TALLINN. "Kommt Marzipan aus dem mittelalterlichen Tallinn?" In deutscher, estnischer, finnischer, englischer und russischer Sprache steht diese Frage auf Schautafeln im Marzipanmuseum der estnischen Hauptstadt Tallinn. In der alten Hansestadt, die jahrhundertelang den Namen Reval trug, ist man ebenso überzeugt wie in Lübeck, dass die feine Mandel-Süßspeise von dort stammt. Das Unternehmen Niederegger, Produzent des weltberühmten Lübecker Marzipans, feiert dieses Jahr ebenso seinen 200. Geburtstag wie der estnische Hersteller Kalev.Seit 51 Jahren arbeitet der Chemiker Otto Kubo für Kalev, und noch im Ruhestand ist er fast täglich im kleinen , 2003 gegründeten Museum, um sein Wissen über Marzipan weiterzugeben. Marzipan galt ursprünglich gar nicht als Süßigkeit, sondern als Arzneimittel. "Man verschrieb es bei Nervosität, Kopfschmerzen und Herzweh", berichtet Kubo in fehlerfreiem, altmodischem Deutsch. Das Wundermittel gegen Liebeskummer wurde in der Revaler Ratsapotheke hergestellt, die seit 1422 ununterbrochen in Betrieb ist und als älteste Apotheke Europas gilt. Der Schriftsteller Jaan Kross behauptet in "Martins Leib", ein Geselle der "Raeapteek" habe Marzipan erfunden.Kubo zeigt auf eine Urkunde an der Wand: 1806 eröffnete der Schweizer Konditor Lorenz Cavietzel in der Pikk-Straße 16, mitten in der Altstadt, eine Konditorei. 1864 übernahm der Deutschbalte Georg Johann Stude das Geschäft und der Erfolg setzte ein. Zehn Jahre später erwarb Stude das angrenzende älteste Café der Stadt, in dem man noch heute Pralinés und Marzipan genießen kann, und begann mit dem Export. Die alten Schachteln und Verpackungen mit aufgedruckten Tierfiguren und dem Schriftzug "Georg Stude Reval" gehörten zu den schönsten Ausstellungsstücken im Museum.Bären für Breschnew"Ende des 19. Jahrhunderts wurde Stude zum Hoflieferanten des russischen Zaren ernannt", erläutert Marzipanexperte Kubo. Das Familienunternehmen überstand die Wirren des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution und wuchs auch im unabhängigen Estland. Bis zu 100 Angestellte arbeiteten für Stude. Mit dem Einmarsch der Roten Armee und der Besetzung Estlands 1940 wurde die Firma verstaatlicht und dem Staatsbetrieb "Kalev" zugeschlagen. "Kalev ist eine Figur aus unserem Nationalepos Kalevipoeg und ähnelt dem Siegfried im Nibelungenlied", sagt Kubo. Als einzige der 150 Süßwarenfabriken der UdSSR hatte Kalev eine Tradition für Marzipan und belieferte so das riesige Reich mit der edlen Masse. Auch die "ungekrönten Herrscher", wie Kubo die kommunistische Führungselite nennt, liebten Marzipan. So ließ Leonid Breschnew zu seinem 70. und 75. Geburtstag große Bärenfiguren anfertigen.Als Estland zur Sowjetunion gehörte, war Marzipan für die Bevölkerung sehr teuer. Der 26-jährige Alexej erinnert sich, dass es die Leckerei nur bei feierlichen Anlässen gab. Oft wurden die Figuren gar nicht gegessen, sondern standen zur Zierde im Schrank. "Wenn die Eltern weg waren, haben wir kleine Scheiben vom Rücken abgeschabt und vernascht. Wichtig war nur, dass die Figuren weiter stehen bleiben konnten", gesteht Alexej.Noch heute verwendet Kalev 200 die alten Formen der Firma Stude, aus denen Tiere, Obst, Gemüse und kleine Figuren gemacht werden. Besonders beliebt sind in diesem Jahr kleine Hunde, denn es ist das chinesische Jahr des Hundes. "Wir kommen mit der Produktion kaum nach", sagt Kubo. Käufer der knapp zehn Euro teuren Figuren sind vor allem Touristen aus Russland, die immer öfter nach Tallinn kommen.Im Museum wird genau beschrieben, wie Marzipan, das ursprünglich aus dem Orient stammt, hergestellt wird: Geschälte Mandelkerne werden mit Puderzucker vermischt. Hinzu kommt meist Rosenwasser oder Sirup, um die Rohmasse formbar zu machen. Diese wird zwischen zwei Formen gepresst und dann 7 bis 10 Tage in Stärke eingelegt. Danach ist sie fest genug, um bemalt zu werden. In Tallinn kann der Besucher einer Frau zusehen, wie Äpfel, Männchen und Hunde bemalt werden. "Die Lebensmittelfarben entsprechen den Vorschriften der EU und der USA", betont Kubo und nennt damit die Märkte, die erobert werden sollen.Eine letzte Frage an den Marzipanexperten: Wieso war und ist Marzipan ausgerechnet in den Hansestädten so beliebt? Schließlich ist auch noch das Königsberger Marzipan vielen ein Begriff. Otto Kubo hat auch dafür eine Erklärung: "Über die Handelsrouten der Hanse kamen die Zutaten in die Städte, und die Kaufleute waren wohlhabend genug, um sich die Spezialität leisten zu können."Eines ist aber sicher: Wenn man ein Stück Marzipan aus Tallinn im Mund hat, spielt es nicht die geringste Rolle mehr, wo diese Leckerei mal erfunden wurde.------------------------------Leckerei aus dem Vorderen OrientDie Geschichte des Marzipans begann vor über 1 000 Jahren im Vorderen Orient, wo Mandeln wuchsen und auch Zuckerrohr.In Europa findet man im 14. Jahrhundert erste Berichte aus Italien über eine Mischung aus Mandeln und Zucker namens "Mazaban".Die Firma Kalev, für die heute knapp 800 Angestellte arbeiten, bezog im Jahr 2003 eine neue Fabrik außerhalb der estnischen Hauptstadt.Die Marke gilt heute als die bekannteste Estlands und sogar des Baltikums. Kalev ist jetzt auch an der Tallinner Börse notiert.Das Museum in Tallinn mit angeschlossenem Café unweit des Marktplatzes hat von Montag bis Sonnabend von 9.30 bis 17 Uhr geöffnet.------------------------------Foto: (3) Rein optisch vielleicht nicht jedermanns Geschmack: Marzipanfiguren von Kalev aus Tallinn.