schwebenden Engels, das kürzlich in die Dauerausstellung des Museums of Modern Art aufgenommen wurde.Für einen Tag und eine Nacht saß Karl Marx nun, im Spätsommer des Jahres 2010, mit seinen goldenen Händen allein auf dem Platz nahe des Fernsehturms, an dem das Denkmal 24 Jahre gestanden hatte. Es wird verschoben, weil die BVG den Platz für die Baustelle einer neuen U-Bahn-Strecke braucht.Geschichte wiederholt sich manchmal in den Details; die Frage, wo das Denkmal seinen Ort findet, stand schon einmal im Raum. Damals ging es sogar darum, ob es überhaupt eine Zukunft hat. Dass sich Honecker ein Marx-Engels-Denkmal gewünscht hatte, hieß noch lange nicht, Kunst und Macht hätten sich in diesem Falle in glänzender Übereinstimmung befunden. Es wurde ein Staatsdenkmal der anderen Art.Es war schon ungewöhnlich, dass Ludwig Engelhardt den Auftrag bekam. Engelhardt war kein Staatskünstler. Er war nicht Mitglied der SED, er war in keiner Partei. Er wirkte sehr bürgerlich, sehr seriös, gerade Haltung, dunkler Mantel und immer geputzte Schuhe, man hätte eher einen Dirigenten in ihm vermutet als einen Bildhauer.Er stammte aus Thüringen, sein Vater war gelernter Schneider und Textilunternehmer. Als junger Offizier war Engelhardt in den letzten Kriegstagen in amerikanische Gefangenschaft geraten, anschließend steckten ihn die Russen in ein Lager bei Moskau. Nach der Rückkehr und einer Möbeltischlerlehre ging er nach Berlin, studierte an der Kunsthochschule Weißensee bei dem Bildhauer Heinrich Drake und verkehrte gleichermaßen in den Ateliers von Pankow und Charlottenburg in der damals ungeteilten Stadt.Als er den Auftrag erhielt, war er den meisten Politikern unbekannt. Sein Auftritt ihnen gegenüber war immer korrekt, aber er ließ sie spüren: Wir sind verschieden, ich bin der Künstler. Es muss etwa 1968 gewesen sein, als Engelhardt von der Akademie der Künste beauftragt wurde, das Heine-Denkmal an der Invalidenstraße aufzustellen. Der damalige SED-Bezirkssekretär Paul Verner kam mit Gefolge und wollte die Ausrichtung bestimmen, der Heine sollte mit dem Gesicht zur Wiese stehen. Engelhardt war der Meinung, das Gesicht muss zu den Menschen auf der Straße zeigen, zu dem kleinen Vorplatz. Er sagte: Herr Verner, Sie sind der Fachmann für Politik, ich bin der Fachmann für Kunst. Da nahm Verner seinen Mantel und ging.Das erste Mal sah ich Ludwig Engelhardt im Dezember 1973 in Neubrandenburg. Er stellte sein Denkmal für das Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück vor. Das große Neubauviertel Neubrandenburg-Ost sollte einen eigenen Friedhof bekommen, ich war damals Mitarbeiter des Zentrums für bildende Kunst und hatte die künstlerische Konzeption erarbeitet. Engelhardt hörte nur zu, stellte keine Fragen, nichts.Ich war kaum zu Hause, da hielt ein russischer Kleinwagen, Typ Saporoshez, auf der Straße. Engelhardt stieg aus. Er ist erst einmal ganz neugierig durch unsere Wohnung gelaufen, es war der erste WBS-70-Block in Neubrandenburg, er sagte, das ist ja interessant, ich habe diesen Wohnungstyp noch nie von innen gesehen, kommen Sie damit zurande? Ich wartete darauf, dass er sagt, weswegen er gekommen ist. Er ist auf den Balkon getreten und hat sich die Landschaft angeguckt. Dann sagte er: Ich brauche noch einen Mitarbeiter in Berlin.Engelhardt, das war der Vorschlag