Unter dem schwarzen Hut verbirgt Werner Schroeter ein zartes, verletzliches Gesicht. Überhaupt wirkt der ganze große Mensch sehr zerbrechlich. Die Krankheit hat seinen Körper gezeichnet, jedoch nicht seine Seele. Er spricht wach und klar. Die Assistentin und langjährige Freundin Monika Keppler schimpft, weil er seine Nudeln kaum angerührt hat. "Trinken Sie etwas mit uns?", fragt sie. Als der Kellner den Prosecco gebracht hat, hebt Schroeter sein Glas: "Auf das Leben", sagt er lächelnd.Herr Schroeter, Sie waren lange Zeit als Reisender mit leichtem Gepäck unterwegs. Haben Sie nach den vielen Jahren, in denen Sie von Drehort zu Theater zogen, inzwischen einen festen Wohnsitz?Eigentlich nicht. Ich bin wahnsinnig gerne unterwegs. So weit ich kann, bin ich weiterhin nicht sesshaft. Ich fühle mich unglaublich ungern in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, das ist für mich immer so gewesen. Wenn ich zum Beispiel in Berlin bin, wohne ich bei meiner lieben Freundin Monika Keppler. Das Wandern durch die Welt hat bei mir sehr früh angefangen, eigentlich schon als Jüngling. Ich bin mit vierzehn Jahren von zu Hause abgehauen und war eineinhalb Jahre auf einer süditalienischen Schule. Die Sehnsucht nach Entgrenzung ist mir geblieben. Ich habe immer Kraft geschöpft von diesen Unternehmungen im Ausland. Was heißt Ausland? Es wurde immer mehr Heimat. Unterwegs war die Heimat. Wenn ich nach Deutschland zurückkehrte, dann meistens, um Theater zu machen.Ihre Eltern verließen 1952 Thüringen, wo Sie 1945 nahe Gotha geboren wurden. Waren Sie später noch einmal dort?Ja, ich war früher öfter in der DDR, oft in Ost-Berlin. Zuletzt war ich da, als man mir mein Elternhaus - eine mittelgroße Villa in Georgenthal im Thüringer Wald, die zu DDR-Zeiten als Altersheim genutzt wurde - zurückgegeben hat. Ein trauriger Ort ist das geworden! Früher war Georgenthal ein recht bekannter Luftkurort und galt als sehr schön. Jetzt sind alle jungen Leute weg, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Das Haus ist nicht teuer, ruhig gelegen und steht leer. Ich würde es gern verkaufen, vielleicht wird wieder jemand darin glücklich. Ich als Großstadtmensch kann ja nicht nach Georgenthal ziehen, nichts liegt mir ferner.Sie haben 2008 in Venedig und dieses Jahr in Berlin einen Preis für Ihr Lebenswerk erhalten. Warum sieht man Ihre Filme trotzdem nur so selten im Kino?Das liegt daran, dass sie zum großen Teil restauriert werden müssen. Das Filmmuseum München will 24 Filme auf DVD herausgeben - nicht alle, aber genug, finde ich. Und von jedem Film wird außerdem eine Zelluloidkopie gezogen, sodass man die dann wieder auf ursprünglichem Material zeigen kann. Zelluloid ist von der Qualität her viel besser, etwa bei Nachtszenen und was die Tiefenschärfe anbelangt. Digitale Filme haben dagegen so einen glatten Aspekt. Es fehlt die Rauheit und Lebendigkeit des Materials durch das bewegte Filmkorn.Warum wollen Sie nicht sämtliche Filme in Ihre Werkausgabe aufnehmen?Vor allem, weil ich meine ganz frühen Filme wie "Callas Walking Lucia" oder "La Morte d'Isotta" einfach nicht mehr gut finde. Ich schäme mich ihretwegen nicht, aber man nimmt doch im Leben von so vielem Abschied, was überflüssig geworden ist. Ich bin weder der Archivar meiner selbst noch bin ich Sammler. Man hebt schließlich, wenn man halbwegs bei Trost ist, auch nicht Bücher auf, von denen man weiß, dass man sie nie wieder lesen wird. Ich jedenfalls tue das nicht, sondern schmeiße sie weg oder gebe sie an Freunde weiter. Und ich lese sehr viel. Denn am Tag bin ich mit vielen Menschen zusammen und wir arbeiten gemeinsam, aber nachts, wenn ich alleine bin, muss ich meine