Gerade ist das Wort "Revolution" gefallen. Ein großes Wort, ein Wort, das sehr weit weg zu sein scheint von Horst Baisch und Jürgen Erlewein und dem Dialekt, den sie sprechen. Einem Dialekt, in dem sogar Halbsätze wie "Weil se sonschd Angschd habe" irgendwie niedlich klingen. In der rhetorischen Welt der beiden älteren Herren bin ich nicht Michael Nast - ich bin "der Herr Naschd". Und "der Herr Naschd" klingt wie ein etwas einfältiger Charakter in einer Vorabend-Serie, dem man ansieht, dass schon lange niemand zärtlich zu ihm gewesen ist. Das Wort "Revolution" und "der Herr Naschd", das passt alles nicht so richtig zusammen. Oder sagen wir so, auch um die Spannung ein wenig zu erhöhen: Noch nicht so richtig.Für die Berliner ist es ja ohnehin schwierig genug, sich den Schwaben unbefangen zu nähern, man muss sich nur mal ansehen, in welche Richtung sich Prenzlauer Berg in den letzten Jahren entwickelt hat. Ich bin in Berlin-Köpenick aufgewachsen. Als Fünfzehnjähriger habe ich Anfang der Neunzigerjahre mit einem Freund stundenlange Spaziergänge durch Prenzlauer Berg gemacht, mit dem Gefühl, dass sich da etwas abspielte hinter den bröckelnden Fassaden. Etwas Besonderes, Aufregendes - und vor allem Cooles: die Szene. Wir konnten sie zwar nicht so richtig greifen, aber wir hätten gern mitgemacht.Inzwischen gibt es in Prenzlauer Berg nicht mehr so viele bröckelnde Fassaden, außer beispielsweise an einem Haus in der Oderberger Straße, das es offenbar in einen Berlinreiseführer geschafft hat. Ich habe häufig Touristengruppen davor stehen sehen. Für sie ist das Haus eine Attraktion, für mich einer der wenigen Anhaltspunkte für das aufregende Gefühl, das ich als Fünfzehnjähriger mit dem Prenzlauer Berg verband. Ein Gefühl, das für die Bewohner vom Kollwitzplatz ja auch ein Grund war, aus der süddeutschen Provinz hierher zu ziehen - neben den günstigen Immobilienpreisen natürlich. Aber dann ist etwas schiefgelaufen: Die Zugezogenen haben - ohne es so richtig mitzubekommen - aus der Gegend eine Kleinstadt in Baden-Württemberg gemacht. Hier wurde die schwäbische Provinz praktisch in die Innenstadt von Berlin befördert. So gesehen sind die Bewohner vom Kollwitzplatz in die Gegend zurückgekehrt, aus der sie einmal geflohen sind, weil sie es dort nicht mehr ausgehalten haben. Sie sind praktisch gar nicht weg. Nur die Kulisse ist anders.Wenn ich heute in Prenzlauer Berg bin, habe ich oft das Gefühl, neben der Zeit zu sein. Hier scheint alles langsamer abzulaufen. In Zeitlupe. Ich sehe die flanierenden Mütter mit ihren Kinderwagen, die Touristenbusse, die behutsam die Kollwitzstraße hinunterfahren und höre Gesprächsfetzen in sehr weichen, gemütlichen Dialekten. In den Cafés sitzen entspannte Leute, die hier den gesamten Tag zu verbringen scheinen. Hier werden Leben geführt, die irgendwie parallel zu meinem Leben verlaufen. Es gibt keine Schnittmengen. Und daran liegt es wohl, dass ich mich fremd fühle - als Berliner mitten in Berlin, in meiner Stadt."Dit liegt an den Schwaben. Die vereinnahmen Berlin. Die nehmen uns die Stadt weg", skizzierte kürzlich eine Bekannte die gesellschaftspolitische Tendenz in Prenzlauer Berg. Sie ist 29 und hat bisher immer darauf