von Fritz Cremer. Er war der Vorsitzende der Kunstkommission für den Palast der Republik. Cremer war Bildhauer, Akademiemitglied und Widerstandskämpfer, er war ein Staatskünstler, eine Instanz. Er sagte, hinten, zur Spreeseite, kommt eine Große Liegende aus Stein, die macht Wieland Förster (sie ist nie fertig geworden). Vorn, gegenüber der Palastfassade, steht ein Marx-Engels-Denkmal, und das macht Ludwig Engelhardt. Honecker hatte natürlich erwartet, dass Cremer das Marx-Engels-Denkmal selber ausführt, aber Cremer hatte Respekt vor dem, was ein anderer besser konnte. Seine Bildvorstellungen waren immer realistisch-allegorisch, während Engelhardt sehr präzise im Porträt bleiben konnte, was bei einem Denkmal für Marx und Engels unabdingbar schien.Es gab nicht sehr viele Arbeiten von Engelhardt, einige Porträts, einen barfüßigen Arbeiter mit einem Buch in der Hand, der fragend in den Himmel blickt. 1970 sollte Engelhardt für ein Dorf in der Nähe von Wismar ein Bodenreform-Denkmal gestalten. Er hatte sich als Modell eine konkrete Familie gesucht. Die Figuren waren fertig, es gab eine Übergabe an die Gemeinde, die waren erschrocken. Die kleine Gruppe - ein richtiges Menschendrama. Bauer, Bäuerin, Kind, die jetzt plötzlich eine geschichtliche Rolle innehaben sollten, aber aus den Figuren kann man gar nicht erahnen, ob sie dieser Rolle gerecht werden. Die Gemeinde lagerte die Figuren im LPG-Gewächshaus ein.Anfang Januar 1974, Engelhardt war auf dem Weg zu seinem Atelier auf Usedom, trafen wir uns in einer Gaststätte in Neubrandenburg. Ich fragte: Was soll ich denn machen in Berlin? Er sagte, er brauche jemanden, der all das, was zu tun sein wird, im Sinne eines Produktionsleiters zusammenhält, und es gebe wissenschaftliche Arbeit, für die ich auch da sein könne. In kurzer Zeit war in seinem Kopf schon eine ziemlich konkrete Vorstellung entstanden. Er nahm einen Bierdeckel und zog einen Kreis auf dem Schreibblock, die Grundform für das Denkmal als ein Ensemble mit vier Kunstobjekten. In der Mitte Marx und Engels.Für Engelhardt waren die beiden Figuren bedeutende Wissenschaftler, die die Weltwirtschaft analysiert und eine Weltbewegung angestoßen hatten, ohne sich als deren Initiatoren zu denken. Das passiert sowieso, auch ohne uns, hatte Marx im Kapital mitgeteilt. Marx und Engels waren für ihn weder Symbolfiguren für eine deutsche Entwicklung, noch die Gründungsväter der DDR. Die Figuren sollten anderthalbfache Lebensgröße haben, die Beziehung zu den bekannten historischen Figuren der Berliner Mitte sollte gewahrt bleiben, Scharnhorst, Gneisenau, die Humboldts vor der Universität, Friedrich II., alle leicht überlebensgroß. Engelhardt sagte, in Berlins Mitte passt kein anderes Denkmal, das würde die Geschichtslandschaft zerreißen. Aber während die historischen Figuren auf hohen Sockeln standen, wollte er einen sehr niedrigen Sockel, nicht höher als ein Schuhkarton.Engelhardt hatte von Anfang an eine klare Konzeption. Steinskulpturen, die Sinnbild einer alten Welt sind. Bronzereliefs für das Thema Zukunft. Und Fotografien, die die Lebenswirklichkeit von Marx und Engels festhielten und bis in unsere Zeit reichen. Und er hatte klare Vorstellungen, wer mitarbeiten sollte: Die Bildhauer Werner Stötzer und Margret Middell. Die Fotoauswahl besorgten später der Fotograf Arno