Asaf Pekdeger ist ein ungewöhnlicher Mann. In vielerlei Hinsicht: Es gibt in Deutschland wenig türkischstämmige Professoren, schon gar nicht im Fach Geologie. Hinzu kommt, dass er zwar als erster seiner Familie aus der Türkei in die Bundesrepublik eingewandert ist, dass aber andererseits seine Familie jetzt in der vierten Generation in Deutschland ist. "Schon mein Urgroßvater hat in Berlin als Arzt gearbeitet", erzählt der kräftige Mann in seinem geräumigen Büro auf dem geowissenschaftlichen Campus der Freien Universität in Berlin-Lankwitz. Sowohl seine Großmutter als auch seine Mutter seien vorübergehend in Deutschland tätig gewesen. Alle sind jedoch in die Türkei zurückgekehrt. Nur Asaf ist hier "hängen geblieben", nach dem Studium der Geologie in Kiel in den siebziger Jahren. Hat eine Deutsche geheiratet, seine Kinder wuchsen hier auf. Seit gut zehn Jahren hat der 51-Jährige einen deutschen Pass. Pekdeger sieht seine Einbürgerung pragmatisch: "Geologen müssen viel reisen, und als türkischer Staatsbürger in Deutschland musste ich für Visa immer nach Bonn." Außerdem habe er zum Zeitpunkt der Einbürgerung schon rund zwanzig Jahre lang seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland gehabt. "Eher wäre zu fragen, warum es so lange gedauert hat, bis ich den deutschen Pass beantragt habe", sagt Pekdeger und liefert gleich die Antwort: "Ich habe gewartet, bis der Wehrdienst in der Türkei verkürzt wurde." Wer als Türke auswandert, muss zuvor seinen Wehrdienst ableisten.Spezialist für GrundwasserDrei- oder viermal pro Jahr reist Pekdeger in die Türkei, manchmal als Urlauber, meist aber, um dort zu arbeiten. Sein Spezialgebiet ist die Hydrogeologie, er erforscht das Wasser im Untergrund. Der Fachbereich an der Freien Universität, an dem Pekdeger forscht, heißt Rohstoff- und Umweltgeologie.Der Name ist sehr passend: Wasser ist Rohstoff, etwa für industrielle Produktionsprozesse, aber auch als Energielieferant, wenn es heiß aus dem Untergrund kommt. Und sauberes Wasser wird vor allem in ärmeren Ländern immer knapper, denn die Umweltverschmutzung betrifft viele Gewässer und zunehmend auch Grundwasser führende Bodenschichten. Pekdeger und seine Mitarbeiter auf dem FU-Campus in Lankwitz beschäftigen sich hauptsächlich mit der Qualität des Grundwassers. Dazu finden auch in Berlin viele Untersuchungen statt. Denn die deutsche Hauptstadt deckt ihren Wasserbedarf zu hundert Prozent aus dem Untergrund.Berlin ist auch die Stadt in Deutschland, in der die meisten Türken wohnen. Hat das eine Rolle gespielt für die Entscheidung Asaf Pekdegers, hierher zu kommen? "Nein, überhaupt nicht. Es war eher ein Zufall, dass ich von meiner Assistentenstelle in Kiel, wo ich promoviert hatte, an die Freie Universität berufen wurde", sagt der Professor und klopft seine Pfeife aus. Zwar bezeichnet er Berlin als seine Lieblingsstadt in Deutschland, aber das hat mit dem großen kulturellen Angebot für Türken wenig zu tun. Pekdeger hat nämlich selten Zeit, es zu nutzen. Er fügt hinzu: "Im Berliner Alltag spielt meine Herkunft für mich so gut wie keine Rolle."Allenfalls seine Zusammenarbeit mit der Universität in Izmir führt dazu, dass der eine oder andere türkische Student oder Doktorand an die Freie Universität Berlin kommt. Aber Geologie ist kein begehrtes Fach in der Türkei - noch weniger als in Deutschland. "In meiner Heimat interessiert man sich eher für das Ingenieurswesen und andere angewandte Wissenschaften." Auch in dieser Hinsicht ist Pekdegers Karriere ungewöhnlich. Wäre es nach der Familientradition gegangen, so hätte er Arzt werden müssen wie sein Vater und sein Urgroßvater. Oder Diplomat, wie sein Großvater. Doch ihn faszinierte die Geologie schon als Kind. Das hing indirekt mit der Diplomatie zusammen. Denn Ende der fünfziger Jahre war seine Mutter Übersetzerin bei der deutschen Botschaft. Und zahlreiche deutsche Archäologen und Geologen, die in der Türkei arbeiten wollten, mussten sich über die