Sie sind erst 14 Jahre alt. Aber die Tücken des Internets haben die beiden Freundinnen aus der Jahrgangsstufe 8 schon zur Genüge kennengelernt. Gökcem und Farah, Schülerinnen der Clay-Sekundarschule in Rudow, wurden auf der Internetseite "Isharegossip" übel beschimpft. "Sie hat Tausend Kilo Schminke im Gesicht", schrieben Mitschüler dort anonym über die zierliche Gökcem, beschimpften sie als "Schlampe". Farah wurde auf dieser Internet-Seite zunächst als das "schönste Mädchen" der Jahrgangsstufe, bald aber als "sehr hässlich" beschrieben. Gehässige Kommentare folgten."Leute, die so etwas tun, trauen sich nicht, es mir offen ins Gesicht zu sagen ", sagt Gökcem heute. Sie und Farah wirken reifer und abgeklärter, als es ihr Alter vermuten lässt. "Doch wenn du im Internet beschimpft wirst, geht dir das schon sehr nahe", räumt Farah ein. "Es ist für alle lesbar und man weiß nicht, wer es war, vielleicht sogar eine Freundin." Farah hat es zunächst ihren Eltern gar nicht erzählt. Sie wollte nicht, dass die sich zu sehr ärgern. In der Schule aber wusste bald jeder Bescheid.Deutschlehrer Florian Buschendorff hat Cybermobbing in der Schulstunde thematisiert. Buschendorff, Anfang 40, hat schon Ende 2010 einen 100-seitigen Roman namens "Geil, das peinliche Foto stellen wir online" in einem Schulbuchverlag veröffentlicht. Darin beschreibt er, wie eine dickliche Schülerin von ihren Mitschülern per Mails mittels eines gefälschten Facebook-Profils und mit manipulierten Handy-Fotos beinahe in den Selbstmord getrieben wurde. In Buschendorffs Buch steht auch, dass einige Lehrer gar nicht wissen, was im Internet möglich ist. Die Schüler kennen das Buch. Alles ausgedacht? Nein, sagt der Lehrer. Schon früher habe es ja Probleme mit anderen Internet-Seiten wie "jappy.de" gegeben. Auch habe er mit dem Neuköllner Präventionsbeauftragten gesprochen. Buschendorff empfiehlt Mobbing-Opfern, sich sofort anderen anzuvertrauen und auch die Polizei einzuschalten. Inzwischen hat sich das Problem zumindest an der Clay-Schule deutlich verringert. Der Schulleiter schickte vor Wochen einen Brief an alle Eltern, in dem darauf hingewiesen wurde, dass Hass-Einträge im Internet ab sofort als "strafbare Handlungen" gewertet würden und auch die Schule Konsequenzen ziehen würde. Daraufhin gab es kaum noch Mobbing-Einträge."Es ist gut, wenn die Eltern darauf achten, was die Kinder zu Hause am Computer machen", sagt Gökcem. Mitschülerin Djamila gibt zu bedenken, dass man die Adressleiste im Internet ja auch löschen könne. "Dann merkt niemand, auf welchen Seiten man war", sagt sie. Ein anderer Schüler hat gerade eine Rechnung über 800 Euro erhalten, weil er mit seiner Playstation kostenpflichtige Online-Spiele aufgerufen hat. Die meisten Achtklässler hier haben einen eigenen Computer, sind bei Facebook registriert. "Ich kann so gut mit meinen Verwandten im Libanon Kontakt halten", sagt Farah, die als Berufswunsch Politikerin angibt. Doch auch bei Facebook müsse man vorsichtig sein, sagt sie. Einmal habe sie Nachrichten von einem Berliner erhalten, der sich als 18-Jähriger ausgegeben habe. "Er stellte intime Fragen." Schließlich kam heraus, dass der Typ deutlich älter war.Auch der 14-jährige Mitschüler Pascal, der Automechaniker werden will, ist vorsichtig. "Mit dem Handy gemachte Party- oder Grimassenbilder stelle ich bei Facebook nicht rein", sagt er. Das könne ja auch später mal ein möglicher Arbeitgeber sehen, habe ihm sein Arbeitslehre-Lehrer klargemacht.Eines hat Gökcem und Farah bei den "isharegossip"-Einträgen besonders getroffen. "Es waren einige ausländerfeindliche Sprüche dabei." Das hatten sie an ihrer Schule mit der bunten Schülermischung nicht erwartet. Die deutsche Türkin Gökcem, die ihre Familie als "religiös gechillt" bezeichnet (Jugendsprache für: keine religiösen Eiferer), und die deutsche Libanesin Farah, die auf Wunsch ihrer Mutter in Berlin auf ihr Kopftuch verzichtet, sind verunsichert. Sie glauben, diese Einträge kamen von jemandem, der selbst gemobbt wurde.------------------------------CybermobbingInternet: Werden Schüler von Mitschülern im Internet bloßgestellt oder gezielt beleidigt, spricht man von Cybermobbing. Besonderes Aufsehen erregte zuletzt die Website "Isharegossip" (deutsch: Ich verbreite Tratsch), wo Schüler anonym über ihre Mitschüler herziehen können. Seit Wochen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zur Beleidigung gegen die Betreiber der Seite.Buch: Florian Buschendorff, Deutsch- und Musiklehrer an der Clay-Schule, schreibt in seiner Freizeit Jugendbücher. Das Buch über Cybermobbing heißt "Geil, das peinliche Foto stellen wir online" , ist im Ruhr-Verlag erschienen und kostet fünf Euro.------------------------------Foto: Seinen Roman behandelt Autor Buschendorff auch im Unterricht.Foto: Lehrer Florian BuschendorffFoto: Die Schülerinnen Gökcem (l.) und Farah vor dem Computerraum der Clay-Schule. Pascal steht an der Tür.