Hamburg, herrliche Stadt an der Elbe! Doch die Hamburger Kultur hat zuletzt nur für Negativschlagzeilen gesorgt. Museen werden geschlossen, Theater kaputtgespart, ein außer Rand und Band geratener Kultursenator beschränkt sich auf die Pflege des Polizeiorchesters. Doch es gibt einen letzten lebendigen Kultur-Ort von überregionaler Bedeutung in der Stadt: den Golden Pudel Club am Elbufer unter der Reeperbahn, dieses einmalige Gesamtkunstwerk aus Theater-Bühne, Rave-Schuppen und Diskurs-Tempel. Vor 21 Jahren wurde er von Schorsch Kamerun und Rocko Schamoni gegründet. Zu diesem runden Jubiläum ist nicht nur eine große Festgala geplant; eine Doppel-CD ("Operation Pudel 2010") versammelt die bekanntesten Künstler aus dem Pudel-Umfeld wie Die Goldenen Zitronen, Eule & Daddel, Harald Sack Ziegler und Augsburger Tafelconfect. Aus diesem Anlass sprachen wir in Hamburg mit Schorsch Kamerun - auch als Sänger der Goldenen Zitronen und Theaterregisseur von landesweiter Bedeutung -, den Geschäftsführern Charlotte Knothe und Viktor Marek sowie dem Programmleiter des Hauses, Ralf Köster. Der zweite Clubbesitzer, Rocko Schamoni, hatte sich auf der Fahrt zu seinem Club zwischen den zahlreichen neu gebauten Luxuswohnungen an der Elbe verlaufen und kam erst zum Foto-Termin dazu.21 Jahre Pudel Club, das ist unser Thema. Da erhebt sich zunächst die Frage: Was ist eigentlich aus Doktor Schnabel geworden?SCHORSCH KAMERUN: Sie können sich an Doktor Schnabel erinnern?Ich weiß noch, wie ich um das Jahr 1994 herum in meiner damaligen Hamburger Stammkneipe, dem Heinz Karmers Tanzkaffee, saß, und jemand Flugblätter verteilte: Kommt zur Eröffnung des Golden Pudel Club heute Abend, sonst trifft Euch ein alter ägyptischer Fluch. Gezeichnet: Doktor Schnabel!KAMERUN: Ja, Doktor Schnabel, das waren Rocko Schamoni und ich zusammen, eine Performance-Figur. Die Idee war: Große Vorbereitung und nichts dahinter; einfach ein leeres Versprechen. Kulturpolitisch arbeitet man ja immer so: Man gibt ein Riesenversprechen ab, und das war's dann im wesentlichen auch. Wie heute bei der Elbphilharmonie. Das haben wir damals mit Doktor Schnabel antizipiert, ich hab mich auf eine Bühne gestellt und eine halbe Stunde gerufen: Gleich kommt Doktor Schnabel! Lakaien mit Fistelstimmen krochen im Saal herum und wimmerten: Doktor Schnabel, er wird kommen! Dann stürmte Rocko zur Tür herein und rief: Ich bin Doktor Schnabel! Lief wieder raus. Und das war's. Viel Ankündigung, wenig Programm. Das Programm war die Ankündigung.Der Golden Pudel Club, der 1994 von Doktor Schnabel eröffnet wurde, war aber schon der zweite Pudel...KAMERUN: ... nein, der dritte. Den ersten haben wir 1989 in einer Seitenstraße der Reeperbahn aufgemacht ...... damals noch wildes Gelände ...KAMERUN: Ach, immer diese Verklärungen. Das war halt Rotlichtbezirk. Aber natürlich: Die Subkultur mit ihren festen, etablierten Standorten, wie es sie heute auf St. Pauli und im Schanzenviertel gibt, die war da noch nicht vorhanden.RALF KÖSTER: Das war ja vor allem ein pleite gegangenes Rotlichtviertel! Ende der Achtziger, wegen dieser ganzen Aids-Hysterie, wollte niemand mehr in die Bordelle, und auch die Peepshows funktionierten nicht mehr; man konnte an jeder Ecke für wenig Geld eine bankrotte Rotlichtbar anmieten und einen Club daraus