HAMBURG, 23. Oktober. Wir sind Zeugen einer "menschlichen Tragödie" und nicht etwa eines kriminellen Schurkenstücks, darin zeigen sich alle Trainer und Vereinsmanager einig, die sich am Wochenende im "Aktuellen Sportstudio" und anderswo zum Dopingfall Christoph Daum geäußert haben. Der Mann ist krank, ihm muss geholfen werden - Franz Beckenbauer gab das Stichwort, und alle haben es aufgenommen. Natürlich ist die Pathologisierung des Falles der Kriminalisierung vorzuziehen. Doch das Betroffenheitspathos von Daums Trainerkollegen ist verdächtig, weil es den Blick verstellt für die Realitäten des Profisports in den Zeiten der New Economy. Sie alle, Trainer, Spieler und Manager, sind Teil des großen Spiels.Noch ist offen, auf welche Droge Christoph Daum positiv getestet wurde. Dass er die Bodenhaftung verloren hat, spätestens nachdem er zum Bundestrainer gekürt worden war, musste jedem auffallen, der seine schrillen, adrenalinüberfluteten Auftritte verfolgt hat. Nun, nach Veröffentlichung der Testergebnisse, gilt als gesichert, dass nicht körpereigene Drogen, sondern eine Fremdsubstanz für Daums auffälliges Verhalten verantwortlich ist. Viele Indizien sprechen für Kokain, doch die Symptome, die er zeigt, unterscheiden sich nicht vom Verhalten eines Amphetaminjunkies. Ferndiagnostisch ist auch diese Möglichkeit nicht auszuschließen. Das Milieu, in dem der "Skandal" sich ereignet hat, spricht jedoch eher für Kokain, denn überall, wo schnelles Geld fließt, wo das Lohn-Leistungs-Verhältnis total aus den Fugen geraten ist, wo Spekulanten auf dem Gang zur Börse exorbitante Renditen versprechen, wo nur noch Spitzenergebnisse als Erfolg gewertet werden, da ist auch Kokain im Spiel. Diese Droge ist der Treibstoff der New Economy, sie ist überall, wo in Hochgeschwindigkeit gearbeitet wird und Akteure mit Super-Egos am Werk sind. Die Affäre um den Bayer-Trainer Christoph Daum ist nur ein weiterer Fall in einer langen Reihe von so genannten Kokainskandalen - sei es an der New-Yorker Börse, im italienischen Profi-Fußball, in der US-amerikanischen Basketball-Liga oder im internationalen Showbusiness. Normale Härte. Einmal angenommen, die Analyse der Haarprobe bestätigte den Gebrauch von Kokain, dann bleibt noch immer die Frage, wie Christoph Daum sich mit seinem freiwilligen Test so verzocken konnte. Denn mit gelegentlichem Freizeitkonsum, selbst über einen langen Zeitraum, ist Daums Verhalten nicht zu erklären. Dieses Ausmaß von Realitätsverkennung tritt nur dann auf, wenn einer wirklich schwer drauf und abhängig ist von der Droge.Der Vorschlag von HSV-Trainer Frank Pagelsdorf, jeder solle sich "an seine eigene Nase" fassen, geht deshalb an der Realität vorbei. Es ist zu vermuten, dass einer, der wie Daum agiert, sich den Stoff schon lange nicht mehr über die Nase zuführt. Wahnhafte Selbstüberschätzung, Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und seinem sozialen Umfeld, das Gefühl der Unverletzlichkeit, das alles sind Symptome, die bei Kokainkonsumenten auftreten, die den Stoff zu Brocken verarbeitet in Crackpfeifen rauchen. Konstantin Wecker und Diego Maradona hätten dazu als Sachverständige einiges beizutragen.Als Dopingfall ist die Affäre um Christoph Daum ein Pseudoskandal. Wirklich skandalös ist die Orgie von Doppelmoral, mit der die Affäre