STOCKHOLM/BERLIN. Schweden ist in der vergangenen Woche offenbar nur knapp einer Reaktorkatastrophe wie der in Tschernobyl entgangen. Doch ließ die alarmierende Nachricht, dass vier ihrer zehn Kernreaktoren wegen Sicherheitsproblemen abgeschaltet werden mussten, die meisten Bürger des Landes erstaunlich kalt. "Die Strompreise steigen" titelten die Zeitungen lapidar, als nach einem Kurzschluss und Ausfall der Sicherheitssysteme im AKW Forsmark-1 bei Stockholm auch zwei von drei Reaktoren im südschwedischen Oskarshamn vom Netz genommen wurden. Denn deren Sicherheit sei ebenfalls nicht gewährleistet, wie ein Sprecher des zum Eon-Konzern gehörenden Betriebs mitteilte.Das schwedische Umweltministerium plant nun eine Sicherheitsprüfung aller Atomreaktoren. In Deutschland forderten Atomkritiker die sofortige Überprüfung der hiesigen Anlagen, da es vergleichbare Probleme gebe. "Etwas ähnliches könnte jederzeit auch in Deutschland passieren", sagte Henrik Paulitz, der Atomexperte Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW). Der energiepolitische Sprecher der Grünen, Hans-Josef Fell, sprach von katastrophalen Konsequenzen, die eine Kernschmelze für Nord- und Mitteleuropa hätte haben können. Die Bundesregierung sieht in dem Störfall "ein sicherheitstechnisch ernstes Ereignis". Man werde so schnell wie möglich klären, ob derlei Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen könnten, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums in Berlin.Schwerste Panne seit TschernobylIn Forsmark, 150 Kilometer nördlich von Stockholm, war es bereits am Dienstag voriger Woche zum bisher schwersten atomaren Unfall Schwedens gekommen. Nach Zeitungsberichten konnten die Kraftwerksingenieure den außer Kontrolle geratenen Reaktor nur knapp wieder beherrschen. "Es fehlten nur sieben Minuten bis zur Kernschmelze", zitierte das Stockholmer Svenska Dagbladet den früheren Chef der Konstruktionsabteilung des Vattenfall-Konzerns, Lars-Olov Höglund, der viele Jahre lang auch für Forsmark zuständig war. Es sei reiner Zufall gewesen, dass es nicht zu einem Super-Gau gekommen sei, sagte der Konstrukteur des Kraftwerks. Er sprach sogar vom "weltweit schwersten Störfall seit Harrisburg und Tschernobyl".Laut Höglund hatte ein Kurzschluss außerhalb der Anlage mehrere Sicherheitssysteme und die Computerüberwachung der Reaktoren ausgeschaltet. Zusätzlich versagte die Notstromversorgung durch den kraftwerkseigenen Generator und, nach IPPNW-Informationen, teilweise auch die Notkühlung. Ein solcher "Station Blackout" gilt neben Feuer im Reaktor als das gefürchtetste Szenario überhaupt. Für diesen Notfall verfügt jedes AKW über zusätzliche dieselbetriebene Notstromgeneratoren. Doch in Forsmark-1 ließen sich zwei der vier Notfallaggregate nicht mehr starten. Erst nach 23 Minuten gelang es den Kraftwerksfahrern, den Reaktor wieder unter Kontrolle zu bringen. Wenig später hätte niemand die Kernschmelze mehr aufhalten können, so Kraftwerkskonstrukteur Höglund. Das schwedische Strahlenschutzamt SKI nannte Höglunds Einschätzung jedoch übertrieben. Die Kühlung in den betroffenen Reaktoren habe funktioniert und hätte eine Kernschmelze verhindert. Allerdings hätten sich "ernsthafte Mängel" in den Sicherheitssystemen gezeigt. Das räumte auch der Sicherheitsbeauftragte in Forsmark ein: "Aggregate, die zu einhundert Prozent