SUHL, im Juli. Von der Aussichtsterrasse im 16. Stock des Congress-Centers bietet sich ein guter Blick auf Suhl. Dort unten liegt der historische Stadtkern mit seinen sanierten Fachwerkhäusern, daneben stehen die Plattenbauten aus der DDR-Zeit und die Hochhäuser aus Beton und Glas, die in den vergangenen Jahren dazugekommen sind. Von hier oben wird die Geschichte der Stadt sichtbar. Ein Teil der Geschichte jedenfalls. Andreas Rossel steht auf der Aussichtsplattform und erzählt eine Geschichte, von der man nichts mehr sieht, deren Spuren über die Jahre zugebaut oder übertüncht worden sind. Rossel zeigt auf das Arbeitsamt gleich gegenüber und sagt: "Genau dort stand eines der großen Barackenlager." Dann weist er auf ein anderes Gebäude, in dem heute ein Kindergarten untergebracht ist. Auch dort waren Zwangsarbeiter einquartiert und in dem früheren Tanzsaal, heute das Kegel-Center "Tivoli". Insgesamt gab es in Suhl im Dritten Reich 75 Lager für die so genannten Fremdarbeiter."Die Waffenschmiede Hitlers"Andreas Rossel ist 18 Jahre alt. Er und etwa 40 Jugendliche aus vier Schulen in Suhl haben zwei Jahre lang die Geschichte ihrer Stadt in den Jahren von 1933 bis 1945 erforscht. Aus hunderten von Akten und Dokumenten, aus Zeitungen, Geschäftsunterlagen, Briefen und Zeitzeugenberichten setzten sie ein Bild zusammen, das den Alltag in der "Waffenschmiede Hitlers" zeigt. Es war eine schwierige Recherche - doch inzwischen beschäftigt die Schüler vor allem, wie man später in Suhl mit ihren Ergebnissen umgegangen ist. Im Dritten Reich hatte Suhl 23 000 Einwohner. Dazu kamen mehr als 10 000 Zwangsarbeiter, die vor allem in der Waffenindustrie eingesetzt wurden, deren Tradition in der Stadt bis ins Mittelalter zurückreicht. Zwischen 1933 und 1944, so fanden die Schüler heraus, erwirtschafteten die örtlichen Rüstungsbetriebe Gewinne, die zum Teil zehnmal höher waren als zuvor. Doch die Menschen schufteten nicht nur in den großen, kriegswichtigen Firmen. Auch viele kleine Handwerksbetriebe forderten bei der Stadtverwaltung Fremdarbeiter an oder bekamen sie zugewiesen: Dachdecker, Schuster, Klempner, Maler, Bäcker, Elektriker und Bauern. Auch die Apotheke am Markt, die Färberei, ein Architekt und ein Schuhgeschäft beschäftigten die billigen Arbeitskräfte. Die Stadt selbst setzte sie im Straßen- und Wohnungsbau, auf dem Bahnhof, bei der Müllabfuhr, den Stadtwerken, im Schlachthof, in der Forstwirtschaft und im Stollenbau ein. Je länger sie forschten, desto mehr gewannen die Schüler den Eindruck, dass die ganze Stadt nur mit Hilfe der Zwangsarbeiter funktionierte. Zu Zeiten der DDR wurde über diese Vergangenheit nicht gesprochen. Der Faschismus galt im Osten Deutschlands als "mit Stumpf und Stiel ausgerottet". Suhl kam in diesem Geschichtsbild nur als "die rote Stadt" vor, als Zentrum des kommunistischen Widerstands. So wurde es auch an den Schulen gelehrt. Die Suche nach Zeitzeugen war für die Schüler mühselig, aber am Ende erfolgreich. Mal fand man einen, der sich an das morgendliche Klappern der Holzschuhe auf dem Straßenpflaster erinnern konnte, wenn die Kolonnen der Zwangsarbeiter aus den Barackenlagern in die Fabriken zogen. Andere erzählten von "unserem Fremdarbeiter", dem es immer gut gegangen sei. Großeltern kamen mit ihren Enkeln ins Gespräch. "Die haben das jahrzehntelang verdrängt", sagt Heidi Schneider, eine der Schülerinnen. Die Stadt, die das Projekt mit ins Leben gerufen hatte, unterstützte die Schüler und lud Zeitzeugen ein wie Ludwig