Uwe Prigann ist kein guter Lehrer, wenn man dem Brandenburger Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) glauben schenkt. Denn Lehrer Prigann hat wenige Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres seine Berufsschulklasse in Seelow verlassen und einen Job am Erich-Fried-Gymnasium in Friedrichshain angenommen. Das seien "nicht die besten Lehrer", die ihre Klassen mitten im Jahr alleine lassen, nur weil sie in Berlin ein bisschen mehr Geld verdienen könnten, schimpfte Reiche vor kurzem. Prigann nennt solche Vorwürfe Unsinn. Er sei immer Berliner Lehrer gewesen. Er habe hier studiert und wollte nie woanders unterrichten. In Brandenburg habe er nur gearbeitet, weil es nach seinem Studium in Berlin keine freie Stelle gab. Die meisten seiner Studienfreunde hätten es genauso gemacht. Die Aufregung des Bildungsministers versteht er nicht: "Es wissen alle, dass die Berliner zurückwollen."Allerdings störten die Rückkehr-Tendenzen bislang kaum jemanden, da in Berlin wegen der schlechten Haushaltslage faktisch ein Einstellungsstopp galt. Das hat sich geändert. Freie Stellen darf das Landesschulamt sofort wieder besetzen. Und der Bedarf ist gewaltig.Seit September wurden in Berlin knapp 300 Lehrer eingestellt. Genauso viele Abgänge zählte Reiche für Brandenburg. In einigen Kreisen sei eine vernünftige Schulplanung nicht mehr möglich, sagte er. Sein Problem wird sich voraussichtlich noch verschärfen, denn bis zum Beginn des zweiten Schulhalbjahres will Berlin mindestens 350 weitere Lehrer einstellen. Die meisten von ihnen dürften ebenfalls vom Berliner Lehrerparkplatz Brandenburg kommen. Die beiden Bundesländer wollen zwar vereinbaren, dass Lehrerwechsel zwischen ihnen nur noch zum Schulhalbjahresende stattfinden sollen. Aber mehr als eine Absichtserklärung ist das nicht. Denn Berlin wird nach Angaben des Landesschulamtes auch künftig, um den Unterrichtsbedarf an seinen Schulen zu decken, etwa 100 Lehrer einstellen müssen - pro Monat.Ein höheres Gehalt sei für seinen Wechsel nicht der ausschlaggebende Grund gewesen, sagte der 39-jährige Prigann. In Brandenburg hatte der Biologie- und Politiklehrer im November 1999 an der Berufsschule in Seelow eine auf zwei Jahre befristete Stelle mit 87 Prozent Gehalt angenommen. In Berlin ist seine jetzige Stelle unbefristet und er bekommt 100 Prozent. Sollte er verbeamtet werden, reduziert sich aber sein Gehalt wieder, weil er im Ostteil arbeitet. Entscheidend war für den gebürtigen Berliner, dass er in der Stadt bleiben wollte. Fast ein Jahr lang pendelte er jeden Tag nach Seelow. "Eine Fahrt dauerte anderthalb Stunden. Das zermürbt." Außerdem fühlte sich der Gymnasiallehrer an der Berufsschule nicht sehr wohl. Es gab rechte Sprüche, "auch als Berliner" sei er abgelehnt worden. Nach seinen Worten gab es sogar eine telefonische Drohung gegen ihn. Die Stelle in Brandenburg habe er auch angenommen, weil sich dadurch seine Chancen in Berlin verbesserten, sagte er. Denn in dem Ranglistenverfahren für die Lehrereinstellung werden Wartezeiten positiv angerechnet, wenn in dieser Zeit gearbeitet wird. Über den Platz auf der Rangliste entscheiden auch Examensnoten und die Fächerkombination des Bewerbers. Wer ganz oben steht, ist aussichtsreichster Kandidat. In den vergangenen Sommerferien, er war gerade beim Wandern in der Toskana, erfuhr er von der Berliner Stelle. Prigann konnte sogar zwischen zwei Schulen wählen. Sein Umzug nach Berlin verzögerte sich dann allerdings bis nach Schuljahresbeginn, weil der Personalrat nicht sofort zustimmte. Für die Berliner Lehrer sei es von Vorteil, dass Brandenburg und Berlin auf dem Lehrermarkt Konkurrenten seien, sagte Prigann. Dadurch gebe es zwei Arbeitgeber auf engstem Raum. Bei einem gemeinsamen Bundesland müssten die Berliner damit rechnen, nach Cottbus oder Frankfurt an der Oder versetzt zu werden. "Daher habe ich vor vier Jahren auch gegen die Fusion gestimmt", sagte Prigann.BLZ/MARKUS WÄCHTER "Die Anstellung in der Seelower Schule war für mich nur das Sprungbrett nach Berlin. " Uwe Prigann, 39, wechselte im laufenden Schuljahr