Fischer und der Dokumentarist Peter Voigt.Dass er zunächst nur den Auftrag für eine Konzeption hatte, beunruhigte Engelhardt nicht. Lapidar erklärte er, dass es sinnvoll sei, den Auftraggeber zur Bestätigung jedes einzelnen Schrittes zu bewegen: Konzeption, Entwurf, Werk. Bei Nichtübereinstimmung könne man sich auch wieder freundlich trennen.Die Arbeit an dem großen Staatsauftrag nahm in einem leeren Gemüseladen in Prenzlauer Berg ihren Anfang, im Atelier des Bildhauers Norbert Blum. Hier entstand auf einer tischgroßen Holzplatte das erste Modell.Im Hinterhaus mietete ich eine heruntergekommene Einzimmerwohnung, deren einzige Heizquelle der hundertjährige Kochherd in der Küche war. Im Gebrauchtwarenladen kaufte ich eine alte Schreibmaschine der Marke Mercedes. Mein Telefon stand auf der Straße, in der Zelle Ecke Marienburger Straße/Prenzlauer Allee. Ich ließ Briefbögen drucken:Vorhaben Marx-Engels-DenkmalIm Auftrag des Ministers für KulturArbeitsgruppe Engelhardt.Diese Briefbögen öffneten jedes Vorzimmer, ich wurde der Hochstapler vom Dienst.Engelhardt wollte das Denkmal nicht mitten auf den Platz stellen, sondern abgerückt, neben die Schlossfreiheit, ungefähr zwischen die sich verabschiedende temporäre Kunsthalle und die Französische Straße. Die Blickrichtung der Figuren zum Palast der Republik, die Rücken zum Kupfergraben. Terrassen und Treppen sollten hinunter zum Wasser führen.Der Platz war damals eine Parkplatzeinöde. Ein Marx-Engels-Denkmal in einer Autowüste? Das geht doch nicht, wir müssen die Autos unter die Erde bringen. Kühn entwarf der Architekt der Arbeitsgruppe, Peter Flierl, den Plan für eine Tiefgarage, es sollte die erste große Tiefgarage im Zentrum Ostberlins werden. Nun war der Platz in unserer Vorstellung freigeräumt.Da zeigte sich eine weitere Malaise: der Lustgarten. Er existierte noch in der Form, wie ihn die SA 1934 als Aufmarschplatz zugerichtet hatte. Eine unmögliche Nachbarschaft. Wir schlugen vor, den Lustgarten in der Schinkelschen Form wiederherzustellen, und mit Schwung führte Engelhardt das Thema Lustgarten weiter, am Ufer entlang, als grüne Rahmung des Denkmal-Ensembles, bis zum Staatsratsgebäude. Im Prinzip war das der klassische Berliner Platz, mit kleiner Bepflanzung, ungarische Lichtlinden, helles Grün.Die Gesamtplanung für den Platz war fertig, die Zustimmung schien allgemein, da teilte der Architekt des Palasts mit, die Strecke vor dem Palast müsse frei bleiben, sie solle als Paradestrecke genutzt werden. Vor die Palastfront hatte man eine Tribüne gesetzt, über dieser sollte in voller Fassadenhöhe ein roter Riesenstern aus eloxiertem Aluminium prangen, ein anderer Bildhauer war damit beauftragt worden. Sollten Marx und Engels ihre Blicke hinauf zu diesem roten Stern richten? Eine peinliche Vorstellung. Noch dazu, dass Panzer vor dem Denkmal vorbeirollten. Was tun? Wir mussten nachweisen, dass eine Tribüne an der Palastfront ihren Zweck nicht erfüllt. Sie stand genau in der Hauptwindrichtung, wenn die Panzerkolonnen vorbeidonnerten, würden die hochgestellten Persönlichkeiten an den Abgasen ersticken. Wir gingen taktisch vor: Zunächst planten wir die Paradestrecke wie gewünscht, dann schrieben wir dem Generaloberst Kessler einen Brief, baten, zur Überprüfung unserer Planung eine realitätsnahe Probe durchzuführen. Eines nachts