Schottland Referendum: Vom Basislager auf den Gipfel

Perth - Vor der Halle feierten am Sonnabend Nachmittag rund 200 Begeisterte mit schottischen Fahnen den langjährigen Nationalistenführer Alex Salmond, der nach insgesamt 20 Jahren als Parteivorsitzender die Führung seiner SNP abgegeben hat. „Danke, Alex“, skandierten seine Anhänger. Auch im Konzertsaal von Perth, dem Schauplatz des diesjährigen Parteitags der Nationalpartei, gab es stehende Ovationen für Salmond, den Noch-Regierungschef. Doch die Bühne gehörte an diesem Tag vor allem seiner Nachfolgerin Nicola Sturgeon. Am morgigen Dienstag soll das Regionalparlament in Edinburgh die 44-Jährige dann auch zur neuen Ministerpräsidentin wählen. Die SNP regiert in Schottland mit absoluter Mehrheit.

„Die Bekämpfung der Armut sowie der Ungleichheit wird meine persönliche Mission als eure Ministerpräsidentin sein“, rief die 44-Jährige den Delegierten zu. Die Anwältin aus der Millionenstadt Glasgow hat Salmond zehn Jahre lang treu als Stellvertreterin gedient. Jetzt übernimmt Sturgeon Führungsverantwortung in einem wichtigen Regierungsamt auf den britischen Inseln. Damit ist sie die erste Frau in einer solchen Funktion seit Margaret Thatcher, die von 1979 bis 1990 britische Premierministerin war.

Die damalige Tory-Hegemonie habe den Teenager Sturgeon politisiert, erzählt sie. Bald gehörte sie zum kleinen Häuflein führender Nationalisten, war mitverantwortlich für deren Wandlung von einer ländlich geprägten Partei, die gern als „Konservative in Karo“ verspottet wurde, zu einem Bündnis sozialdemokratisch geprägter Unabhängigkeitsromantiker.

Mit dieser Modernisierung hat die SNP mit den Jahren immer mehr Stimmen geholt, dann 2007 die Regierung in Edinburgher übernommen. 2011 gewann sie sogar die absolute Mehrheit der Mandate, was im schottischen Verhältniswahlrecht als unmöglich galt.

Die klare Niederlage (45:55 Prozent) bei der Volksabstimmung über eine Unabhängigkeit Schottlands vor zwei Monaten haben die Nationalisten inzwischen zu einer Etappe auf dem Weg zum Sieg umgedeutet. „Wir sind im Basislager, der Gipfel ist in Sicht“, rief Sturgeon. „Schottland wird ein unabhängiges Land sein.“

Selbst Zyniker unter den Presseleuten in Edinburgh räumen ein, dass sich die Stimmung im Land hat, dass das Referendum eine erfrischende, dynamisierende Wirkung gehabt habe und das Interesse an Politik gestiegen ist. Das haben Salmond und Sturgeon bewirkt. Es gelang ihnen vor allem, den eher zur Melancholie neigenden Schotten neues Selbstbewusstsein zu geben.

In Perth bezeichnete Sturgeon die SNP kurzerhand als „Schottlands Partei“. Die anderen, ob Konservative, Liberale oder Labour, sind in der Rhetorik der Nationalistin „Westminster-Parteien“. Sie haben ihrer Meinung nach nicht die Interessen der Heimat im Blick, sondern ließen sich von London leiten. Deshalb sollten die Schotten bei der Unterhauswahl im kommenden Mai SNP wählen, als einige, geschlossene Nation.

Das hört sich für die Schotten gut an, und es kommt den Umfragen zufolge der Realität derzeit ziemlich nahe: Das Institut Ipsos Mori sieht die SNP aus künftigen Wahlen mit sensationellen 55 Prozent hervorgehen. Sollte sich diese Vorhersage bewahrheiten, würden die Nationalisten der Labour-Party in Schottland einen Großteil ihrer Unterhaus-Mandate abjagen. Statt wie bisher sechs säßen dann zwei oder sogar drei Dutzend SNP-Leute in Westminster.

Gegen einen Pakt mit den Tories

Sturgeon lässt schon in der Kleiderauswahl keinen Zweifel daran, gegen wen sich ihre Politik richtet: gegen die „Fortschrittsbarriere Labour“, eine Partei, die „ihre Seele verloren hat“. Im knallroten Jackett spricht die Nationalistin ausführlich über „soziale Gerechtigkeit“, rühmt die großzügige Gesundheitsversorgung, kostenlose Pflege alter Menschen und den freien Zugang zu Universitäten, mit denen Edinburgh sich vom Rest des Landes unterscheidet.

Dann stellt sie ganz pragmatisch Bedingungen für eine Duldung der Sozialdemokraten für den Fall, dass im Londoner Parlament auch in der nächsten Legislaturperiode wieder unklare Verhältnisse herrschen sollten. Hingegen komme ein Pakt mit den Konservativen nicht infrage: „Niemals wird die SNP die Torys an der Regierung halten“, sagt sie. Schottlands neue, stets eisern-lächelnde Lady will mit Thatchers Erben nichts zu tun haben. Die Delegierten dankten es ihr mit einer stehenden Ovation.