Mühlfelder, der als Jude 1938 aus der Stadt und aus dem Land floh, oder Oksana Jarowenko, die 1942, im Alter von 18 Jahren, aus der Ukraine nach Suhl verschleppt worden war und in der Autowerkstatt Greifzu arbeiten musste.Bei ihrem Besuch 1997 wohnte Oksana Jarowenko bei der Tochter ihres einstigen Arbeitgebers Fritz Greifzu. Er hatte sie und elf weitere Ukrainerinnen damals irgendwie aus dem Barackenlager herausgeholt, auf seinem Grundstück untergebracht und versorgt. Er setzte sogar durch, dass sie, die als so genannte "Ostarbeiterinnen" üblicherweise die schlechteste Behandlung zu erwarten hatten, an der Trauung seiner Tochter Käthe in der Kreuzkirche teilnehmen durften. Als die Amerikaner am 3. April 1945 in Suhl einmarschierten, sollte Greifzu wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern in seiner Firma erschossen werden. Doch alle zwölf Ukrainerinnen, so berichtete Oksana Jarowenko den Schülern 1997, nahmen ihren Chef in Schutz und retteten ihm damit das Leben. Es habe also auch "einen kleinen Oskar Schindler" in Suhl gegeben, sagt Andreas Rossel. Einen. Ein wichtiger Erfolg 1998 legten die Schüler ihre zweibändige Dokumentation vor. "Zwei Wochen lang widmeten die regionalen Medien dem Projekt große Aufmerksamkeit", erzählt eine Schülerin. "Dann setzte das große Schweigen ein." In Israel, in den USA, in den Niederlanden und sogar in Chile fand der Bericht weiter großes Interesse. "Doch für Suhl hat es kaum etwas gebracht." Bis heute habe keine andere Schule die Unterlagen angefordert. "In der Stadt gibt es noch immer keine Gedenktafel, die an die Zwangsarbeiter erinnert", sagt Heidi Schneider. Auch in den Fonds der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter hätten die Firmen, die heute noch existieren, nichts eingezahlt, sagt Andreas Rossel.Da ist es bemerkenswert, dass Oberbürgermeister Martin Kummer das Schülerprojekt noch immer als "den wichtigsten Erfolg" seiner jetzt zehnjährigen Amtszeit beschreibt. Die Enttäuschung der jungen Leute über die Reaktionen könne er zwar verstehen, sagt Kummer, aber das Interesse für Geschichte müsse man eben "langsam aufbauen". "Verordnetes Gedenken wie in der DDR wollen wir nicht mehr."Was die Entschädigung angehe, so wolle die Stadt nun bis 2004 jährlich 50 000 Mark an die Stiftungsinitiative geben. Man hat sogar daran gedacht, eine Anzeige in der Presse zu schalten, um die Suhler Betriebe zu Zahlungen in den Fonds der deutschen Wirtschaft aufzufordern. Dafür wollte die Stadt ein Spendenkonto einrichten und das Geld dann an die Stiftungsinitiative weiterleiten. Doch das sei vom Thüringer Finanzministerium untersagt worden, sagt Kummer. Allerdings ist in Suhl auch zu hören, dass einige Firmen die Anzeigenaktion im Vorfeld abgelehnt hätten, was deshalb von Belang gewesen sein könnte, weil zur selben Zeit die Bürgermeisterwahlen anstanden. Verschiedene Betriebe aus der Zeit vor 1945 waren in der DDR zu Großbetrieben verschmolzen worden. So wurde etwa aus den Rüstungsbetrieben Haenel, Merkel und Sauer und dem Simson-Werk das VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenkombinat "Ernst Thälmann". Wo unter Hitler Kriegswerkzeug hergestellt wurde, produzierte man später vor allem Kalaschnikoffs. Nach der Wende splittete die Treuhand die Unternehmen wieder auf und verkaufte sie. Eine Reihe von Firmen, die während der NS-Zeit an den Zwangsarbeitern verdiente, ist heute noch oder wieder in der Stadt ansässig. Suhl wirbt als "Stadt der Feuerwaffen und des Schießsports" für sein