Innen-Staatssekretär Kuno Böse (CDU) hat sich erstmals deutlich vom Berliner Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) distanziert. "Ich fühle mich in vielen Punkten nicht vollständig informiert", sagte Böse am Montag der "Berliner Zeitung". Er lasse jetzt prüfen, ob die Verfassungsschützer ihm Informationen über den V-Mann (Deckname "Junior") vorenthalten hätten. Böse: "Es gibt Hinweise darauf, daß nicht alles vorgelegt wurde."Wie berichtet, hatte Böse der Anwerbung des Mannes, der früher für die Stasi tätig war, im September 1997 zugestimmt. Der V-Mann hatte dann im Frühjahr 1998 den Polizeidirektor Otto Dreksler fälschlicherweise als Scientologen identifiziert. Dreksler wurde daraufhin suspendiert, ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Erst Ende August wurde der Polizeidirektor rehabilitiert. Drekslers Rechtsanwalt will sich unterdessen Einsicht in die geheimen Verfassungsschutz-Akten verschaffen. Ziel sei es, die Identität des V-Manns zu erfahren, um diesen gegebenfalls verklagen zu können, so der Anwalt.Schönbohms Staatssekretär Böse war bei der Anwerbung des V-Manns beteiligt worden, weil die Innenminister erst im Juni 1997 beschlossen hatten, die Scientology-Organisation mit nachrichtendienstlichen Mitteln zu beobachten. "Die Anwerbung eines V-Manns hatte also eine besondere Bedeutung", sagte Böse. Der Bericht der Verfassungsschützer sei ihm im Wortlaut nicht bekannt gewesen. Ihm habe wie in der Verwaltung üblich nur der Entscheidungs-Vermerk seiner Abteilung vorgelegen. Daraus sei hervorgegangen, daß der Mann früher als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Stasi tätig war. Dies habe längere Zeit zurückgelegen, der Mann habe niemandem geschadet. Außerdem wußte Böse, daß der V-Mann "kleinere Straftaten" begangen haben soll. "Diese Taten waren aber alle verjährt", so Böse. Nach diesen Kriterien hätte man den Mann auch im öffentlichen Dienst beschäftigen können. "Ich lasse jetzt prüfen, was das Landesamt noch wußte, und wenn das Amt mehr wußte, warum ich nicht informiert wurde", sagte der Staatssekretär. Böse betonte nochmals, daß der V-Mann hinsichtlich der Scientology-Organisation "eine zuverlässige Quelle war".Der Vorstand der PDS-Fraktion fordert unterdessen die Entlassung von Böse. Die Fraktion will am Donnerstag einen entsprechenden Antrag ins Abgeordnetenhaus einbringen. Außerdem fordert die PDS die Mißbilligung von Schönbohm. Die Bündnisgrünen werden dagegen einen Mißtrauensantrag gegen Schönbohm einbringen, über den frühstens am Sonnabend abgestimmt werden kann. Die SPD will den Anträgen nicht zustimmen, äußerte am Montag aber heftig Kritik am Innensenator. "Schönbohm tut alles andere als sich um seine Aufgaben und das Landesamt für Verfassungsschutz zu kümmern", sagte SPD-Fraktionssprecher Peter Stadtmüller. Im LfV liege bei der Überprüfung der Informanten "alles total im Argen".