geachtet, hochdeutsch zu sprechen, weil sie es gewöhnlich fand zu berlinern. Inzwischen hat sie es sich offensichtlich wieder angewöhnt. Es gibt dieses neue Ost-Berliner Selbstbewusstsein. Man berlinert wieder. Die Sprache wird zu einem Symbol, einer Zuflucht, man hat das Gefühl, noch einen Vorteil zu haben. Man hört es den Zugezogenen schließlich an, dass sie nicht aus Berlin kommen, wenn sie versuchen zu berlinern.Ich kenne eine Rechtsanwältin, die in Reutlingen aufgewachsen ist und inzwischen seit acht Jahren am Kollwitzplatz lebt. Sie hat mir mal erzählt, dass ihr Leute, die stark berlinern, gar nicht so unsympathisch sind. "Ihr Dialekt gibt ihnen eine gewisse Eleganz im Vulgären", hat sie gesagt. Sie spricht über Berlin, als habe sie eine Hauptstadt-Reportage in einem drittklassigen Lifestyle-Magazin gelesen und dann auswendig gelernt. Das Beunruhigende ist, dass es ihr nicht aufzufallen scheint. Sie glaubt, sie habe die Stadt begriffen.Ein guter Freund von mir, der in der Nähe von Stuttgart aufwuchs, ist vor einigen Jahren aus der Provinzialität am Kollwitzplatz nach Friedrichshain geflüchtet. Anfang August traf er sich mit Freunden aus Schwaben, die gerade in Berlin zu Besuch waren. Er fragte mich, ob ich mitkommen wollte, warnte mich aber schon mal vor. "Das sind alles Wessis," sagte er mit einer gewissen Verachtung in der Stimme. Mein guter Freund war offensichtlich auf dem besten Weg, ein verbitterter Ostdeutscher zu werden. Und das mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 4000 Euro.Kurz darauf sah ich dann die ersten Bilder von den Demonstrationen am Bahnhof von Stuttgart. Menschenmassen. Polizei. Wasserwerfer. "Des war wie bei Star Wars", erzählte mir ein Bekannter aus Stuttgart am Telefon. Das deckte sich nun wirklich nicht mit meinem Schwabenbild und weil ich das Bedürfnis hatte, mehr zu erfahren, näher ranzugehen, an die Menschen, an die Geschichten hinter den Klischees, stehe ich nun an einem sonnenbeschienenen Dienstagmittag auf dem Bahnhofsvorplatz in Stuttgart, betrachte die stilsicher gekleideten Passanten und bin offen gestanden erstmal etwas enttäuscht. Eigentlich müsste ich doch etwas spüren. Eine Art Aufbruchstimmung. Oder zumindest eine gewisse Spannung in der Luft. Nun ja, denke ich, vielleicht liegt es ja daran, dass Revolutionen in Deutschland nach Feierabend gemacht werden. Und weil ich bis dahin noch ein wenig Zeit habe, checke ich erstmal im Hotel ein, in dem die Stuttgarter Zeitung ausliegt, die heute mit einem Jubiläum titelt, das nur entfernt mit den Dingen zu tun hat, die in der Stadt gerade passieren: "Seit 50 Jahren gibt es Kunstgelenke" steht da. Und weiter: "Alljährlich werden Hunderttausende Hüft- und Kniegelenke eingesetzt. Für Patienten ist das ein Segen - aber ein teurer." Schön, dass das jetzt auch endlich mal geklärt ist, denke ich und laufe die Königsstraße hinunter. An den Hängen, von denen die Stadt umgeben ist, reihen sich Villen aneinander. Die Tauben auf dem Pavillon vor dem Neuen Schloss sehen aus, als wären sie arrangiert worden, genauso wie die wenigen Bettler, die sich so unaufdringlich in das Straßenbild einfügen, dass man sie fast übersieht. Es gibt wunderschöne Altbauten, aber