Schweinefleisch USA: Patriotischer Schinken

SMITHFIELD - Der Tag, an dem die Globalisierung in Smithfield, Virginia, ankommt, beginnt für Carter Williams wie jeder Tag – im Badezimmer. Es ist sieben Uhr morgens, und Williams putzt sich die Zähne. Nebenan läuft wie immer der Fernseher. Nur die Nachrichten sind nicht wie immer. Es heißt dort, Foods – wie sie hier sagen – werde verkauft.

Ausgerechnet Smithfield Foods, der weltweit größte Produzent von Schweinefleisch, soll für 4,7 Milliarden Dollar an ein Unternehmen aus China gehen. Noch stößt das Vorhaben im Kongress allerdings auf Widerstand und wird geprüft, denn es wäre die bislang größte Übernahme eines US-Konzerns durch einen chinesischen Konkurrenten.

Carter Williams sagt: „Das war ein totaler Schock.“ Und schon begann das Telefon bei ihm zu Hause ununterbrochen zu klingeln. „Alle wollten wissen, wie es jetzt weiter geht und was das bedeutet“, sagt der schlaksige 71-Jährige mit dem weißem Seemannsbart: „Doch ich wusste auch nichts. Gar nichts.

Es wäre schon nett gewesen, wenn sie mir was gesagt hätten.“ Es klingt ein wenig so, als hätte Williams wirklich erwartet, dass er als Bürgermeister von Smithfield vorab informiert würde, wenn sich Smithfield Foods und der chinesische Konzern Shuanghui International, jeder ein Schweinefleisch-Riese für sich, zu einem Giganten der Lebensmittelindustrie zusammenschließen, der den Globus mit Schnitzeln und Schinken überschwemmen kann.

Alles soll so bleiben wie bisher

Williams sucht nach Antworten. Er telefoniert mit der Firmenzentrale am Stadtrand von Smithfield und bittet dringend um Auskunft. Nach einigem Hin und Her bekommt er eine Pressemitteilung. Darin heißt es in typischem Unternehmens-Englisch, es handle sich um einen „großartigen Geschäftsabschluss“, der für alle Smithfield-Angestellten, für alle Schweinezüchter in Amerika und für die US-Landwirtschaft insgesamt nur Vorteile bringe.

Carter Williams möchte aus diesem Text herauslesen, dass sich wohl erst einmal nichts ändern werde in seiner Kleinstadt. Alle Arbeiter in den Schlachthäusern und an den Packmaschinen sollen wohl ihren Job behalten, sagt er. Und Smithfield Foods werde auch weiterhin Smithfield Foods heißen. Das habe man ihm schließlich versprochen. „Wir können nur hoffen, dass es wirklich so kommt.“

Das chinesisch-amerikanische Großgeschäft ist ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Firmenfusionen in Zeiten der Globalisierung wahrgenommen werden. Es kommt auf den Standort des Betrachters an. Als Smithfields Foods vor einigen Jahren begann, Schweinefleisch-Unternehmen in Rumänien, Polen und Spanien zu kaufen, habe davon kaum jemanden Notiz genommen, sagt der Bürgermeister.

Auch in Deutschland ist Smithfield Foods auf dem Fleisch- und Wurstmarkt vertreten. Jetzt aber, da die Chinesen vor der Tür stünden, sei alles anders in Smithfield. Vor allem die Arbeiter seien verunsichert. Auf dem großem Parkplatz vor Smithfield Foods steht ein bulliger Mann mit einem Haarnetz, das er aus hygienischen Gründen während der Arbeit im Schlachthof tragen muss. Er will seinen Namen nicht sagen, er will gar nichts sagen. „Rufen Sie doch in China an“, sagt er knapp.