öffentlich abgefeiert wird. Wenn etwa Reiner Calmund als Manager dieser Mannschaft eines Pharmakonzerns erklärt: "Wenn er (Daum) etwas mit Drogen zu tun hat, dann kann er nicht Trainer sein." Auch Daums Rivale Uli Hoeneß hat keinen Grund zu triumphieren und darauf zu hoffen, das Saubermann-Image, mit dem er sich so gerne umgibt, sei wiederhergestellt. Vom 1. FC St. Pauli einmal abgesehen, der mit Jack-Daniels-Schriftzug auf dem Trikot in den mit Alkoholwerbung gepflasterten Stadien auflief, ist kein anderer Verein in seiner Selbstdarstellung so eng mit der Bierlobby verbunden wie der FC Bayern München.Bislang unbeantwortet ist auch die Frage, warum das Dossier Christoph Daum ausgerechnet jetzt geöffnet wurde, wo doch ganz offenkundig eine Menge Leute schon seit einiger Zeit Bescheid wussten. Ist daran gedreht worden? Wurde deshalb die Umwandlung des Handschlagvertrages mit dem DFB in einen schriftlichen Kontrakt immer wieder verschoben? Und was sollte der kryptische Ratschlag von Bayer-Manager Calmund ganz zu Beginn der Affäre, Daum solle sich in die Türkei absetzen? Ist es wirklich ein Zufall, dass der Aufstieg Rudi Völlers als Bundestrainer und der sportliche Abstieg Daums als Vereinstrainer zeitlich so nahe bei der Öffnung des Dossiers liegen? Andererseits, was heißt schon "Bescheid wissen", wenn es um Drogen geht? Auch dem Management von Bayer Leverkusen konnte nicht entgangen sein, wie Daum in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, war er doch längst schon Gegenstand der Late-Night-Satire eines Harald Schmidt.Bayer dürfte nicht der einzige Großbetrieb sein, der sich mit verdeckten Drogenproblemen von Topmanagern herumzuschlagen hat und nicht weiß, wie er das Problem lösen soll. Einen Verdacht auszusprechen, ist aus rechtlichen und firmeninternen Gründen problematisch. Besonders prekär ist die Lage, wenn und solange die verdächtigte Spitzenkraft Topleistungen bringt. Den Shareholdern ist es schließlich egal, wie solche Leistungen zu Stande kommen. Ohne Drogen geht es nicht. Und alle wissen das.Wenn sich das Erregungsniveau wieder auf Normalmaß eingependelt hat und der Skandalgeruch verflogen ist, dann sollte die Öffentlichkeit sich mit den Meldungen aus Sydney auseinander setzen, die im Trubel um Christoph Daum untergegangen sind. Doping bei den Paralympics, das ist die Topmeldung, das ist eine neue Dimension des sportethischen Wertezerfalls, und, wenn man so will, der eigentliche Skandal dieses Wochenendes.Der Hamburger Soziologe und Publizist Günter Amendt, 61, schreibt über Drogenpolitik und veröffentlichte u.a. die Bücher "Sucht, Profit, Sucht" und "Der große weiße Bluff. Die Drogenpolitik der USA". Er ist auch Autor von "Das Sex-Buch", einem umstrittenen Aufklärungsbuch für Jugendliche.Der Stoff, der die Stimmung hebt // Kokain wird auch Koks, Puder, Coke, Crack, Rocks oder (Anden-)Schnee genannt. Diese Kurzbezeichnungen stehen für die Kohlenwasserstoffverbindung Methyl-Benzoyl-Ecgonine. Die Substanz wird aus den Blättern des Kokastrauches gewonnen.Geschnupftes Kokain-Pulver führt zuerst zu einem kalten, tauben Gefühl in Nase und Rachen. Der Konsument atmet schneller, der Pulsschlag erhöht sich. Etwas später fühlt er sich leistungsfähiger, stärker und intelligenter. Die Stimmung ist gehoben, das Denken