Seine Zielscheibe war die "verkommende Kunstkultur": Zum Tode des Objektkünstlers Dieter Rot: Ein Meister der experimentellen Respektlosigkeit

Über das Erhebende, das Schöne-Beschönigende, das Harmonische der Kunst, das Kritiker und Publikum in der späten Moderne gelegentlich wieder einfordern, machte Dieter Rot gern sarkastische Bemerkungen, mündliche und schriftliche. Vor allem aber gab er seinen Kunstwerken Formen, die immer öfter dem sogenannten guten Kunst-Geschmack heftig zusetzten. Rot betrieb Kunst zusehends "als Lebensexperiment", wie er es nannte, er steigerte seine Darstellungen auf ein 1:1-Verhältnis zu der Realität. Je krasser er das tat, desto mehr wurde die Kunstwelt auf ihn aufmerksam. Er fehlte auf keiner Großausstellung, Biennale, Messe. Die Museen sammelten seine Arbeiten, er bekam 1989 den begehrten Lichtwark-Preis und unlängst erst den Messe-Preis der Art Multiple. Am Sonnabend starb der 1930 in Hannover geborene Objektkünstler in seiner Baseler Wohnung an Herzversagen. Nun sind die derzeit in Zürich und Wien laufenden großen Werkversammlungen mit einem Mal Gedenkausstellungen für einen ungewöhnlich unangepaßten Künstler, der dem Fluxus zugerechnet wird und auch als Autor bissiger Essays über Kunst sowie deftiger Gedichte etwa "Über die verdammte Scheiße " bekannt wurde. Rot hinterläßt ein breitgefächertes Werk von sprudelnder Originalität und zugleich experimenteller Respektlosigkeit. Geboren als Roth, des "h" entledigte er sich in den Sechzigern, um seinen Namen gewissermaßen progammatisch der emotionalen Ausdrucksfarbe Rot anzuverwandeln, suchte er mal das Extreme, dann wieder das Pädagogische. Der gelernte Grafiker experimentierte mit Öl, Aquarell, Collage, Zeichnung und Druckgrafik; er kombinierte sämtliche Kunsttechniken zu Bildern, Collagen, Objekten, Büchern und Plastiken, er filmte und komponierte. Als Objektkünstler arbeitete er mit vergänglichen Materialien wie Quark, Käse und Schokolade. In seinen "Schimmelgrafiken" spürte er dem Prozeß des Zerfalls nach. Zielscheibe seiner schwergenießbaren Kunst aber war immer die "herrschende Vernunft in der verkommenden Kunstkultur". Letzten Herbst, in der Berliner "Deutschlandbilder"-Ausstellung im Gropius-Bau, war von Rot eine auf behutsame Art pädagogische Materialcollage "Hommage à Lidice" aus den frühen Sechzigern zu sehen, das Tschechische Museum für Bildende Kunst Prag hatte das Objekt als Leihgabe geschickt. Keine drei Schritte weiter standen wir geschockt vor einer jüngeren Arbeit, in der alles aufs Drastische hinauslief: In einer alte Zinkbadewanne hatte Dieter Rot beinahe hundert Beethoven-Büsten aus Schokolade gehäuft, menschenkopfgroß, ein grausig-ekliger, beim langen Hinsehen freilich eher lächerlicher Anblick. Die Abteilung, in der er das groteske Objekt ausstellte, war überschrieben mit "Deutschlands Geisteshelden", und Rot erklärte, es gehe ihm in dieser Arbeit um "deutsche Mentalität", in der sich "machtgestützte Innerlichkeit und tränenselige Selbstergriffenheit" in den Armen lägen. In seiner Arbeit wollte er Paradoxes ausstellen: das Bedürfnis, vor der Geistesgröße Beethovens zu erschaudern, ihn aber ebenso als musikalisches Häppchen daheim und in aller Gemütlichkeit zu goutieren.Rot sprach ironisch vom "Götterverspeisen", Ähnliches ist aus Salzburg als "Mozartkugeln" bekannt.