bogen wohl 20 Panzer und 40 große Raketenschleppfahrzeuge, ohne Raketen, von der Breiten Straße her auf den Marx-Engels-Platz ein. Auf der Tribüne standen ein Protokolloberst des Verteidigungsministeriums mit einigen Adjutanten und der Berliner Generalbaudirektor Gißke. Wir hatten den richtigen Wind. Schon nach drei Minuten lief ein Offizier weg. Nach fünf Minuten war keiner mehr oben. Die Tribüne hatte sich erledigt. Und der rote Riesenstern auch.Nun haben wir gedacht, es ist alles in Ordnung, jetzt wird gebaut. Zumal kurz zuvor, es war 1978, das Denkmal samt Grünplanung mit Lustgarten in den Staatsplan aufgenommen worden war. Allerdings ohne Tiefgarage. Die Rohstoffkrise zeichnete sich ab. Unser Plan erschütterte das Wohnungsbauprogramm, die Betonmenge für die Tiefgarage entsprach den Fundamenten für fünf große Wohnblöcke in Marzahn. Der Generaldirektor des Tiefbaukombinates benutzte das Wort Sabotage. Er befand sich damit in tiefstem Einverständnis mit dem damaligen Berliner Bezirkschef der SED, Konrad Naumann. Der war voller Groll gegen das ganze Denkmal, weil es über seinen Kopf hinweg beschlossen worden war.An einem trüben Vormittag im Frühjahr 1978 fuhr ein dunkelblauer Volvo die unbefestigte Schotterdorfstraße von Gummlin hinab zum Haff und parkte vor der Toreinfahrt von Engelhardt. Auf der Rückbank Erich Honecker und Kurt Hager, der im Politbüro für die Kultur verantwortlich war. Sie kamen ohne Blaulicht, ohne Begleitfahrzeuge. Später erfuhren wir von einem Traktoristen, dass die Fahrzeugkolonne im Nachbardorf Stolpe auf dem Dorfanger zurückgeblieben war. Ehe der Fahrer die Tür öffnen konnte, waren die beiden Männer ausgestiegen.Engelhardt wurde mit Herr angesprochen, "Guten Tag, Herr Engelhardt". Frau Engelhardt reichte Kaffee. Dann ging es auf die Wiese, hier waren die Figuren und die ganze Denkmalanlage im Maßstab 1:1 in Gips und Pappe aufgebaut. Bauer Bünzow trieb noch schnell seine Kühe aus der Modellfläche. Pass auf, Erich, tritt nicht in die Scheiße, rief Hager. Honecker schaffte gerade noch einen Ausfallschritt.Es kam die Frage auf, warum Marx sitzt und Engels steht. Engelhardt verwies auf das Recht des Königs, auf dem Thron zu sitzen. Honecker war verunsichert, denn diese Art von Denkmal mit zwei stummen, gestiklosen älteren Herren, die Weltrevolutionäre sein sollten, machte es ihm nicht leicht. Er gab sich aber Mühe, es zu verstehen. Auch weil ihm Fritz Cremer und Konrad Wolf, der Präsident der Akademie der Künste, immer wieder versichert hatten, dass das Denkmal gut und richtig sei. Zufällig kam Konrad Wolf über die Wiese. Er besuchte Engelhardt öfter, wenn er in der Nähe war. Als wir mitteilten, dass die Edelstahlstelen mit den eingebrannten Fotografien eine Weltneuheit sein würden, nickte Honecker zufrieden. Eine Weltneuheit aus der DDR war eine gute Sache. Zum Mittagessen setzten wir uns alle an einen Tisch, Frau Engelhardt hatte Hühnerfrikassee vorbereitet.Zwei Wochen später besuchte Konrad Naumann Ludwig Engelhardt. Diesmal hatte Frau Engelhardt Rinderroulade geschmort. Wir hatten noch nicht aufgegessen, da fuhr ein kleiner Transporter auf den Hof, zwei Köche marschierten ohne anzuklopfen ins Zimmer und tischten einen zweiten Gang auf, mit Desserts, Weinen und Schnäpsen. Wenn man zu Freunden fährt, sagte Naumann mit großer Geste und goss