Mit ihren ungezähmten roten Locken und den abertausend vorwitzigen Sommersprossen, der durchtrainierten Gestalt und dem Oberarm-Tatoo könnte Vivian Naefe durchaus die Heldin aus einem ihrer Filme sein. Seit jeher hat es die Münchner Filmemacherin mit den modernen unabhängigen Frauen: Schon in "Zuckerhut", ihrem Abschlussfilm 1982 an der Filmhochschule, spielte Despina Pajanou eine selbstbewusste Zeichnerin auf der Suche nach der beständigen Beziehung, die ihrer Persönlichkeitsentfaltung nicht im Wege stehen würde. Seit diesem erfolgreichen Debüt - die ARD übernahm den Film ins Hauptprogramm - hat Vivian Naefe immer wieder das emotionale Dilemma emanzipierter Frauen inszeniert.Die Liste der Schauspielerinnen, mit denen die inzwischen 48-Jährige gearbeitet hat, ist lang und illuster: Mit Barbara Auer drehte sie die Multikulti-Entführungsgeschichte "Meine Tochter gehört mir", mit Gudrun Landgrebe und Muriel Baumeister "Ich liebe den Mann meiner Tochter". Veronica Ferres war in dem gleichnamigen ZDF-Zweiteiler die "Ungehorsame Frau", Nicolette Krebitz in dem Psychiatrie-Drama "So schnell du kannst" die manisch-depressive Linda. Viele ihrer Hauptdarstellerinnen gewannen mit Filmen von Vivian Naefe renommierte Darstellerpreise. Man könnte es so ausdrücken: Die Regisseurin, selbst Tochter einer Schauspielerin, pflegt einen vergleichsweise uneigennützigen Regiestil, der gerne dadurch glänzt, Schauspielerinnen groß zu machen.Begehrt und verachtetIn der historischen Literaturverfilmung "Wellen", die das ZDF am Donnerstag zeigt, ist Marie Bäumer Vivian Naefes Star. Sie ist die mittellose Gräfin Alice, die ihren dreißig Jahre älteren Ehemann für einen jungen Maler verließ und deshalb zum "Strandgespräch" der wilhelminischen Sommergesellschaft geworden ist: Von den Männern wird Alice insgeheim begehrt und von den Damen offen verachtet. So ist das Leben für Alice nach ihrem Ausbruch aus dem Ehegefängnis nicht leichter geworden. Inzwischen ist der Liebesrausch verflogen, dem Gefühl von Leidenschaft und Freiheit folgt die bittere Erkenntnis, selbst in der Sommerfrische im gesellschaftlichen Abseits zu stehen. Weil die aristokratische Gesellschaft sie schneidet, fühlt sich Alice in ihrer abgelegenen Fischerhütte nun genauso eingesperrt wie zuvor in ihrer Versorgungsehe.Vivian Naefe zeigt die Gräfin als ambivalente Figur: Einerseits besteht sie emanzipiert auf ihr privates Glück, andererseits wurde Alice als Frau ihrer Zeit dazu erzogen, ihren eigenen Wert ausschließlich im männlichen Begehren zu erkennen. Deshalb bleibt Alice auf die erotische Widerspiegelung angewiesen. Als der Maler Til ihr die nicht mehr geben kann, wendet sich die junge Frau reflexartig einem anderen Bewerber zu. Dass der Husarenleutnant Carl von Gonthard mit der jungen Baroness Lolo verlobt ist, macht die Liaison zu einem gesellschaftlichen Skandal.Sie habe in ihrer Verfilmung "die Gräfin sympathischer gemacht", sagt Vivian Naefe. In der ersten Drehbuchfassung von Günther Schütter entwickelte sich der Roman von Eduard von Keyserling nämlich eher ins Politische: Schütter verlegte die elegant erzählte Sommergeschichte aus der Jahrhundertwende in den Juli 1913. Ein Jahr später wird der Erste Weltkrieg beginnen; die Offiziere üben sich bereits im Säbelrasseln - der junge Heißsporn Carl (Florian Stetter) genauso wie sein Schwiegervater in spe, der stadtbekannte Schürzenjäger Baron Rolf von Buttlär (Matthias Habich).Mit großer Schaulust inszeniertAls Vivian Naefe sich mit "Wellen" zu beschäftigen begann, arbeitete Schütter bereits seit mehreren Jahren an der Adaption. Die Story, die nun so aussieht wie ein typischer Naefe-Emanzipationsstoff, wurde ihr von der Produzentin Regina Ziegler angeboten. Marcel Reich-Ranicki hatte noch zu Zeiten des "Literarischen Quartetts" eine Keyserling-Renaissance bewirkt. Die Berliner Produzentin sicherte sich sogleich die Filmrechte."Wellen" ist Vivian Naefes erste historische Arbeit. Die Selbstinszenierung der wilhelminischen Gesellschaft mit ihrem Chauvinismus hat sie gereizt. Mit sehenswerter Leichtfüßigkeit und einem durchaus ironischen Blick auf das brutale Regelwerk der Ständegesellschaft hat die erfahrene Komödienregisseurin die dramatische Geschichte nun im Geist von Arthur Schnitzlers "Reigen" inszeniert. "Alle suchen nach der großen Liebe und geben sich mit Sex zufrieden", beschreibt Naefe den Film sehr bündig.Neben Marie Bäumer und Florian Stetter sind es vor allem die Nebenrollen - Matthias Habich, Sunnyi Melles, Monica Bleibtreu und Christian Grashof - die "Wellen" zu einer großen Schaulust machen. Mit wenigen Szenen und wenigen Gesten formen sie Naefes ambivalente Botschaft, dass das Frivole dieser prüden Gesellschaft zwar lächerlich ist, aber auch eine abgründige Seite hat. Am Ende geht niemand unbeschadet aus diesem Sommer hervor. "Die Frauen leiden nur anders als die Männer", sagt Vivian Naefe.------------------------------Wellen, Do., 20.15 Uhr, ZDF------------------------------Foto: Nur mit Geheimrat Frosenius (Christian Grashof) kann sich Gräfin Alice (Marie Bäumer) über das austauschen, was sie bewegt.