nicht allzu viele. Und es gibt ziemlich viele Neubauten, die nicht ganz so wunderschön sind. Die Stimmung ist so ähnlich wie im Prenzlauer Berg. Alles ist fertig. Es gibt keinen Spielraum mehr, nichts mehr zu tun. Keine Experimente, erzählt diese Gegend - mit diesem Satz hat die CDU mal geworben. Und kurioserweise haben die Proteste gegen Stuttgart 21 auch unter diesem Motto begonnen. Keine Experimente. Bloß keine Experimente.Wenn man so will, hat der Protest in Stuttgart so angefangen, wie Proteste in Deutschland eigentlich enden. Mit den Rentnern. Man kann ja kaum glauben, dass beispielsweise die Montagsdemonstrationen auf dem Alexanderplatz immer noch stattfinden. Es überrascht mich immer wieder, wenn ich da zufällig vorbeikomme. Ich gehe dann immer schnell weiter, weil man den Rentnern mit ihren beigefarbenen Anoraks und Handgelenktäschchen ansieht, dass sie aus dem gleichen Grund rumstehen wie sie zum Arzt gehen: um ein wenig zu reden. Vielleicht ging es den eiligen Stuttgarter Passanten ja ähnlich, als sie sich vor einem Jahr, im November 2009, vor dem Nordflügel des Hauptbahnhofs an dreißig Leuten vorbeidrängen mussten, weil sie schnell nach Hause wollten. Sie waren ihnen im Weg.Horst Baisch und Jürgen Erlewein sind Rentner. Und sie sind Freunde, inzwischen schon seit dreißig Jahren. Sie sehen sich sogar ein bisschen ähnlich, mit ihren kurzgeschnittenen weißen Haaren und den weißen Hemden, die sie zu Jeans tragen. Sie wohnen am Killesberg, einer Villengegend von Stuttgart, in Halbhöhenlage. Einer Gegend, in der man unter sich ist, und von der man einen schönen Ausblick auf die Stadt hat. Und das ist natürlich auch ein Grund, warum die beiden Rentner vor einem Jahr am Bahnhof standen. So einen Ausblick will man sich ja nicht mit einer Großbaustelle versauen."Wir haben gesagt, wir machen jetzt montags immer eine Demo, so'n bisschen Erinnerung an Leipzig", sagt Horst Baisch. Und dann sagt er etwas Interessantes: "Mit dem Spruch 'Wir sind das Volk' sind wir nicht umgegangen, aus Respekt vor den Menschen in Leipzig. Den wollten wir jetzt nicht für unsere Aktion missbrauchen."Wir sitzen im Konferenzraum der Firma Präsentationsservice, die Horst Baisch 1978 gegründet hat. Obwohl er vor zwei Jahren in Rente ging und das Unternehmen inzwischen von seinem Sohn geleitet wird, ist er jeden Tag um 8.30 Uhr im Büro. Pünktlich.Anfangs wurden sie noch belächelt, erzählt Jürgen Erlewein. Das änderte sich, als die Interessen begannen, sich zu mischen. Als sich Stuttgarter Jugendliche zu den Alten stellten, weil bekannt wurde, dass für das Bahnhofsprojekt auch Jugendclubs abgerissen werden sollten. Als die Parkschützer kamen, weil sie die zweihundertjährigen Bäume im Schlosspark erhalten wollten. Als die Stuttgarter begriffen, dass, gegen das Bahnhofsprojekt zu sein, ein Symbol für ziemlich viele Dinge war. Da war gewissermaßen für jeden was dabei. Für jede Altersgruppe und jede Gesellschaftsschicht.Weil Jürgen Erlewein ein sehr genauer Mensch ist, hat er nochmal in seinem Google-Kalender nachgesehen, wie das alles genau begonnen hat: "Die erschte, an der wir beide teilgenommen haben, war am 9. November letzten Jahres, und es waren ungefähr - hab ich hier aufgeschrieben - 80Teilnehmer. Nägschten Montag waren's 120 Teilnehmer, und am dreiundzwanzigschten waren's schon mehr als 400." 