Konzentration auf etwas anderes richten, und dann sind die Bücher dran.Sie brauchen nicht viel Schlaf?Doch, eigentlich schon, aber das muss man sich abgewöhnen.Hat es bei Ihnen geklappt?Wie man sieht. Ich lebe ja noch.Und Sie sind auch nicht sentimental, was einen ja oft behindert, beim Verabschieden wie beim Wegwerfen?Nein, also bitte! Höchstens mal ganz privat. Sentimentalität in der Kunst ist der Feind von Gefühlen. Es hätte immer den Glanz des Ungenügenden, des Hohlen, der Lüge des Körpers und der Zunge. Es ist ein Ausweichen vor echten Gefühlen. Das kann man sich mal in einer privaten Verzweiflung leisten, aber das filtert man bitte ab, bevor man sich in die Kunst begibt.Trotzdem hat man Ihnen immer wieder eine gewisse Nähe zum - wenn auch edlen - Kitsch vorgeworfen?Kitsch und Sentimentalität haben doch gar nichts miteinander zu tun! Das kann sich mal überschneiden, aber nicht bei mir. Wobei diese Begrifflichkeiten ja gar nicht helfen. Die Frage ist lediglich: Ist ein Bild, eine Szene glaubwürdig?Kritiker nannten Sie den "letzten Manieristen". Mit Ihrer musikalisch formalisierten Kunstsprache, die virtuose Melodramatik, das stilisierte Pathos sind Sie unter den deutschen Autorenfilmern sicher derjenige, der sich die ungewöhnlichsten und schwierigsten Mittel ausgesucht hat, um Glaubwürdigkeit zu erzielen.Das mag sein. Ich weiß, dass ich nie einer künstlerischen oder wie auch immer gearteten Bewegung angehört habe. Dazu bin ich viel zu individualistisch. Darüber habe ich mir auch nie Gedanken gemacht. Die Arbeit ist bei mir ganz eigen, ganz organisch entstanden.Hat es Sie nie irritiert, dass Sie mit Ihrer Ästhetik, auch wenn Fassbinder gelegentlich ebenfalls eine Vorliebe für das Melodram hatte, eigentlich allein auf weiter Flur standen?Im Gegenteil, ich fand das sehr schön. Das ist doch klar! Wenn man etwas tut, was sonst niemandem einfällt, gibt das auch Befriedigung.Filmemachen ist teuer. Hatten Sie nie Angst, wie Sie weiterarbeiten können, wenn zu wenige Zuschauer Ihre Filme sehen wollen?Ach, das Geld ist schon ein Problem, das stimmt. Und Filme wie meine sind sehr schwer zu finanzieren, praktisch gar nicht. Ganz selten nur klappt das auf Anhieb. Und wenn, dann freut man sich sehr. Mein tägliches Überleben konnte ich nur durch die Theaterarbeit sichern. Ich habe für Oper und Schauspiel wohl rund achtzig Inszenierungen gemacht. Mit den Filmen habe ich nichts verdient.Wie kamen Sie überhaupt zum Theater?Auch organisch! Nachdem mein Film "Salome", den ich 1971 im Libanon mit Magdalena Montezuma als Herodes gedreht hatte, im ZDF gelaufen war, riefen mich Peter Zadek, Ivan Nagel und Jean-Pierre Ponnelle an und sagten: "Werner, Sie müssen Theater machen!" Alle drei machten mir Angebote. Da habe ich erst einmal mit Angst und Schrecken vor der Institution Stadttheater zögernd zugesagt und dann als erstes am Schauspielhaus Hamburg "Emilia Galotti" inszeniert, dann "Salome" in Bochum. So hat sich das Schritt für Schritt ergeben. Und plötzlich saß ich in der Theaterfamilie, in der ich mich gleich sehr wohl fühlte, und habe mich zeitweise gar nicht um meine Filmarbeit gekümmert.Sie hatten genug Fantasie, Kraft und Souveränität, um sich abseits des Mainstreams zu behaupten. Woher haben Sie dieses Selbstvertrauen genommen?Ich glaube, wenn man die innere Dringlichkeit hat und das tut, was man tun muss, einfach weil es die eigene Lebensaufgabe ist, dann macht man das - ganz egal wann und wo. Ich habe in den USA, in Frankreich und Deutschland unterrichtet. Wenn mich Studenten fragten, "Wie haben Sie das gemacht, Sie sind doch Autodidakt?", konnte ich nur antworten: "Die Frage allein ist schon falsch. Wenn man sie sich