Wer im Internet seine Privatsphäre schützen will, wird von der NSA als Extremist eingestuft und unter besondere Beobachtung gestellt. Dies geht aus Recherchen des WDR und des NDR hervor. Demnach hat der US-Geheimdienst unter anderem einen deutschen Studenten sowie den Hackerverein Chaos Computer Club bespitzelt mit dem Ziel, eine Datenbank über die Nutzer von Anonymisierungssoftware im Internet anzulegen.

Der Erlanger Informatikstudent Sebastian Hahn gelangte in das Visier der NSA, da er einen Server des sogenannten Tor-Projekts betreibt. Diese Initiative ermöglicht es allen Menschen, sich unbeobachtet im Internet zu bewegen. Dazu wird ein modifizierter Firefox-Browser von www.torproject.org heruntergeladen. Wenn man dann eine Website aufruft, wird die Anfrage zunächst über verschiedene andere Rechner im Tor-Netzwerk umgeleitet. Kommt die Anfrage dann bei einer Website an, kann niemand, der das Netzwerk bespitzelt, wissen, wer sie ursprünglich abschickte. Besonders Anwälte, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten verwenden Tor. In Diktaturen ist der Einsatz von Tor eine Überlebensfrage. Die NSA bezeichnet Tor-Nutzer hingegen in nun bekannt gewordenen Kommentaren des Quelltextes eines Überwachungsprogramms als Extremisten, obwohl die US-Regierung das Projekt seit den Anfangsjahren finanziell unterstützt.

Mit der Überwachung des Servers des Studenten zielte die NSA darauf, eine Liste von Tor-Nutzern erhalten. Seinem Server kam die Rolle einer Art Knotenpunkt in dem Anonymisierungsnetzwerk zu, sodass Hunderttausende täglich darauf zugriffen. Schockierend nennt es der 27-Jährige, wie einfach Unschuldige in den Fokus der Überwachung geraten können und mit welcher Selbstverständlichkeit die Geheimdienste vorgehen. Daran, sich durch die Überwachung von der NSA einschüchtern zu lassen, denkt Hahn nicht. „Ich fühle mich bestätigt auf meinem Weg“, erklärt er. Nun sei eine gute Zeit, das Tor-Projekt zu unterstützen, schreibt er auf Twitter. Je mehr es nutzen, desto mehr läuft die Rasterfahndung ins Leere. Hahn ist der zweite namentlich bekannte Deutsche, der ins Visier der NSA geriet – nach Angela Merkel.

Angesichts der neuen Enthüllungen forderten SPD, Grüne und Linke Generalbundesanwalt Harald Range zu Ermittlungen auf. Range solle handeln – „und zwar möglichst schnell“, sagte der SPD-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, Christian Flisek, am Donnerstag am Rande der Sitzung des Auschusses in Berlin.