80, 120, 400. Zack, zack, zack. Und das war erst der Anfang. Sie wurden immer mehr, sie wurden immer selbstbewusster, sie wurden nicht mehr belächelt - und sie waren sehr gut organisiert. "Die Organisation isch perfekt", sagt Jürgen Erlewein. "Ich kann da nur sagen: Chapeau. Die werden nach dem Ding die besten Jobs kriegen."Das hat natürlich auch damit mit zu tun, wie begabt die Neuen Medien genutzt werden, mit deren Hilfe man in der Lage ist, mal eben 10000 oder auch mal 100000 Leute auf die Straße zu kriegen. Allerdings ist da noch etwas anderes passiert, was die Menschenmassen anzieht. Etwas, das viel Ausschlaggebender ist. Etwas, das man wirklich eine Revolution nennen kann.Das merke ich schon daran, wie Jürgen Erlewein darüber spricht. Man könnte den Ton wegdrehen und es trotzdem verstehen: "Als die Montagsdemos begonnen haben", sagt Jürgen Erlewein, "war da eine Euphorie, des kann man gar nicht beschreiben. Man hatte Entzugserscheinungen, wenn man mal eine verpasst hat. Man hat halt immer wieder die gleichen Leut getroffen, vom Sehen hat man sich schon gekannt. Es war halt auch ein Event. Für uns ist es ein richtiges Ereignis, da geht man hin, man trifft sich. Da ist 'ne Gemeinschaft, und man fühlt sich der Gemeinschaft zugehörig. Man grüßt sich, fragt, wie's geht - wildfremde Leute, und die sind alle freundlich. Es isch unglaublich, was für ein gemeinschaftlicher Sinn da plötzlich entstanden isch.""So oft war ich noch nie in dem Park wie jetzt auf den Demos", sagt Horst Baisch. "An dem Sonntag, wo die vielen Leut waren, hab ich zu meiner Frau gesagt: eine Atmosphäre, des isch Wahnsinn. Ja. Und des in Stuttgart. Schwaben kommunizieren eigentlich ned so mit einem, den sie ned kennen." Horst Baisch sieht mich an und ich denke an die Frau, die kürzlich im ZDF erzählt hat, sie engagiere sich für den Bahnhof, weil es das erste Mal ist, dass sie sich zugehörig fühlt. Dann fällt mir das Telefonat ein, das ich einige Tage zuvor mit einer Stuttgarterin geführt habe, und in dem der Satz gefallen ist: "Wir haben das Gefühl zu leben."Es muss wie ein Rausch gewesen sein. Ein Rausch, der dann Anfang August mit einem - wie soll man sagen - sehr deutschen Vorschlag getrübt wurde. Als einer der Redner vorschlug, die Proteste für einen Monat zu unterbrechen, weil ja jetzt die Ferienzeit beginnen würde. Als den Stuttgartern praktisch eine Sommerpause vorgeschlagen wurde. Aber der Redner hatte die Stuttgarter falsch eingeschätzt, die Leute gingen nicht in die Sommerpause. Sie begannen mit den Freitagsdemonstrationen. Und mit den Freitagsdemonstrationen begann dann ein wirklicher Rausch. Der Protest gehörte nun in Stuttgart gewissermaßen zur Wochenendgestaltung.Dagegen wirken die Proteste, die in den letzten Jahren rund um den Kollwitzplatz stattfanden, wie Realsatire. Viele waren es eh nicht. Eine Unterschriftensammlung gegen den Wochenmarkt, weil es den Leuten samstagmorgens zu laut und zu voll in ihrem Viertel war, und eine Bürgerinitiative gegen Platanen in der Hufelandstraße, weil die Anwohnern fürchteten, die Bäume könnten ihnen zu viel Sonne nehmen. Ansonsten gibt es Laternenumzüge zum St.