stellt, kann man es eben nicht." Ich habe mich nie gefragt, ob und wie ich etwas machen soll, sondern ich machte es einfach.Ihre institutionelle Ausbildung war wirklich sehr kurz: Sie haben nur stolze drei Wochen Psychologie in Mannheim studiert und dann drei Monate an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, oder?Ja, in München war ich etwa mit Wim Wenders in einer Klasse. Er hat das Studium abgeschlossen. Ich hatte die Nase bald voll, ich wollte nicht länger passiv herumsitzen und zuhören. Deshalb habe ich im Januar 1968 mit meiner Doppel-8-Kamera, die ich einmal geschenkt bekommen und bis dahin kaum benutzt hatte, angefangen, Filme zu drehen. Und das habe ich ganz konsequent Tag und Nacht gemacht. Dabei schloss ich die ersten Freundschaften wie mit Magdalena Montezuma, die mir dann jahrelang als Schauspielerin, Ausstatterin, Beraterin erhalten blieb. So entstand eine Arbeitsfamilie. Verdient hat niemand etwas mit unserer Kunst, aber man hat es geschafft, davon zu leben: Man tut es oder man tut es nicht.Könnte man Sie in Ihrer völligen Unabhängigkeit als Originalkünstler bezeichnen?Meinethalben, wenn Sie Begriffe lieben, ich habe mit den Begriffen nichts am Hut. Für mich stellt sich die Frage gar nicht. Die Grundlagen für meine Filme waren wirklich sehr einfach, ich sagte mir: Da liegt die Kamera, hier ist der Fotoladen, in dem ich die Doppel-8-mm-Filme bekomme, dorthin schicke ich sie zur Entwicklung. Und los!Irgendwann kommen aber dann die Rechnungen ins Haus, oder?Ja nun, das waren nicht so hohe Rechnungen. Und außerdem hatte ich Glück. Meine Mutter hatte auch kein Geld, aber immerhin ein bisschen, und die hat mir später eine 16-mm-Kamera für dreitausend Mark gekauft. Mit der habe ich lange selbst gefilmt, noch ehe ich mir einen Kameramann oder eine Kamerafrau leisten konnte. Später haben mir Freunde Geld gegeben und das reichte aus und hat sich meistens ausgeglichen. Schauen Sie: Die zweieinhalb Stunden 16-mm-Film für "Eika Katappa" haben 1969 rund 12 000 Mark gekostet, mehr nicht. Den Film habe ich für diesen Betrag an die Dritten Programme verkaufen können. Er stellte damals etwas Neues dar und die Fernsehleute haben sich noch getraut, einen solchen Experimentalfilm zu kaufen. Ich habe das Risiko niemals gescheut. Die künstlerische Konsequenz hat mir finanziell natürlich oft geschadet, weshalb ich immer wieder bankrott gewesen bin. Doch hätte ich mich auch noch darum gekümmert, wäre gar nichts zustande gekommen.Ist es angesichts kostenintensiverer Produktionsbedingungen und der in den Kinos wie in den Fernsehanstalten dominierenden kommerziell ausgerichteten Programme überhaupt noch möglich, so einen Weg einzuschlagen, wie Sie es getan haben? Wäre eine Karriere wie die Ihre heute denkbar?Allgemein glaube ich nicht, dass es schwieriger geworden ist, aber graduell mag das schon so sein: weil die Entscheidungsträger feiger geworden sind, weil ein populistisches Standardbild durchgedrückt wird - das ganze Fernsehen lebt von Krimis, die im Normalfall ziemliche Plattitüden verbreiten. Die Festlegung auf bestimmte inhaltliche und ästhetische Klischees ist ganz bestimmt stärker geworden. Von der Ambition hingegen sehe ich keinen Unterschied: Man tut's oder man tut's nicht. Die Schwierigkeiten, auf die man stößt, muss man halt überwinden.Im letzten Sommer haben Sie an der Volksbühne "Antigone/Elektra" inszeniert, vor Kurzem hatte "Quai West" Premiere. Wie kamen Sie ausgerechnet an dieses Theater, an dem eigentlich eine ganz andere Ästhetik als die Ihre gepflegt wird?Man hat mich einfach angesprochen und eingeladen. Ich fand es gut, dass die Verantwortlichen die Volksbühne öffnen, sie nicht an