Am Donnerstag hat "Kean" in der Regie von Frank Castorf in der Volksbühne Premiere. Es geht um den berühmten Shakespeare-Darsteller, der vor zweihundert Jahren die Bühnen Englands, Frankreichs und Amerikas "rockte", wie es Alexander Scheer ausdrücken würde. Scheer spielt den Star, der er immer schon werden wollte. 1976 in Ostberlin geboren, verzichtete er auf Schulabschluss und Schauspielausbildung, schlug sich mit Jobs durch, drehte Underground-Filme und ergatterte in Leander Haußmanns "Sonnenallee" seine erste große Rolle. Haußmann nahm ihn mit ans Bochumer Theater, wo Scheer sein Handwerk lernte. Er arbeitete mit Stefan Pucher und Frank Castorf und drehte jede Menge Filme. Vom Theater hat er eigentlich schon eine Weile genug. Wir trafen uns zu einem Gespräch nach der Probe.Oh, Herr Scheer, Sie tragen Pony, ich hätte Sie fast nicht erkannt.Das ist meine Drehfrisur: Wir machen gerade "Störtebeker" in Stralsund, Milan Peschel und ich spielen Kopfgeldjäger. Gestern mussten wir zwei Seiten Dialog in einer saukalten Kirche abdrehen, und heute morgen ging's zurück hierher zur Probe. Dieser ganze Text! Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll! Also, ich schaff das, klar, aber es sind so viele Wörter.Sie spielen einen Theaterstar aus dem 19. Jahrhundert. Können Sie ihn nach der Probe abschütteln? Hat Edmund Kean jetzt Feierabend?Na ja, ich erzähle ja immer, dass ich ein method-acting Schauspieler bin, dass ich die Figuren in meine Seele lasse - aber das stimmt gar nicht. Kean? Ich hab dazu noch keine Idee. Wir haben drei Wochen geprobt, eine knappe ist noch übrig. Ich gehe jetzt nach Hause und lerne Texte. Dann mach ich mein Schläfchen, träume von der Probe, Albträume natürlich: Das Bühnenbild bricht zusammen, die Kostüme zerreißen, der Text hängt. Und dann geht's wieder auf die Probe. So war es jetzt die letzten drei Wochen.Und zwischendurch wird gedreht.Genau. Gestern beim Dreh hat mich die Catering-Frau angesprochen: "Du hast ja schon wieder das Volksbühnen-T-Shirt an." Ich: "Wieso, hast du was gegen die Volksbühne?" Und wieder sie: "Das nicht, aber du trägst das Ding schon vier Tage." Da hat sie recht. Ich komme kaum dazu, mich umzuziehen.Das hätte ich jetzt nicht bemerkt.Das Shirt ist noch ganz sauber. Ich hab es ja nur zwei Stunden täglich an, ansonsten bin ich in Kostüm. Also: Keine Pause für Scheer, keine Pause für Kean. Er vermischt sich mit den anderen. Ich spiele Kean mit einer Piratenfrisur aus dem 14. Jahrhundert. Kean spielt in "Kean" Othello, so wie ich in Hamburg. Die malen mich wieder schwarz an und wollen das Originalkostüm verwenden. Was ist das? Ist das Scheer in Hamburg? Kean in Stralsund? Othello in Berlin? Dieses Durcheinander mag ich. Kean sagt, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Kunst und Leben.Er sagt, dass die Natur eine billige Kopie der Kunst ist.Je nach Fassung, ja. Wir hatten den Tisch voller Texte, die Dumas-Übersetzungen, die Sartre-Bearbeitung, Heiner Müllers "Hamletmaschine" und Originaltexte von Lothar Trolle. Ein irrer Wust. Seit zwei Tagen haben wir so etwas wie eine Fassung, ungefähr 100 Seiten. Oder 150. Oder 300. Ungefähr.Kean war nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch ein drogenabhängiger Frauenverbraucher, der einsam und zerrüttet starb. Erkennen Sie sich in ihm wieder?Nö.Och.Um Sie nicht zu enttäuschen: Es gibt Parallelen. Aber ich habe aufgehört mit den Drogen, weil ich Schauspieler geworden bin. Ich hab einmal - ist aber schon fünfzehn Jahre her - unter LSD gespielt, das