Botschaft Genehmigungen besorgen. So fanden viele von den Wissenschaftlern auch den Weg in das Haus der Pekdegers. "Eigentlich wollte ich lieber Archäologe werden", erzählt Pekdeger, "aber dazu hätte ich alte Sprachen studieren müssen." Das war dem Pragmatiker, der bereits Englisch und Französisch in der Schule gelernt hatte, doch zu umständlich. Ganz praktische Gründe waren es auch, die ihn dann in die Bundesrepublik geführt haben und nicht etwa in ein englischsprachiges Land. "Ich konnte zwar kein Deutsch, aber meine Mutter bezog ihr Gehalt aus der Bundesrepublik, und da war es einfacher, dorthin zum Studieren zu gehen", sagt Pekdeger. So kam er 1970 nach Kiel.War vieles neu für ihn damals? "Überhaupt nicht", erinnert er sich. Er wuchs in einem international geprägten Umfeld auf. So ist Pekdeger ganz anders als die meisten der türkischen Immigranten. Auch dachte er zunächst nicht ans Hierbleiben. Der Geologe schildert seine Pläne zu jener Zeit trocken: "Ich studier , und dann geh ich nach Afrika."Aus Afrika ist nun Lankwitz geworden, aber unzufrieden wirkt Asaf Pekdeger nicht, wie er da sitzt, sich zurücklehnt, abwechselnd Pfeife und Zigaretten raucht, und von seiner Arbeit erzählt. Heimweh plagt ihn offenbar auch nicht. Zum einen ist er oft in der Türkei, zum anderen kennt er sich mittlerweile in Deutschland besser aus als dort. Dieses Leben in zwei Kulturen erlaubt ihm einen besonderen Blick auf sein Heimatland. Nach dem Islam dort gefragt, sagt er: "Wenn ich auf dem Land arbeite, erlebe ich den traditionellen Islam als sehr angenehm, die Leute sind gastfreundlich." Radikalere Strömungen begegneten einem eher in den ärmeren Vierteln der Großstädte. Er hält den Fundamentalismus dort für "eine latente Gefahr". Von sich selbst sagt er, er sei an Religionen interessiert, er sei aber nicht religiös.Sein Leben in zwei Kulturen schärft auch den Blick auf die Situation der in Berlin lebenden Türken. Dabei wundert er sich vor allem über die hohe Anzahl der Schul- und Studienabbrecher. Zwar sind es vorwiegend die Kinder und Enkel der "bildungsfernen Schichten" - der armen Leute aus Anatolien, die hierher kamen. Aber: "Selbst wenn eine Familie arm ist in der Türkei, wird sie alles versuchen, dem Kind eine gute Ausbildung zu finanzieren - und darauf achten, dass die Kinder den Abschluss schaffen." Im kulturellen LochPekdeger erklärt sich das häufige Desinteresse der hiesigen Türken an Bildung mit einem "kulturellen Loch". Damit meint er nicht etwa, dass die Einwanderer und ihre Kindeskinder sich nicht zwischen zwei Kulturen entscheiden können. "Vielfach ist da gar keine Kultur mehr." Ein Loch eben. Die einzige Lösung für ihn heißt Integration: "Wenn ich hier lebe, muss ich die deutsche Kultur akzeptieren." Als Leitkultur? "Wenn dieser Begriff so verstanden wird, als sei die deutsche Kultur die einzig wahre, dann mag ich das Wort nicht", sagt Pekdeger. "Wenn es aber heißt, dass ich mich der Lebensweise und den Werten hier anpasse, dann bin ich damit einverstanden." Bei Asaf Pekdeger ist die Integration unverkennbar. Er spricht perfekt Deutsch, fast ohne Akzent, sein Büro verrät nichts über seine Herkunft. Fast nichts: "Das einzig Türkische ist der Kelim da", sagt Pekdeger und deutet auf den kleinen Teppich am Boden. Er will nicht auf Dauer in sein Geburtsland zurückkehren, auch nicht nach der Pensionierung. Dann will er noch mal studieren, und zwar Archäologie.Asaf Pekdeger // Asaf Pekdeger wurde 1950 in Mersin an der türkischen Mittelmeerküste geboren. Er wuchs in Ankara auf. Die Mutter war Übersetzerin, der Vater Arzt.1970 kam Pekdeger nach Kiel, wo er Geologie studierte und nach seiner Promotion als Assistent arbeitete. 1987 wurde er an die Freie Universität Berlin berufen. (jz. )BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Asaf Pekdeger ist Hydrogeologe an der Freien Universität. Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich unter anderem mit Grundwasseruntersuchungen.