einem bestimmten Punkt stehen lassen wollten. Ich halte es für extrem wichtig, auch andere stilistische Richtungen zu zeigen. Im besten Fall ist dieses Theater unprätentiös und verträgt eine vielfältige künstlerische Spannweite. Die Volksbühne ist trotz allem Chaos das sympathischste Haus in Berlin. Und das Theatergebäude ist wunderschön.Kannten Sie den 1989 mit 41 Jahren an Aids verstorbenen Autor des Stückes "Quai West", Bernard-Marie Koltès persönlich?Ich habe ihn 1985 ein einziges Mal getroffen, bei einem Abendessen mit gemeinsamen Freunden. Da haben wir über verschiedene Lebensauffassungen geredet, etwa dass er sich immer wieder auf anonymen, ungeschützten Sex einließ. Ich habe irgendwann gesagt: "Das kann man doch - wegen Aids - einfach nicht mehr machen!" Er: "Doch. Und ich werde mich nie ändern!" Koltès war in dieser Hinsicht ähnlich wie der Philosoph Michel Foucault, der in seinem Krankenbett sagte: "Ist es denn nicht angenehmer, ich sterbe durch das Sperma eines hübschen jungen Mannes anstatt an Krebs?" Das hat damals einen Aufschrei der Empörung in Frankreich ausgelöst.Als aktuelles gesellschaftspolitisches Statement könnte man einen Satz von Ihnen lesen, den Sie vor Kurzem gesagt haben: "Kunst und Kultur sind die einzigen Waffen gegen die Barbarei."Das wiederhole ich gerne. Barbarei geht nicht nur bis hin zum Massenmord, sondern meint auch im übertragenen Sinne die allgemeine Verblödung. Die Beschäftigung mit den Schönen Künsten, und das ist ja kein sentimentaler Begriff, denn es SIND die SCHÖNEN Künste, ist nicht nur eine seelische Stütze, sie erlaubt auch eine wahre Seelenerweiterung. An allererster Position steht sicherlich die Musik, diese unglaubliche künstlerische Ausdrucksform, die nicht mehr mit Worten hantiert und sich auf einer ganz anderen Stufe der Kommunikation befindet. Amusische Menschen sind natürlich schwer anzusprechen.Können Sie Ihren Begriff von Schönheit benennen?In meiner Ausstellung im Haus am Lützowplatz hingen ein paar Fotos von Monsieur Jean, dem wegen einer schrecklichen Elephantiasis ein riesiges Geschwür aus dem Gesicht wuchert. Darunter befinden sich zwei Bilder der Schauspielerin Carole Bouquet, ungeschminkt und damals 24 Jahre jung. Alle zusammen habe ich unaufdringlich in Kreuzform angeordnet. Man fragt sich: Was ist schöner? Die Schönheit dieses Monsieur liegt ja nicht auf der Hand. Schönheit heißt hier, sich trotz allem im Leben zu bewegen, trotz allem einen Blick auf die Welt werfen zu wollen, trotz allem etwas aufzunehmen, zu kommunizieren, zu leben - mit einer Hoffnung und einem gewissen Konzept. Auch die naturgegebene extreme Schönheit von Carole Bouquet ist ein solches Gottesgeschenk, wenngleich es ihr, im Gegensatz zu Monsieur Jean, das Leben in unserer Gesellschaft enorm erleichtert.Schönheit ist also, wenn ich Sie recht verstehe, eine Energieform?Ja, sehr gut gesagt! Besser kann man es gar nicht ausdrücken.Wer es wissen wollte, konnte schon vor einigen Jahren erfahren, dass Sie schwer an Krebs erkrankt sind, weil Sie kein Geheimnis daraus machten. Wie hat sich Ihr Leben verändert?Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Krankheit umzugehen. Die eine ist, über die Grenzerfahrungen, die mit ihr verbunden sein können, Bücher zu schreiben und die Krankheit in den Vordergrund zu stellen, was ich im Fall von Christoph Schlingensief, den ich sehr gut kenne, nachvollziehen kann. Sein Verhalten finde ich völlig authentisch, er war und ist so. Das ist seine Art, damit umzugehen. Bei mir ist das anders. Ich könnte meine Krankheit nicht ins Zentrum rücken - auch, damit mich andere nicht nur darauf reduzieren. Natürlich gibt es Schwierigkeiten nach solchen