In den regionalen Zeitungen tobt ein regelrechter Meinungskrieg. Ann Hand, die aus der Nachbarschaft von Smithfield stammt, sagt: „Es ist einfach total unamerikanisch, dass Smithfield sein ganzes Unternehmen verkauft. Wenn sie nach China verkaufen, dann werde ich niemals mehr ein Smithfield-Produkt kaufen.“ Herb DeGroft dagegen, der viele Jahre bei Smithfield gearbeitet hat und jetzt im Ruhestand ist, sagt: „Ich denke, das wird für Angestellte und Rentner einfach nur fantastisch gut.“

Befürworter des Geschäfts führen ökonomische Argumente an, Gegner des Deals postulieren patriotische Gefühle. China ist der größte Konkurrent der USA – politisch sowieso, aber längst auch wirtschaftlich. Neulich hatte Präsident Barack Obama den chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jing in Kalifornien zu Besuch. Er musste feststellen, dass es noch lange dauern kann, bis die Beziehungen zwischen der Supermacht USA und der Fast-Supermacht China spannungsfrei sind. In Smithfield haben viele Menschen Angst, dass ihre Fleischfabrik von den neuen Besitzern geschlossen wird, oder dass sie künftig nur noch chinesisches Schweinefleisch im Laden zu kaufen bekommen. Dieses aber gilt in den USA als minderwertig. Zudem stößt der Deal auch auf politische Hürden im US-Kongress.

Jim Abicht glaubt nicht, dass sich sehr viel verändern wird. Er steht an der Registrierkasse in seinem Geschäft an der Hauptstraße von Smithfield und sagt: „Gut, natürlich, China ist nicht unser bester Verbündeter.“ Aber so schlimm werde es schon nicht kommen. Elf Jahre lang hat Abicht in der Verkaufsabteilung von Smithfield Foods gearbeitet, bevor er seinen eigenen Laden aufmachte – ein Geschäft für Weihnachtsschmuck. Er kennt sich mit der Vermarktung von Fleisch bestens aus. Abicht sagt, niemand könne so verrückt sein, eine erfolgreiche Marke zu verändern.

Auch der neue Besitzer aus China könne nicht so verrückt sein. Der Schinken von Smithfield Foods sei schließlich ein Verkaufsschlager in den USA. Er heißt Smithfield Ham, wird gepökelt, dann geräuchert und schließlich hauchdünn geschnitten. Wer im Süden der USA zu Weihnachten keinen Landschinken aus Smithfield auf dem Tisch habe, der könne auch gut und gerne auf den Tannenbaum und die Geschenke verzichten, sagen die Leute. Ein richtiges Weihnachtsfest sei das dann nicht.

Abicht ist ein gut gelaunter Mann mittleren Alters und befindet: „Ich verkaufe bei mir ja auch chinesische Produkte. Die sind billiger, die Leute wollen das so.“ Jetzt gehe es eben in die andere Richtung. So sei das Leben nun mal. In seinem Laden treffen in diesen Tagen die Sorglosen und die Ängstlichen aufeinander, die Befürworter des Deals und die Schweinefleisch-Patrioten. „Wir lieben unser Unternehmen“, sagt Jim Abicht: „Als Einwohner von Smithfield fühlt man sich irgendwie als der Besitzer von Smithfield Foods.“ In Wahrheit dürfte es eher andersherum sein – Smithfield Foods besitzt die Stadt Smithfield und ihre achttausend Einwohner.

Entlang der Straßen, an den Häusern – überall Hinweise auf das Schwein. Das Todd House erinnert an Captain Mallory Todd, der das Handwerk der Schinken-Herstellung von den Indianern gelernt haben soll. Er ist sozusagen der Urvater von Smithfield Foods, weil er schon im Jahr 1779 die ersten geräucherten Schinken auf die westindischen Inseln und später nach England verschiffen ließ.

Im Tourismusbüro teilt Sheila Gwaltney bunte Broschüren aus, die auf die „Porcine Parade“ aufmerksam machen. Das sind sechs von Künstlern gestaltete Schweinefiguren, die an unterschiedlichen Stellen der Stadt aufgestellt sind. Eines trägt den Titel „Die Geburt des Schinkens“. Das sei eine Anlehnung an Botticellis Gemälde „Geburt der Venus“, sagt Sheila Gwaltney. Zwei Engelsfiguren, die wie Schweinchen aussehen, umschweben einen veritablen Landschinken.