beschleunigt, der Antrieb gesteigert.Nach 20 bis 60 Minuten weicht die Euphorie einer belastenden und ängstlichen Stimmung. Die Konsumenten sind aber zunächst weiter sehr betriebsam, einige leiden unter Halluzinationen.Nach dem Rausch folgt das depressive Stadium. Es kommt zu Schuldgefühlen und Selbstwertschwankungen. Viele Konsumenten treibt es deshalb dazu, die Droge erneut zu nehmen.Wer nur etwa 60 bis 100 Milligramm Kokain (eine "Linie") zu sich nimmt und dann jeweils einige Tage abstinent bleibt, hat nur wenig Nebenwirkungen zu fürchten. Er ist lediglich etwas erschöpft am "Tag danach". Ständiger Gebrauch führt dagegen zu Gewichtsverlust ("Fotomodell-Droge"), zur Abnahme des Sexualtriebs, zu entzündlichen Verätzungen der Nasenscheidewand, Krampfanfällen, Psychosen und Leberschädigungen.Anders als Heroin führt Kokain nicht zu körperlicher Abhängigkeit. Wegen der Antriebsschwäche und der depressiven Verstimmungen sind Dauerkonsumenten dagegen umso stärker psychisch abhängig.Die meisten Kokain-Konsumenten schnupfen die Droge durch ein Rohr in die Nase. Andere spritzen sich die Substanz unter die Haut oder in eine Vene. Der Rausch gilt dann als intensiver, ist aber auch schneller vorbei.Die Zubereitungsvariante Crack ist gut rauchbar. Für eine Dosis benötigt man weniger Kokain als für eine Dosis Kokain-Pulver. Deshalb ist Crack billiger und wird vor allem in ärmeren Vierteln amerikanischer Großstädte benutzt.Die Ureinwohner Südamerikas, besonders in den Anden, benutzten die Blätter der Koka-Pflanze schon lange vor der Entdeckung Amerikas durch die Europäer. Sie zerkleinerten die Blätter, vermischten sie mit einer Prise Kalkpulver und zerkauten sie. Den Brei behielten sie dann lange zwischen Zähnen und Wange. So ließ sich vor allem der Sauerstoffmangel in großer Höhe selbst bei körperlicher Anstrengung besser ertragen. Eine psychoaktive Wirkung hat dieses Koka-Kauen offenbar nicht.1859 hat Albert Niemann an der Universität Göttingen erstmals die Hauptsubstanz Kokain aus der Koka-Pflanze extrahiert. 1862 stellte die Firma Merck Kokain in größeren Mengen her. Etwa 20 Jahre später entdeckten Forscher die schmerzstillende Wirkung und setzten Kokain für lokale Narkosen ein.Auch als Zusatzstoff zu Erfrischungsgetränken wurde Kokain beliebt. So weist schon der Name Coca-Cola auf den Inhalt hin: Coca für Kokain und Cola für Koffein aus der Cola-Pflanze. Seit Kokain in den USA 1903 als Getränkezusatz verboten wurde, enthält Coca-Cola nur noch nicht-psychoaktive Extrakte der Koka-Pflanze.Weitere Informationen bei der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren unter: www. dhs. de "Wahnhafte Selbstüberschätzung ist ein Symptom bei Crack-Rauchern." "Das Betroffenheitspathos von Christoph Daums Trainerkollegen ist verdächtig."ACTION PRESS Konstantin Wecker wurde wegen Kokainbesitzes zu einer Bewährungsstrafe und 100 000 Mark Geldstrafe verurteilt.AP Im Blut von Falco fanden sich nach seinem Unfalltod Spuren von Alkohol, Marihuana und Kokain.DPA Robert Downey jr. gefährdete mit seinem andauernden Kokainkonsum seine Karriere in Hollywood.REUTERS Diego Maradona macht auf Kuba eine Entziehungskur. Der Fußballer hat seit 1991 Probleme mit Kokain.AP Javier Sotomayor, erfolgreicher kubanischer Hochspringer, wurde im Jahre 1999 positiv auf Kokain getestet.