Diagnosen, die Behandlungen, Krankenhausaufenthalte. Ich weiß aber nicht, wem es helfen sollte, daraus eine große öffentliche Sache zu machen. Ich finde es wichtiger zu zeigen: Auch wenn man krank ist, kann man arbeiten, wenn man diese Arbeit als das nimmt, was sie ist, nämlich Freude am Dasein. Und dass man Kraft bekommt, wenn man - so vorhanden - der inneren Notwendigkeit, sich auszudrücken, nachgeht. Es kann für andere vielleicht ein Trost sein, dass man trotz Krebs weitermachen kann. Aber ich möchte meine Erkrankung nicht an die erste Stelle schieben, da sehe ich sie nämlich nicht. Jedoch sind solche schweren Krankheiten natürlich ein physisches wie psychisches Auf und Ab, das ist klar.Das heißt, die Krankheit gibt die Richtlinien vor, unter denen Sie nun weiterleben und weiterarbeiten?Nein, wieso, das Leben stellt diese Bedingungen! Krankheit zählt zum Leben dazu. Es kann einem auch eine familiäre Katastrophe sehr zu schaffen machen, oder eine unglückliche Liebesgeschichte. Ich finde, Krankheit sollte gesellschaftlich nicht geächtet, sondern als ein im großen Rahmen selbstverständliches Auftauchen von Malaisen betrachtet werden. Man muss sich ja nicht manipulieren lassen von ihr oder von einem anderen schlimmen Ereignis, sondern dadurch höchstens ein wenig anders konditioniert werden, weil die condition d'être davon betroffen ist, die allgemeine Lebenssituation. Ich versuche, mich damit auseinanderzusetzen und in einer für mich recht schwierigen Situation daraus zu lernen. Das könnte, glaube ich, eine Chance sein. Wie weit einem das gelingt, kann man nie wissen. Alle Sentimentalität ist auch unter diesen Umständen falsch, sie hilft keinen Schritt weiter.Müssen Sie oft zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen?Es gibt schon immer wieder Untersuchungen, die muss man halt organisieren, damit man alles miteinander vereinbaren kann. Die Beschwerden kommen und gehen. Sie sehen ja selbst, wie viele Krebsarten im Ansteigen begriffen sind. Was mich ziemlich umgehauen hat, war der plötzliche Tod von Pina Bausch, mit der ich einen Film vorhatte, bei dem ich während ihren Proben hätte drehen dürfen, was sie ansonsten nicht mochte.Haben Sie eigentlich ein Testament gemacht?Nein, aber das werde ich jetzt bald machen. Ich habe es bislang einfach vergessen oder die Zeit reichte nicht dafür. Es ist nicht aus Angst vor irgendwas . Und wie sieht's bei Ihnen aus?Ich habe auch keines, aber aus Angst vor dem Sterben.Voilà! Aber ich finde, man sollte trotzdem eines machen. Bei mir steht es jedenfalls demnächst auf dem Programm!------------------------------Werner SchroeterFoto: Im April 1945 wurde der Film-, Theater- und Opernregisseur Werner Schroeter in Thüringen geboren. Er wuchs in Bielefeld, Heidelberg und Neapel auf. Früh begann er die Kunst zu lieben, und die Kunst liebte ihn: Bereits sein erster Langfilm, "Eika Katappa", wurde bei der Mannheimer Filmwoche 1969 preisgekrönt."Magic Werner", wie die Franzosen den offen schwulen Künstler nennen, trägt stets einen schwarzen Hut. Der elegante Kosmopolit beherrscht sieben Sprachen.Zu seinen bekanntesten Filmen zählen "Palermo oder Wolfsburg" (Goldenen Bär 1980), "Tag der Idioten" (1981, mit Carole Bouquet, Ingrid Caven, Christine Kaufmann, Magdalena Montezuma), "Malina" (1991, mit Isabelle Huppert), "Die Königin" (Arte-Preis 2000, mit und über Marianne Hoppe). 2008 kam "Diese Nacht" mit Pascal Greggory in die Kinos.Für Oper und Theater schuf Schroeter rund achtzig Inszenierungen, wie 1997 "Monsieur Verdoux" am Berliner Ensemble (mit Martin Wuttke, Marianne Hoppe, Eva Mattes). Anfang März brachte er Bernard-Marie Koltès' "Quai West" an der Volksbühne heraus.