-Martins-Tag und seit Neuestem ganze Züge von verkleideten Kindern, die am Halloween-Abend durch die Straßen ziehen. Es leuchtet dann sehr schön in den Straßen von Prenzlauer Berg, aber das Feuer fehlt, das Feuer von Stuttgart.Wenn sich so viele versammeln, sagt Jürgen Erlewein, kommen natürlich auch Leute, mit denen man eigentlich nicht so gut kann: "Da sind auch Linke, warum denn nicht, des akzeptiert man halt, die sind eben da, sie bieten ja auch Masse, und im Moment geht's darum, dass wir mehr Köpfe haben. Alle, die nicht Rambo Zambo machen, sind willkommen", sagt er. Und dann, nach einer kurzen Pause, sagt er mehr zu sich selbst als zu mir: "Es isch schon eine ganz nichtswürdige Machtpolitik, die man da betreibt."Und dann ist es bei Jürgen Erlewein soweit. Jürgen Erlewein gesteht. "Also", sagt er, "ich hab auf einer Demo wirklich auch geschrien: Mappus weg!" Man sieht ihm an, dass es ihm nicht leicht fällt. Er hat sein Leben lang CDU gewählt und Stefan Mappus, der baden-württembergische Ministerpräsident, ist ein CDU-Mann. "Das hätte ich mir nie zugetraut, dass ich des sage. Aber gar nie. Ich erschreck mich da manchmal über mich selbst." Und dann, nach kurzem Zögern, bricht es aus ihm heraus: "Also diese Regierung ist abzuwählen. Die Landtagswahlen sind am 27. März. Ich wusste noch nie so genau, wann die sind.""Der Tag der Abrechnung", sage ich."Ja", lacht Jürgen Erlewein, "es isch manchmal ganz kindisch."Eine Stunde später sitze ich immer noch in demselben Raum, mir gegenüber sitzen nun aber nicht mehr Horst Baisch und Jürgen Erlewein, sondern der Journalist Ulrich Kienzle mit seiner Frau. Das hat damit zu tun, dass Herr Baisch mit Herrn Kienzle "ganz gut kann", wie er es nennt. Herr Baisch kann auch mit Herrn Sittler ganz gut, den ich nachher noch treffen werde. Walter Sittler, der Schauspieler, sitzt mit seiner Agentur auf der gleichen Etage wie Herr Baisch. So gesehen ist die Welt, in der ich mich hier gerade bewege, ziemlich klein."Was hier passiert, das hätte ich mir vor drei Jahren nicht vorstellen können", sagt Ulrich Kienzle, der gerade aus Wiesbaden kommt und in Stuttgart nur einen kurzen Zwischenstopp eingelegt hat, bevor er weiter nach München fährt. "Ich bin überrascht, dass sich hier an einem Thema, das eigentlich selbstverständlich durchlaufen müsste, etwas entzündet, das solche Ausmaße annimmt. Und erstaunlich ist es ja schon. Das ist ja ein hässlicher Bahnhof, der hat ja mussolinische Qualität."Ulrich Kienzle war der letzte westliche Journalist, der Saddam Hussein interviewt hat. Ein Satz wie die Überschrift über einem Journalistenleben. Später hat er sich dann mit Dingen beschäftigt, mit denen er sich wahrscheinlich schon immer beschäftigen wollte, zum Beispiel mit seinen schwäbischen Wurzeln. "Wo kommsch denn Du alds Arschloch her?", heißt das Buch, das Ulrich Kienzle vor zwei Jahren geschrieben hat, und das der Grund ist, warum er nun in seinen Ausführungen weiter ausholen kann.Bisher sei die Geschichte ja nur sehr vordergründig erklärt worden, zum Beispiel mit Bürgerfrust und "nicht ernst genommen werden". Bürgerfrust spiele sicher eine gewaltige