Waffenmuseum, das Schießsportzentrum und die einheimische "Büchsenmacherindustrie". Es gibt dafür sogar einen Slogan. Er heißt: "Suhl trifft."In den Führungsetagen der Betriebe blickt man lieber nach vorne als zurück. "Was haben wir denn mit den alten Firmen oder dem DDR-Kombinat zu tun?", fragt Hans Bayer, Marketing-Chef der Suhler Jagd- und Sportwaffen GmbH. Er antwortet gleich selbst: "Nichts." Und Heinz-Ulrich Krieghoff hat auf die Frage, wie viel er in den Entschädigungsfonds einzahlen möchte, eine ebenso klare Antwort parat: "Ich sage Ihnen eiskalt, keinen Pfennig. Dafür hat man uns zu viel weggenommen." Krieghoff, dessen Firma für Jagd- und Sportwaffen ihren Sitz inzwischen in Ulm hat, ist der Sohn von Heinrich Krieghoff, der bis zum Kriegsende in Suhl eine der größten Waffenfabriken betrieb. Als die Amerikaner im April 1945 nach Suhl kamen, sei die Familie geflohen, sagt Heinz-Ulrich Krieghoff. Die Russen hätten danach das Werk und mindestens ein Dutzend ihrer Grundstücke in der Stadt enteignet. "Wir haben hier im Westen aus kleinsten Verhältnissen wieder angefangen." Nur aus "Nostalgiegründen", so sagt Hans-Ulrich Krieghoff, habe er 1990 in Suhl wieder einen kleinen Betriebsteil eröffnet. Überhaupt werde mit den Zwangsarbeitern heute vieles übertrieben, meint der Firmenchef. "Die waren dankbar, dass sie bei uns arbeiten durften und nicht in Russ-land oder irgendwo im Osten schuften mussten", sagt Krieghoff. "Wir hatten ja auch nur 50 oder 60, höchstens 70 in Suhl - und KZ-Insassen hatten wir überhaupt nicht."Die Schüler kamen bei ihren Recherchen zu einem anderen Ergebnis. Die Waffenfabrik Heinrich Krieghoff beschäftigte demnach bis 1944 allein in Suhl 792 Zwangsarbeiter: 287 Russen, 196 Franzosen, 55 Belgier, 43 Niederländer, 41 Tschechen, 65 Jugoslawen, vier Esten, 71 Polen, acht Litauer, drei Letten und 19 Dänen.Material für die FirmenchronikDie Metallfabrik Wilhelm Kober, heute EGS Elektro- und Hausgeräte Suhl, die als Alleinhersteller Ehrendolche für die SA produzierte, beschäftigte 1944 nach Angaben der Schüler 210 Zwangsarbeiter. Dieter Schlegel von der Dieter-Schlegel-Techno-Therm Nürnberg, dem die Suhler Firma mit 200 Mitarbeitern heute gehört, sagt, er wisse davon nichts. Dennoch habe seine Firma "einen symbolischen Betrag" gespendet, sagt Schlegel. Wie hoch dieser Betrag war, sagt er nicht.Frank Hoffmann, Geschäftsführer der Firma Feinmeß Suhl, hat von Zwangsarbeitern auch nichts gehört. Er hat den Betrieb 1992 von der Treuhand übernommen. Bis 1945 lieferte die Messwerkzeug-fabrik Friedrich Keilpart und Co. unter anderem Zubehör für die V-Waffen-Produktion in Peenemünde. 1944 beschäftigte sie nach den Recherchen der Schüler 109 Zwangsarbeiter.An eine Entschädigungszahlung sei nicht zu denken, aber als Geschäftsführer bekenne er sich zu dem unstrittigen Unrecht, sagt Hoffmann. Dann bittet er noch um nähere Informationen "für unsere Firmenchronik". Solche historischen Geschichten verkauften sich heute ohnehin viel besser als jede Produktwerbung. Ein Treffen mit den Schülern muss er leider absagen. "Aus Termingründen.""Interesse für Geschichte muss man langsam aufbauen. Verordnetes Gedenken wie in der DDR wollen wir nicht mehr. " Martin Kummer, Oberbürgermeister von Suhl // BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Die Schüler aus Suhl sind enttäuscht. Zwei Wochen lang wurde ihr Forschungsprojekt von den regionalen Medien beachtet. Dann geschah nichts mehr.

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