Vor der Fußball-WM hatte der TV-Produzent Friedrich Küppersbusch eine Idee. Wäre es nicht schön, wenn die Zuschauer - neben den inszenierten und formatierten Fernsehbildern, die von dem Sportereignis in alle Welt gehen würden - auch etwas Authentisches, Echtes zu sehen bekämen? Also erfand er für den Pay-TV-Sender Premiere das Format "meineWM". Der Titel ist freilich irreführend. Denn nicht um Küppersbuschs Eindrücke ging es in der Sendung, sondern um Ereignisse, die ganz normale Fußballfans während der WM auf Video aufgenommen hatten - im Stadion, zu Hause im Garten, auf Fanmeilen. 1 500 Videos und Bilder schickten Fußball-Verrückte ein. Küppersbusch schnitt das Material zu Zwei-Minuten-Filmchen zusammen, Premiere zeigte täglich eins davon.Vom Internet in die Zeitungen"User generated Content" heißt das Ganze in der Sprache der Medien, von Nutzern gelieferter Inhalt also, und ist der neueste - und wenn man Experten glauben soll - auch der heißeste Trend der Branche.Was in Internetforen, Weblogs und Plattformen wie Myspace oder Youtube begann, schwappt auf die traditionellen Medien über: Die Saarbrücker Zeitung druckt Fotos, die ihre Leser etwa von Unfällen und Bränden aufgenommen haben; das Magazin Stern hat seine Leser jüngst dazu aufgerufen, Fotos zu schicken, und will die interessantesten künftig veröffentlichen sowie zum Weiterverkauf anbieten; RTL hat eine Onlineplattform mit dem Namen "Clipfish" ins Leben gerufen, auf der der Sender Zuschauervideos veröffentlic ht; und der nordrhein-westfälische Lokalsender Center.tv will gar vom Jahr 2008 an sein gesamtes Programm von den Zuschauern erstellen lassen.Doch kaum beginnen die klassischen Medien, die durch die neuen technischen Mittel gewachsenen Möglichkeiten zu nutzen, geraten sie auch schon in Verruf. Schuld daran ist die Bild-Zeitung. Sie fordert ihre Leser seit Wochen dazu auf, Fotos an die Redaktion zu schicken - und zahlt für jedes veröffentlichte Bild 500 Euro. Von Beginn an hagelte es Kritik. Der Deutsche Journalisten-Verband DJV geißelte die Aktion als Förderung des Paparazzi-Unwesens und als neuen Tiefpunkt im Boulevardjournalismus. Besonders verwerflich findet er es, dass Bild eigene Presseausweise an seine Leser-Reporter ausgibt. Die könnten sich im Gefühl ihrer Wichtigkeit möglicherweise unrechtmäßig Zutritt zu Veranstaltungen verschaffen, Rettungskräfte bei Unfällen behindern oder sich selbst in Gefahr bringen, beim Versuch ein spektakuläres Bild zu schießen. Bild erklärt dazu lapidar, die Ausweise seien eine reine Werbeaktion und nicht mit echten Dokumenten zu verwechseln.Am liebsten zeigt Bild entlarvendes Material, am liebsten von Prominenten. Eifrige Leserreporter haben bereits Altkanzler Schröder in Badehose, einen verschwitzten Thomas Gottschalk beim Nordic Walking, einen Profifußballer beim Urinieren und etliche andere Prominente "abgeschossen". Zur Not wird aber auch ein Dorfpolizist auf seinem Motorrad gezeigt, oder ein Busfahrer, der sich hinter der Frontscheibe seines Fahrzeugs zum Schlafen gelegt hat."Der Aufruf an die Leserreporter ist ein Aufruf zum massenhaften Rechtsbruch", sagt der Berliner Medienanwalt Christian Schertz. Für drei seiner Mandanten, deren Leserreporter-Schnappschüsse in Bild erschienen, hat er bereits erfolgreich auf Unterlassung geklagt. Bislang ist er nur gegen die Zeitung vorgegangen. "Aber was viele Leserreporter