funktionieren sollten, haben das nicht getan."Die staatliche Kernkraftinspektion musste eingestehen, dass der Zwischenfall hätte verhindert werden können. Schon sei im deutschen AKW Philippsburg ein Störfall aufgetreten, der dem in Forsmark ähnelte. Ein entsprechender Bericht sei jedoch nie nach Schweden weitergeleitet worden.Gefahr durch KurzschlüsseHenrik Paulitz von IPPNW sagte dieser Zeitung, es habe in Deutschland nicht nur im AKW Philippsburg ein vergleichbares Vorkommnis gegeben, sondern auch im AKW Biblis B. Dort kam es am 8. Februar 2004 ebenfalls zum Notstromfall, "und zwar nur, weil das Wetter schlecht war und es einen Kurzschluss in der Stromleitung gab". Wie jetzt in Forsmark sei das Kraftwerk in Biblis vom Stromnetz getrennt worden, wie dort hätte die Stromversorgung über den kraftwerkseigenen Reaktor ebenso versagt wie diverse Komponenten der Kraftwerkssteuerung. "Auch in Biblis waren Handmaßnahmen nötig, um die Situation zu retten."Die hochkomplexe Technik führe gerade bei Kurzschlüssen zu gravierenden Problemen, die bisher nicht beherrscht werden könnten, sagte Paulitz. Da Unwetter und Blitzeinschläge in Deutschland zunähmen, wachse auch die Gefahr von Kurzschlüssen. "Die Steuerung von Atomkraftwerken kann durch Kurzschlüsse jederzeit aus dem Ruder laufen und zum Super-GAU führen." Dagegen erklärte ein Experte der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln, die deutschen Atomkraftwerke seien auch für diesen Fall abgesichert.Die letzte Absicherung vor der Kernschmelze sollen in Deutschland Dieselgeneratoren für den Notstrom sein. Doch zeige sich bei Probeläufen, so der Atomkritiker Paulitz, dass die Notfalldiesel notorisch versagten - wie zuletzt in Biblis im Oktober 2005. Auch der Pariser Atomexperte Mycle Schneider bestätigt, dass Probleme mit den Generatoren bekannt sind. Bei einem der schwersten Störfälle in Frankreich hätten sich im AKW Bugey im April 1984 nach einem Spannungsabfall die Diesel auch nicht starten lassen, in letzter Sekunde sprang dann ein Generator an. "Die haben da auf dem letzten Loch gepfiffen", sagte Schneider.Schweden bezieht rund die Hälfte seiner Energie aus den Atomanlagen. Im Jahr 1980 hatten die Schweden für einen Atom-Ausstieg bis 2010 gestimmt. Zuletzt mehrten sich Stimmen für eine Renaissance der umstrittenen Technologie.------------------------------Strompreise auf RekordhochAls Folge der Abschaltung von vier Reaktoren im AKW Forsmark und im AKW Oskarshamn schossen die Strompreise gestern in Schweden auf ein Rekordhoch. Dank des warmen Wetters schien es zunächst keine Sorge wegen der Stromversorgung zu geben. Der Elektrizitätsbedarf in dem skandinavischen Land steigt in den Wintermonaten drastisch. Im Winter würde der Ausfall von vier Reaktoren zu ernsthaften Problemen bei der Stromversorgung führen, sagte ein Experte der schwedischen Nachrichtenagentur TT.Seit 1999 hat Schweden im Zuge seines geplanten Atom-Ausstiegs bereits zwei seiner insgesamt zwölf Atomreaktoren komplett stillgelegt.Eine wachsende Zahl der Bürger will laut neuester Umfrage an der Nukleartechnologie festhalten. Fast die Hälfte des schwedischen Strombedarfs wird derzeit von Atomanlagen gedeckt.------------------------------Foto : Das Atomkraftwerk im schwedischen Forsmark, wo in der vergangenen Woche während eines Stromausfalls ein gefährlicher Fehler auftrat.