sich Wodka in den Rotwein.Der Rundgang auf der Wiese zuvor war nach einer Viertelstunde beendet - ohne eine Frage. Die Figuren gefielen Naumann überhaupt nicht. Er fand sie zu klein und ohne revolutionäres Pathos. Ihm schwebte etwas Großes vor, das der sowjetischen Kunst ebenbürtig gewesen wäre.1981 hätte das Denkmal vor dem Palast mit Grünanlagen und Lustgarten fertig sein müssen, aber von Bauarbeiten war weit und breit nichts zu sehen. Schon längere Zeit sprach keiner mehr mit uns.Kurt Hager hatte verlangt, die Fotodokumente für die Edelstahlstelen zu sehen und dann länger als ein Jahr geschwiegen. Dann gab ein Unterabteilungsleiter uns zu verstehen, es sollte doch ein lebender Politiker bei den Fotos sein. Das bedeutete, bringt Honecker auf die Stelen. Danach konnten wir mit dem Einbrennen beginnen. Es war das einzige Zugeständnis in der gesamten Arbeit. 1990 bohrte jemand dem Honecker-Foto ein Loch in die Stirn. Aber das ist eine andere Geschichte.Wir gingen betteln auf hohem Niveau. Nach Gummlin kam der Winter, Engelhardts Figuren auf der Wiese brauchten eine Überdachung. Es sollte zu dieser Zeit gerade die Tomatenproduktion in der DDR gesteigert werden, also stieg auch die Gewächshausproduktion an. Beim Leiter der Staatlichen Plankommission hatte ich Materialfreigabescheine beantragt, immer, wenn wir irgendetwas brauchten, stand ich mit dem Stempel vor der Tür eines Betriebes. Aber jeder Meter Profilstahl war verplant, mit dem Gewächshaus ließen sie uns warten, bis genügend Ausschussteile produziert worden waren.Die Armee stand stramm vor Marx-Engels und dem Schein. Eine kleine Offiziersdelegation im Hauptstab der Luftstreitkräfte in Strausberg begleitete uns zum Schrottplatz, um den beiden großen deutschen Denkern vier ausrangierte Bugräder des Jagdflugzeugs Mig 15 zu spendieren, die wir für Engelhardts fahrbare Arbeitsbühne benötigten. Anschließend gab es Bockwurst mit Kartoffelsalat.Nur die Meißener Porzellanmanufaktur verweigerte sich Marx und Engels. Keinen Krümel des rotbraunen Böttgerzeugs, das Engelhardt für Porträtstudien brauchte, gaben sie ab.Am Ende, 1983, wurde noch ein besonderer Bittgang nötig. Engelhardts Figuren waren fertig, sie hätten gegossen werden können, aber alle verfügbare Kunstgussbronze war für das Thälmann-Denkmal in Prenzlauer Berg reserviert, das der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel gestaltete. Hundert Tonnen für den Rohguss - das war die Bronze für drei Jahre. Kerbel modellierte damals gleich vor Ort, in einer großen Einhausung auf dem Gelände des abgerissenen Gaswerkes. Ich ging zu ihm, ich kannte die durchschnittliche Wandstärke der russischen Großplastiken, sie lag bei 8 bis 15 Millimeter. Wenn er nur durchschnittlich ein bis zwei Millimeter dünner gießen würde, könnte er zehn Prozent seiner Bronze einsparen - etwa zehn Tonnen, die für den Guss von Marx und Engels reichten. Kerbel war Kollege und nach einer Viertelstunde mit Tee im Stehen war die Sache abgemacht - ohne jegliche Zeile eines Vertrages.Zwei Jahre zuvor, 1981, war der Öffentlichkeit der Auftrag für das Thälmann-Denkmal an Lew Kerbel mit großer Medienbegleitung präsentiert worden. Bei uns hatte da schon seit zwei Jahren Funkstille geherrscht.In der letzten Woche vor Weihnachten 1981 wurden Ludwig Engelhardt und ich für den späten Freitagnachmittag