Im städtischen Museum steht eine freundliche Fremdenführerin vor einer Glasvitrine und fragt: „Ist das nicht unglaublich?“ In der Vitrine liegt der angeblich älteste Schinken der Welt, vor 110 Jahren hergestellt und immer noch essbar, wie es heißt. Man traut sich als Besucher nicht, darauf hinzuweisen, dass einen das bräunliche Ding irgendwie an einen Oberschenkel vom mumifizierten Ötzi erinnert. Späße dieser Art könnten in Smithfield leicht missverstanden werden. Das Schwein wird hier sehr ernst genommen.

Seit die Nachricht von der Übernahme durch die Chinesen die Menschen verunsichert, ist Bürgermeister Carter Williams auch zu einer Art Fremdenführer geworden. Er führt Gäste herum und zeigt ihnen die Orte, an denen Smithfields Foods gut für die Stadt Smithfield war. An einer Straßenecke entsteht derzeit eine öffentliche Toilettenanlage, so etwas gibt es in der Stadt noch nicht. Finanziert von Smithfield Foods. Vor Kurzem hat das Unternehmen dem Bürgermeister eine Million US-Dollar für den Bau einer Baseball-Anlage versprochen.

Die Metallfigur des ersten US-Präsidenten George Washington, die auf einer Bank an der Hauptstraße Platz gefunden hat, „die haben sie auch bezahlt“, sagt Williams. Genauso wie vor zwanzig Jahren die Renovierung der Hauptstraße. Kurzum, sagt der Bürgermeister: Ohne Smithfield Foods sähe Smithfield ganz anders aus – wahrscheinlich so heruntergekommen wie manches Städtchen in der Nachbarschaft.

Tagelang treibt John Edwards die Frage um, wie es zu diesem spektakulären Geschäft kommen konnte, von dem niemand wusste, obwohl doch jeder in der Stadt das Gefühl hat, Teil von Smithfield Foods zu sein. Edwards, Besitzer und Chefredakteur der lokalen Wochenzeitung, greift schließlich zum Telefon und ruft Joseph Luter III. an.

Eine simple Rechnung

Der 73 Jahre alte Aufsichtsratschef von Smithfield Foods sagt, der Deal habe ausschließlich wirtschaftliche Gründe: „Es gibt einen Überfluss an Schweinefleisch in den USA, und es gibt einen Mangel an Schweinefleisch in China.“ Die Chinesen müssten aus Mangel an Ackerland Schweinefutter importieren, wenn sie ihre eigene Fleischproduktion erhöhen wollten, sagt Luter. Für ein Pfund Fleisch seien aber vier Pfund Futter nötig. Nach der Übernahme von Smithfield Foods müssten die Chinesen lediglich das Pfund Fleisch aus den USA nach China schaffen. Eine simple Rechnung, sagt Luter, den sie in der Stadt ehrfürchtig King Joe nennen.

Edwards schreibt später einen Meinungsbeitrag für seine Zeitung: „Willkommen in der globalen Wirtschaft!“ Die Menschen in Smithfield sollten den Wandel als etwas Positives verstehen, weil sie ohnehin nichts dagegen ausrichten könnten. Dabei ist Edwards, ein Mittsechziger mit hoher Stirn, doch selbst ein Mann der gern grübelt.

An manchen Abenden setzt er sich in sein Boot und fährt über den Pagan River, bis er das Haus sieht, in dem King Joe früher gewohnt hat. Dann erinnert sich Edwards an eine Bemerkung Luters während des Interviews. Er sei sehr zuversichtlich, dass die Firmenzentrale von Smithfield Foods in Smithfield bleiben werde, hat Joseph Luter III. gesagt, dann aber eingeschränkt, er werde das nicht mehr entscheiden.

Der Grübler Edwards sagt nun: „Ich hoffe, dass die amerikanische Erfolgsstory nicht zu Ende ist. Ich hoffe es.“ Dann nimmt er Kurs zurück auf den Hafen von Smithfield. Noch ist das die Schweinefleisch-Hauptstadt der Welt.