nicht wissen und worüber Bild sie auch nicht aufklärt: Auch sie können belangt werden." Die Anwaltskosten könnten das "Bild"-Honorar locker übersteigen. Die eigentliche Frage laute aber: "Will ich in einer Gesellschaft leben, in der jeder jeden beobachtet und im Falle von Missgeschicken und Verfehlungen fotografiert?"Die Bild-Zeitung lässt sich davon nicht beeindrucken. Chefredakteur Kai Diekmann nennt die Einwände des DJV "arrogant". Am Freitag jubelte das Blatt, kaum noch ein Bild-Leser gehe ohne Kamera aus dem Haus. "Deutschland ist schwarz-rot-klick!"Andere Medien ärgert der unverfrorene Umgang mit den Leser-Fotos. Die Saarbrücker Zeitung veröffentlicht seit Januar Bilder, die Leser aufgenommen haben. "Aber wir animieren niemanden, Prominente zu fotografieren", beeilt sich Chefredakteur Peter Stefan Herbst zu erklären. Vielmehr gehe es um Ereignisse, die ja oft vorbei seien, wenn die Profi-Fotografen vor Ort ankämen: Brände sind gelöscht oder Straßen nach Unfällen geräumt.Tipps von den LesernZudem nutzt die Zeitung ihre Leser verstärkt als Tippgeber. Von Januar bis Juli gingen 2 600 Meldungen ein. Rund 300 Geschichten sind daraus entstanden. Die wurden freilich von den Redakteuren der Zeitung recherchiert und geschrieben. "Uns geht es um mehr Aktualität und bessere Information für unsere Leser", sagt Herbst. Gezahlt wird übrigens nichts für die Fotografien. Das, was Bild macht, hält er mindestens für "fragwürdig".Mit dem vor allem in den 60er und 70er Jahren verbreiteten Gedanken, die Bürger müssten sich eigene Medien schaffen, weil das, was sie beschäftigt, in den bestehenden nicht vorkomme, hat das nicht mehr viel zu tun. Damals sind dadurch etwa die taz und, später, der Bürgerfunk und Offene Kanäle entstanden. Die technischen Möglichkeiten, sagt TV-Produzent Küppersbusch, hätten aus uns ein "Volk von Selberdrehern" gemacht. Er plant mit Premiere eine weitere Zusammenarbeit. Titel wie "meineWahl" und "meineWoche" hat er sich schützen lassen. Auf die Medienprofis sieht er völlig neue Aufgaben zukommen. "In den Redaktionen und Produktionsfirmen wird es darum gehen, das Material auf Echtheit zu prüfen", sagt er.Im Falle des schlafenden Busfahrers hat das die Bild-Zeitung getan. Der habe die Sache seinem Chef gebeichtet. Kommentar des Arbeitgebers: "Hauptsache, er ist hinter dem Steuer ausgeschlafen".------------------------------Der eine zahlt, die anderen nichtDie Bild-Zeitung liefert derzeit das bekannteste Beispiel für Leser-Reporter. Insgesamt hat das Blatt schon über 270 Fotos gedruckt, die Leser eingeschickt hatten. Jedes Foto, das in Bild erscheint, bringt dem Absender 500 Euro.Die Saarbrücker Zeitung hat seit Januar etwa 100 Bilder von Lesern veröffentlicht. Die Zeitung zahlt nicht dafür. Sie ermuntert ihre Leser, ihr Hinweise auf Ereignisse und Geschichten zu geben. Die Artikel werden recherchiert und von Redakteuren der Zeitung verfasst. Ähnlich verfährt der Südkurier.Rechtlich sind die Fotos sehr problematisch. Mit wenigen Ausnahmen gilt: Von niemandem dürfen Fotos gegen seinen Willen veröffentlicht werden. Auch Prominente sind davor geschützt, wenn sie sich offensichtlich in einer privaten Situation befinden.------------------------------Foto: Die einen halten Leserreporter für eine demokratische Errungenschaft des modernen Journalismus, die anderen sehen vor allem den Voyeurismus befeuert.