zum Stellvertreter des Kulturministers geladen. In seinem Zimmer standen der Generalbaudirektor Gißke und eine Architektin aus seinem Haus. Gißke zog zwei Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem Briefkuvert, Postkartengröße. Schräg gelegte Fahnen, ein Arrangement wie auf den Parteitagsbühnen der SED. Ohne Marmorrelief, ohne die Stahlstelen. Und davor, auf einem drei Meter hohen Sockel, standen Engelhardts Figuren. Ein Gegenentwurf. Uns war sofort klar, aus welcher Ecke das kommt. Schweigen. Engelhardt bat darum, den richtigen Kulturminister zu sprechen, allein.Der Minister kam. Steife Begrüßung, dann ging er mit Engelhardt hinüber in sein großes Büro. Sie sprachen eine halbe Stunde, dann schlug uns der Minister vor, in die Rathauskantine zu gehen, er müsse jetzt gewiss längere Zeit telefonieren. Wir warteten lieber. Nach einer Stunde war der Minister wieder da. Schwer atmend sagte er: Eure Sachen können bleiben, wenn ihr eine Lösung findet, sie hinter dem Palast aufzustellen, auf der Wiese. Einen Monat habt ihr Zeit für den Plan.Wir verließen das Ministerium und gingen zu der Wiese hinüber. Im Palast der Republik brannten alle Lampen. Ich fragte Engelhardt, wie er dem Minister diese neue Chance abgetrotzt hat, nachdem schon alles entschieden war. Er könne nicht mehr garantieren, dass nach Entzug des Auftrages alle aus unserer Künstlergruppe weiterhin die DDR als ihr gewähltes Land erkennen würden, hatte Engelhardt gesagt. Drei Jahre nach der Ausweisung Biermanns hatte dieser Satz noch Wirkung.1986 wurde das Denkmal eingeweiht. Als das erste Laub fiel, besuchte das Ehepaar Gorbatschow Marx und Engels. Privat, ohne Begleitung von DDR-Genossen. Gorbatschow lobte Engelhardt, das Denkmal sei sehr deutsch, sagte er.In den verbleibenden drei Jahren bis zum Ende der DDR fanden am Marx-Engels-Denkmal keinerlei Gelöbnisse, Ehrungen oder andere offizielle Feierlichkeiten von Partei und Staat statt, sie hielten Thälmann und Lenin für besser geeignet. Das Denkmal war seinen Auftraggebern fremd geblieben.-----------------------Ludwig Engelhardt hat die Umsetzung seines Denkmals nicht mehr erlebt, er starb 2001. Amneuen Standort sind Marx und Engels um 180 Grad gedreht, sie blicken nach Westen, Richtung Manchester, für mindestens sieben Jahre. Der neue Platz ist schön.Friedrich Nostitz ist Kunstwissenschaftler. Von 1974 bis 1986 war er wissenschaftlich-technischer Leiter der Arbeitsgruppe Engelhardt und Gestalter der Stelenkörper. Zusammen mit dem Architekten Peter Flierl plante er in diesem Jahr die Umsetzung des Marx-Engels-Denkmals.------------------------------Honecker war verunsichert, denn diese Art von Denkmal mit zwei stummen, gestiklosen älteren Herren, die Weltrevolutionäre sein sollten, machte es ihm nicht leicht.1986 wurde das Denkmal eingeweiht. Als das erste Laub fiel, besuchte das Ehepaar Gorbatschow Marx und Engels. Das Denkmal gefiel Gorbatschow. Es sei sehr deutsch, sagte er.Foto: Das Marx-Engels-Denkmal heute. Hier rückt Marx ein paar Meter weiter, weil die BVG den Platz für den Bau des U-Bahn-Tunnels vom Rathaus zum Brandenburger Tor braucht.Foto: Bildhauer Ludwig Engelhardt (rechts) und Projektleiter Friedrich Nostitz neben der liegenden Engels-Figur im Frühjahr 1986, als das Denkmal aufgestellt wurde. Nach 13 Jahren Entstehungszeit.