Rolle, sagt Kienzle. Aber im Hintergrund spiele sich eine viel größere Geschichte ab, "nämlich dass die Schwaben bisher zur Rebellion völlig unfähig waren. Zum letzten Mal wirklich rebellisch waren die Schwaben 1514." Ulrich Kienzle wirkt wie ein Mann, den das Leben vor nicht mehr allzu viele Geheimnisse stellt. Manchmal versucht Frau Kienzle was zu sagen. Sie setzt an, wiederholt das erste Wort des Satzes, den sie sich gerade zurechtgelegt hat, aber ihr Mann redet einfach weiter.Er erzählt von den Pietisten, die im 16.Jahrhundert zum ersten Mal auftauchten und aus den "versoffenen" Schwaben das gemacht haben, was man heute unter ihnen versteht: den sparsamen, fleißigen, anständigen, bescheidenen und obrigkeitsgläubigen Bürger. Er spricht davon, dass Obrigkeit im Schwäbischen immer religiös untermauert war, und darum nie hinterfragt wurde. "Die Obrigkeit wird's schon richtig machen. Das war sozusagen die Haltung über 500 Jahre hinweg", sagt er. "Und hier in Stuttgart passiert etwas Grandioses, zum ersten Mal wird die Obrigkeit nicht mehr ernst genommen. Und damit zerbricht eine Verhaltensweise, die über Jahrhunderte von bestimmten Normen geprägt war. Man kann diese Geschichte nicht verstehen, wenn man diesen Hintergrund nicht kennt." Und dann, nach einer Pause, sagt er noch: "Da war natürlich auch ein bisschen Entwicklungshilfe nötig. Beispielsweise von einem Schauspieler, der eigentlich aus Norddeutschland kommt.""So", befiehlt Kienzle nach einem Blick auf die Uhr. "Wir gehen." Das wirkt. Ich knalle fast die Hacken zusammen, bevor ich mein Diktiergerät ausschalte, die Kienzles verabschieden sich. Als ich langsam zurück zum Hauptbahnhof gehe, durch die Stuttgarter Innenstadt, sehe ich, wie sich zwei Passanten zuwinken, die sich offensichtlich gar nicht kennen. Sie tragen beide einen dieser Oben-bleiben-Buttons, an denen sich Stuttgart-21-Gegner erkennen.Zwanzig Minuten später stehe ich vor dem Hotel am Schlossgarten, einem hässlichen Neubau, den man auch ganz gut als angemessenes Argument gegen den Abriss des Bahnhofs verwenden könnte. Walter Sittler betritt das Hotel am Schlossgarten, nickt mir lächelnd zu. Wir bestellen Cappuccino und Milchkaffee. Es ist 15.00 Uhr. Am Nebentisch wird Champagner bestellt.Walter Sittler ist der Schauspieler aus Norddeutschland, er gilt als das Gesicht der Proteste gegen Stuttgart 21. Er ist charmant, und er redet so druckreif und fesselnd, dass ich gar nicht so richtig mitkriege, dass er die Frage, die ich ihm vor zwanzig Minuten gestellt habe, immer noch beantwortet."Das, was da jetzt in Stuttgart passiert, das wünscht man sich eigentlich immer", sagt Walter Sittler, "dass die Leute miteinander sprechen, dass sie aufeinander zu gehen, dass man offen ist, und dass man hört, was die anderen denken. Da sind dann halt Arbeitslose, Obdachlose, Mittelstandsbürger, Ärzte und Anwälte und alles mögliche, alles quer durcheinander. Zum ersten Mal haben wir das Gefühl, wir können was bewegen." Wir werden von einem Mann unterbrochen, der sich mit einem Adelstitel vorstellt und zwei, drei Minuten mit Sittler spricht. Nachdem sie sich verabschiedet haben, setzt sich Walter Sittler wieder und fährt ansatzlos mit dem begonnenen