funktioniert überhaupt nicht. Kean ist besoffen auf die Bühne gegangen, das kann ich nicht.Im Stück sagt Kean, dass man spielt, um das zu sein, was man nicht sein kann, weil man es satt hat, das zu sein, was man ist. Ist es das?Der Applaus ist es jedenfalls nicht. Aber es stimmt: Auf der Bühne kannst du sein, was du nicht bist, und Sachen sagen, die dir nie einfallen würden. Aber letztlich bin das ja immer ich. Es geht ja immer darum, die Hosen runterzulassen. Ich hasse es, wirklich, aber es ist auch geil: Wenn du verausgabt und fertig bist von der Vorstellung, in der Kantine sitzt, Mineralwasser trinkst - ich trinke ja nur noch Mineralwasser - das ist gut, wie Sport. Auch wenn du am nächsten Tag völlig im Arsch bist, du bleibst immer in Action. Aber das ist alles nicht der Grund, warum ich spiele.Wann hören Sie auf zu spielen?Mein Privatleben geht keinen was an. Nur so viel: Es ist super. Eins verrate ich Ihnen: Ich bin Drache, das einzige Fabelwesen im chinesischen Horoskop. Ein Drache zwischen Schweinen, Ratten und Affen. In China bauen sie Löcher in die Wolkenkratzer, damit die Drachen durchfliegen können.Kean ist als uneheliches Kind aufgewachsen und litt unter Komplexen.Kean war ein Hurensohn aus der Gosse von London. Auch wenn er noch so gut Shakespeare spielt, gehört er nicht dazu. Er findet als Narr Verwendung, aber als Kean wird der nicht ernst genommen. Das ist hart. Dauernd spielt er Könige, aber die Krone ist aus Pappe. Er hat diese Spannung voll ausgereizt. Das hat er nur zwölf Jahre ausgehalten. Da habe ich andere Perspektiven.Sie haben geklagt, dass Sie zeitweise nichts anderes sprechen als Text und sich nicht anders bewegen als in Gesten. Das ist auch Keans Problem.Solche Phasen gab es in den letzten zwölf Jahren, in denen ich Theater gespielt habe. Da fragst du dich, was du machst. Stehst da mit Flugticket, Taxiquittung, Hotelrechnung und Textbüchern, rennst zum Zug, damit du rechtzeitig in Köln beim Funk bist, abends ist Vorstellung und dann vielleicht noch ein Nachtdreh. Da ist dann nichts mehr übrig von einem. Gerade hier bei Castorf. Wir haben zwei Wochen en suite "Idiot" gespielt, jeden Abend sechs Stunden, und direkt im Anschluss zwei Wochen "Berlin Alexanderplatz". Da trifft man niemanden außer den Kollegen, und die auch nur auf der Bühne. Man geht ab, legt sich irgendwo hin, pennt, bis man wieder auftreten muss.Und wenn Sie doch mal einen Tag frei haben?Dann rede ich nicht und bewege mich nicht. Al Pacino hat mal einen Artisten zitiert und gesagt, wir Schauspieler leben für die zehn Minuten auf dem Seil, der Rest ist Warten auf den Auftritt. Oder pauken, Texte. Das geht mir beim Theater eigentlich ziemlich auf den Wecker.Wollten Sie nicht sowieso aufhören, Theater zu spielen?Ich habe gedacht, dass ich fertig bin mit dem Theater. Das letzte Jahr habe ich wie irre gedreht. Und dann ruft Fränki Castorf an, vier Wochen vor der Premiere: "Haste Lust? Knallen wir das Ding hin in vier Wochen?" - "Na ja klar, Frank. Rocken wir hin, das Ding. Einmal machen wir das noch."Es ist das letzte Mal, dass Sie Theater spielen?Ja, mit "Kean" werde ich meinen Abschied vom deutschen subventionierten Theater feiern.Das Gespräch führte Ulrich Seidler.------------------------------"Ich, das Theater verlassen? O, wissen Sie nicht, dass man bei jedem Versuch, dieses Nessusgewand abzustreifen, sein eigenes Fleisch zerfetzt?"Edmund Kean nach Dumas------------------------------Foto: Alexander Scheer mit Piratenpony in der Volksbühne - kurz nach einer "Kean"-Probe.