machen. Es gab riesige Altbauwohnungen für 150 Mark, nur halt mit Ofenheizung und verschimmelten Wänden.KAMERUN: Dafür konnte man im Ex-Puff untendrunter noch Platten auflegen, ohne Miete und Gema-Gebühr zu bezahlen.War also alles wie in Ost-Berlin damals. Nur mit mehr Puffs.KAMERUN: Es war jedenfalls offenes Gelände; es gab zentrale Stadtviertel, die völlig runtergewirtschaftet waren, wo man überall einfach so rein konnte und irgendetwas aufmachen. Der zweite Pudel Club lag im Schanzenviertel neben dem Schlachthof, das war ein Raum, für den wir einfach so den Schlüssel bekommen hatten: Rocko wollte da am Anfang eigentlich nur sein Fahrrad abstellen.KÖSTER: Da haben wir dann Country-Techno-Partys gefeiert. Country mit Techno gemixt, und das auch noch total schlecht.KAMERUN: Sehr beliebt waren auch die Dia-Vortrags-Abende, die Jacques Palminger veranstaltete; eine Idee, die er damals aus Berlin mitgebracht hatte.1994 zog der Pudel Club dann an seinen heutigen Ort ...KÖSTER: ... ja, da war vorher schon eine Kneipe drin, "Zur Hafentreppe", die hatte nur sonntags zwischen 4 und 12 Uhr morgens geöffnet, für die Gäste des Fischmarkts.KAMERUN: Und davor bewohnte ein Schmugglerknast diese Räume.KÖSTER: Die ganze Gegend war absolutes Niemandsland, nur Ruinen. Von den Landungsbrücken bis Neumühlen gab es nur diesen toten Hafen, der nicht mehr benutzt wurde. Wenn nicht gerade Fischmarkt war, traf man hier keine Menschenseele.Wenn man als Hamburger 15 Jahre nicht hier war und jetzt auf St. Pauli herumläuft, kommt man sich vor wie der alte Ost-Berliner, der nach 15 Jahren in den Prenzlauer Berg zurückkehrt: Man erkennt nichts mehr wieder, und es laufen nur komische Leute herum. Viele sind schwanger. War der Pudel Club der Vorbote dieser Gentrifizierung? Fühlen Sie sich schuldig?KAMERUN: Klar.KÖSTER: Ja, leider.KAMERUN: Was heißt hier leider? Das ist doch ganz normal. Die "kreative Klasse" - nur dass die damals noch nicht so hieß - zieht in irgendwelche maroden Stadtviertel ein, weil es dort so billig ist, und wird dann zum Motor für Aufwertungsprozesse. Das war in Paris so, in New York, in Berlin ...In der Regel wird die "kreative Klasse" am Ende der Gentrifizierung wieder aus den Vierteln verdrängt. Nehmen wir den Prenzlauer Berg in Berlin: der ist nach 20 Jahren kreativitätsmäßig im Arsch, der letzte Club wird gerade geschlossen. Der Pudel Club ist noch da auf St. Pauli - was haben Sie anders gemacht?KÖSTER: Wir haben uns konsequent für das Viertel eingesetzt, in Nachbarschaftsinitiativen engagiert. Als der Hafenrand bebaut werden sollte, haben wir das Projekt "Park Fiction" mitbegründet: ein nachbarschaftlich bestimmter Park, oberhalb vom Pudel Club. Hätten wir mit den Anwohnern nicht diese Freifläche beschützt, würde es uns heute nicht mehr geben.CHARLOTTE KNOTHE: Der Preis ist: Wir mussten unser Klo auch für die Parkbenutzer öffnen, deswegen gibt es zwei Eingangstüren.KÖSTER: Ja, wenn morgens aufgeschlossen wird, stehen die Obdachlosen schon vor der Hütte und rufen: Mach auf, wir müssen aufs Klo.VIKTOR MAREK: Aber wir freuen uns, dass wir auf diese Weise ins Viertel eingebunden sind.KAMERUN: Scheiße pflegen für St. Pauli.Wenn es um den Kampf gegen Gentrifizierung geht, wurde Hamburg in Berlin zuletzt als leuchtendes Vorbild gepriesen: wegen