BERLIN. Der Prozess, der im Oktober 2009 in Stuttgart gegen Geldwäscher der mächtigsten russischen Mafiaorganisation, der Ismailowskaja, mit Haftstrafen zu Ende ging, erlaubte einen ebenso seltenen wie tiefen Einblick in die transnationalen Praktiken der organisierten Kriminalität. Zu verdanken war das vor allem dem russischen Mafia-Aussteiger Dschalyl Hajdarov, der unter Polizeischutz in Israel lebt und an elf Verhandlungstagen als Kronzeuge per Videobefragung aussagte. Hajdarov war über Jahre hinweg mit dafür zuständig, das kriminell erworbene Geld der Organisation weltweit in den legalen Finanz- und Wirtschaftskreislauf einzubringen.Bis zu seiner Flucht nach Israel saß Hajdarov an einer Schaltstelle zwischen der Ismailowskaja und dem von ihr mitfinanzierten legalen Wirtschaftsapparat, einem Konglomerat aus russischen Rohstoffhandelsfirmen, Buntmetallfabriken und Bergwerken. Vor Ermittlern sagte er aus, dass die Mafiaorganisation Betriebe und Immobilien in Spanien, Deutschland und England aufgekauft habe. Dies sei allerdings mit bereits gewaschenem Geld erfolgt, denn die Finanzströme würden von der Ismailowskaja streng getrennt - einer fürs illegale Geld, der andere fürs legale.Teil der deutschen WirtschaftDie illegalen Gewinne lässt die Organisation demnach in Russland von verbundenen Banken waschen. Danach gelangen die Gelder in die sogenannte Obschtschak, eine Gemeinschaftskasse, in die alle Gewinne der Organisation fließen. Hajdarov zufolge lässt die Ismailowskaja ihre Obschtschak von sogenannten Tradern in Liechtenstein und Deutschland führen, die Fonds und Konten verwalten.Mit Geldern aus dieser Gemeinschaftskasse werden vornehmlich in Russland Firmen und Bergwerke gekauft, die zu dem legalen, offiziell völlig eigenständigen Wirtschaftsapparat der Organisation gehören. Die Erzeugnisse dieser Unternehmen wiederum werden ins Ausland verkauft, wobei verbundene Firmen im Westen als Zwischenhändler auftreten. Der Gewinn aus den Verkaufsgeschäften bleibt bei den Zwischenhändlern im Westen, die für den Wirtschaftsapparat der Ismailowskaja Konten bei dortigen "Vertrauensbanken" führen. Das ist der zweite Finanzstrom, der für das saubere Geld.Mit diesem Geld werden auch die Investitionen im Westen getätigt, wie der Kauf von Grundstücken und Fabriken. Auf diese Weise ist die Ismailowskaja mit ihren Gewinnen aus kriminellen Geschäften weitgehend unbemerkt längst zu einem Bestandteil der deutschen Wirtschaft geworden.Wie N´drangheta, Camorra und Cosa Nostra aus Italien, chinesische Triaden und kosovo-albanische Mafia-Gruppen auch - sie alle haben ihr gewaschenes Geld aus kriminellen Geschäften seit Jahren in Deutschland investiert. Hiesige Nachrichtendienste und Ermittlungsbehörden wissen davon - der Nachweis aber, dass hier schmutziges Geld im Spiel ist, gelingt nur ganz selten. Seit der Öffnung der globalen Finanzmärkte vor zwei Jahrzehnten lassen sich die mit ein paar Computerklicks um die Welt gejagten Geldströme oft kaum nachvollziehen.Der Siegeszug der organisierten Kriminalität war von Beginn an darauf begründet, die kriminellen Gewinne einer Gruppe als Erträge eines legalen Wirtschaftsprodukts zu tarnen. Die in den 30er Jahren in den USA operierenden Mafiagruppen etwa investierten ihr Geld gern in Waschsalons. Die amerikanische Polizei nannte das damals spöttisch Geldwäsche, ein Begriff, der sich als Synonym für die Legalisierung illegaler Finanzmittel durchgesetzt hat.Heute allerdings - das zeigt das Beispiel der russischen Ismailowskaja - fließen die kriminell erworbenen Finanzmitel in alle denkbaren Wirtschaftsbereiche. Bei einem geschätzten Jahresumsatz des organisierten Verbrechens in Höhe von weltweit 500 Milliarden bis 1,2 Billionen US-Dollar hat sich längst eine globale Schattenfinanzwirtschaft entwickelt, deren Zweck in der Legalisierung illegaler Gewinne und eines damit verbundenen ökonomischen und politischen Machtzuwachses der kriminellen Organisationen besteht.Der Frankfurter Publizist und Mafia-Experte Jürgen Roth ist der Überzeugung, dass die organisierte Kriminalität vor allem von der Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre erheblich profitiert hat. In seinem Buch "Gangsterwirtschaft" lässt Roth den Direktor des Wiener United Nations Office on Drugs and Crime (Unodoc), Antonio Maria Costa, ein bitteres Fazit ziehen: "Das weltweite finanzielle System ist von kriminellen Strukturen durchdrungen, weil Investmentbanker, Fondsmanager, Rohstoffhändler und Makler zusammen mit Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Rechtsanwälten kriminelle Syndikate unterstützt haben, um deren Geld zu waschen. Sie waren es, die der weltweiten kriminellen Wirtschaft doch überhaupt erst ermöglicht hatten, Teil der globalen Wirtschaft zu werden", urteilt Costa.