Halbsatz fort, in dem er vor drei Minuten unterbrochen wurde. Und das beeindruckt mich dann doch, obwohl ich festgestellt habe, dass es kein reines Sittler-Phänomen ist - er kriegt das nur am formvollendetsten hin. Jeder Stuttgarter, mit dem ich über das Thema gesprochen habe, kann stundenlang darüber reden. Es ist, als würden sie ihr Herz ausschütten."Die Glaubwürdigkeit der Politiker, die regieren, ist dahin", sagt Sittler, "weil man das Gefühl hat, was immer sie sagen, man muss erstmal herausfinden, was sie wirklich meinen, und das macht die Leute so frustriert und enttäuscht. Und das Schöne hier in Stuttgart ist, dass die über Jahre gewachsene Frustration nicht in Wahlenthaltung umschlägt, sondern genau in das Gegenteil, sie stehen auf für etwas, nicht nur gegen die Politiker, nicht nur gegen das Projekt, sondern für eine Politik, die auf die Bürger ausgerichtet ist." Genau das ist es wohl, was aus einem Protest in der süddeutschen Provinz ein deutsches Thema gemacht hat. Der Grund, warum letztlich auch ich hier bin.Walter Sittler sieht auf die Uhr und ist erstaunt, dass wir jetzt schon fast zwei Stunden hier sitzen. Es ist 16.40 Uhr. In elf Minuten geht sein Zug. Er verabschiedet sich und läuft schnell los. Ich gehe über die Straße zum Bahnhof, der von hier, aus der Entfernung, sehr einschüchternd wirkt. Mit diesem Turm, dem mächtigen Eingangsportal und dem überdimensionierten Säulengang.Es ist immer noch ruhig. Wie vorhin, als ich hier ankam. Aber es ist ja auch noch nicht 18 Uhr, immer noch nicht Feierabend.Ein paar Tage später, an einem Samstagmittag, sitze ich mit einer Freundin in einem Café am Kollwitzplatz. Wir unterhalten uns, aber an einem der Nebentische lacht eine Frau so aufdringlich, dass wir uns nicht mehr auf die eigene Unterhaltung konzentrieren können. Gerade sagt sie, dass der Wochenmarkt eine Zumutung ist, und ich muss wieder an Horst Baisch und Jürgen Erlewein denken, die beiden Revolutionäre aus Stuttgart. Vielleicht ahnen sie ja, dass die Sache durch ist. Dass sie gegen diesen Gegner nicht gewinnen können. Aber vielleicht ahnen sie auch, dass sie schon jetzt etwas gewonnen haben, das viel bedeutsamer ist. In gewisser Weise haben sie sich schließlich neu erfunden. Sie haben sich verbessert. Im Umgang miteinander. Und als Menschen. Und das ist eine Erfahrung, die ihnen niemand mehr nehmen kann.Es war möglicherweise ein ähnliches Gefühl, das ich als Fünfzehnjähriger auf meinen Spaziergängen hinter den verfallenden Fassaden in Prenzlauer Berg vermutete. Ein Gefühl, das vielleicht auch die Bewohner vom Kollwitzplatz zu finden hofften, als sie nach Berlin zogen - und das es dort nicht mehr gibt. So gesehen ist die schwäbische Provinz inzwischen weiter als die, die einmal vor ihr geflohen sind.------------------------------Dagegen wirken die Proteste, die rund um den Kollwitzplatz stattfinden, wie Realsatire. Die Unterschriftensammlung gegen den Wochenmarkt zum Beispiel.Foto: Schwäbische Revolutionäre: Horst Baisch und Jürgen Erlewein gehörten zu den Ersten, die vor einem Jahr gegen den Bahnhof demonstrierten.Foto: Rentner, Nachbarn, Kampfgefährten. "Es isch unglaublich, was für ein gemeinschaftlicher Sinn da entstanden isch."