dieser erstaunlichen Allianz zwischen der linken Subkultur und dem Bürgertum beim Kampf ums Gängeviertel.KÖSTER: Das war eine Ausnahme. Beim Gängeviertel ging es ja darum, etwas zu erhalten, das verstehen die Konservativen auch. Schöne alte Gebäude. Und dann noch von jungen Leuten beschützt, die keine Randale machen: Für die Springer-Presse war das doch der Idealfall.Auf der anderen Seite leistet sich keine andere deutsche Stadt zur Zeit eine derart verheerende Kulturpolitik wie Hamburg: Das Altonaer Museum wird geschlossen, Schauspielhaus und Thalia Theater sollten zwischenzeitig sogar schon zusammengelegt werden. Vom Pudel Club wurde zur Rettung des Schauspielhauses ein Flash Mob mitinitiiert; Rocko Schamoni und Jacques Palminger zogen, als Militärkapelle verkleidet, vor die Kulturbehörde.KAMERUN: Ja, weil der neue Kultursenator bei allem kürzen will außer beim Polizeiorchester - auf Wunsch des Bürgermeisters. Ich finde das auch absolut richtig, sich fürs Schauspielhaus zu engagieren.Mich hat vor allem gewundert, wie viel junge Leute bei dieser Demonstration mit dabei waren. Wenn in Berlin jemand das Berliner Ensemble schließen wollte, würde das keine Sau interessieren, zumindest keinen aus der "kreativen Klasse".KAMERUN: Na ja, aber das Berliner Ensemble ist auch ein spezieller Fall. Wenn die Volksbühne geschlossen werden sollte, würden die Leute schon auch demonstrieren... oder nee, vielleicht inzwischen auch nicht mehr... Aber da sieht man: Das hängt immer am Intendanten, ob der was bringt und das Programm was taugt. Das Schauspielhaus hat gute Sachen gemacht und ein gutes Konzept, darum sollte man dafür kämpfen. Es sagt ja niemand, dass man Staatstheater an und für sich schützen sollte. Es geht um den konkreten Fall.Aber warum läuft speziell die Hamburger Kulturpolitik so daneben?KNOTHE: Na ja, das liegt natürlich daran, dass es in Hamburg immer nur Handel gab und keine Kultur. Die Leute waren schon früher total einfallslos. Ich meine: Auf den Schiffen kamen Gewürze aus aller Welt, und was wurde gekocht? Labskaus. Da sieht man doch schon das ganze Problem. Das ist in München zum Beispiel ganz anders, da gibt es eine ganz andere Haltung zur Kultur.KAMERUN: Aus dieser kulturellen Notlage heraus haben wir in Hamburg aber auch eine viel schärfere Opposition hingekriegt. Ich war jetzt länger in München, und da muss man sagen: Die Kammerspiele sind der coolste Ort in der ganzen Stadt. Ein Stadttheater als coolster Ort! Das ist natürlich schon ein ziemliches Armutszeugnis.In München gibt es aber auch keine Clubs, oder?KAMERUN: Na ja, klar gibt's die, in München gibt es alles. Aber eben ohne Haltung. Da ist alles irgendwie durchgesetzt und fertig, da gibt es keine Lücken.Alle anderen Hamburger Popkulturschaffenden sind derweil nach Berlin gezogen. Nur Sie nicht. Wieso?KNOTHE: Wir haben halt noch unser Häuschen in Hamburg. Wenn das mal weg ist, kommen wir auch.Das Gespräch führte Jens Balzer.------------------------------"Die Idee war: Große Vorbereitung und nichts dahinter, einfach ein leeres Versprechen. Kulturpolitisch arbeitet man ja immer so." Schorsch KamerunFoto: Viktor Marek, Rocko Schamoni, Schorsch Kamerun, Ralf Köster und Charlotte Knothe (v. l.) vorm Golden Pudel Club.

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