Der Eklat um die Verfassungsrichter-Wahl in Brandenburg ist am Mittwoch in letzter Minute abgewendet worden. Der Landtag bestimmte zwar nur die sechs von SPD und CDU vorgeschlagenen Richter mit Zweidrittelmehrheit neu. Doch die PDS beteiligte sich an der Abstimmung, obwohl sie nach den am Vortag ausgebrochenen Auseinandersetzungen in der SPD um die Schriftstellerin Daniela Dahn ihre beiden Bewerber unter Protest zurückzog. Dahn und der Berliner Staatsrechtler Martin Kutscha sollen nun im Dezember zur Wahl gestellt werden.Die Stimmung im Landtag war schon am Morgen hochexplosiv. Außerordentliche Ausschußsitzungen, Auszeiten, emotionsgeladene Wortwechsel. "Wir werden die Diffamierungen Daniela Dahns nicht hinnehmen", sagte sich PDS-Fraktionschef Lothar Bisky und kündigte den Boykott der Wahl an: "Heute wird ein trauriger Tag in der Brandenburger Parlamentsgeschichte!" Lautstark wetterte SPD-Fraktions-chef Wolfgang Birthler auf dem Landtagsflur gegen PDS-Geschäftsführer Heinz Vietze: "Ihr müßt immer eure populistischen Kandidaten schicken: Heym, Schmähling, Täve Schur und jetzt Dahn. Euch geht s nicht ums Amt, sondern eure Propaganda-Show!"Bei den SPD-Genossen, auch denen, die Dahn nach anfänglicher Zustimmung am Dienstag mit großer Mehrheit überraschend abgelehnt hatten, hatte sich die Stimmung schon gedreht. Während Birthler noch der PDS vorwarf, durch mangelndes Bemühen um Konsens die Verwerfungen selbst verursacht zu haben, übten sich viele SPD-Abgeordnete in Selbstkritik: Derart wichtige Personalentscheidungen müßten künftig gewissenhafter und länger vorbereitet werden, sagte der rechtspolitische Sprecher Peter Muschalla.Die scharfen, teils auf falschen Zitaten beruhenden Angriffe gegen die Schriftstellerin, deren Verhältnis zum Rechtsstaat angezweifelt wurde, wurden bedauert. Hinter den Kulissen munkelte man, das Justizministerium habe bei der Verhinderung Dahns die Finger im Spiel gehabt. Selbst der auf SPD-Vorschlag in seinem Amt bestätigte Verfassungsgerichtspräsident Peter Macke sagte, daß "eine frühzeitigere, abschließende Meinungsbildung wünschenswert" gewesen wäre.Regierungschef Manfred Stolpe war es schließlich, der gemeinsam mit Vietze im Hintergrund die Weichen auf Deeskalation stellte. Ungewohnt klar gab er sich als Dahn-Befürworter zu erkennen: Sie sei "eine der überzeugendsten Persönlichkeiten, die ostdeutsche Befindlichkeiten artikulieren kann". Der gefundene Königsweg: Die PDS erhielt im Landtag Gelegenheit zu einer Erklärung und nahm an der Wahl teil. Die SPD-Fraktion wird erneut mit Dahn über den Vorwurf, sie habe die Waldheim-Prozesse verharmlost, diskutieren. In einer Erklärung verwahrte sie sich schon gestern dagegen und behält sich "im Vertrauen auf den Rechtsstaat" weitere Schritte vor.Ob es bis Dezember einen neuerlichen Stimmungsumschwung der SPD geben kann, beurteilte Birthler, der für Dahn votierte, skeptisch. Aber Stolpe sagte, daß sich "bei Menschen, die für Argumente aufgeschlossen sind, immer neue Gesichtspunkte" ergeben könnten.